Mühlenstandort 2
Nach dem Abriß der 1759 erbauten Bockmühle, errichtete Müller Ludwig Helms an ihrer Stelle 1861 eine neue holländische Mühle für 3500 Rthlr. Als er am 2.11.1882 starb, erbte seine Tochter Ida Wagenknecht, geb. Helms die Mühle. Ihr Ehemann, der Kaufmann Adolph Wagenknecht, trat in der Folgezeit als Müller und Bäcker auf. Nebenbei besaß er noch ein Lebensmittelgeschäft in der Malchinerstraße.
1890 verkaufte Adolph Wagenknecht die holländische Mühle an den Müller Adolf Schroeder. Dieser wanderte 1898 nach Amerika aus und verkaufte die Mühle an Georg Schönfeldt, der in dem Müllerwohnhaus (heute Straße des Friedens 13) noch eine Bäckerei betrieb.
Ab 1919 arbeitete Paul Harder 34) hier als Geselle, bis sein Vater Johann Harder, Tischler in Stove, die 1861 erbaute Windmühle für 30 000 Mark am 19.8.1924 kaufte und seinem Sohn übergab. Paul Harder hatte schon als 18jähriger seinen Arm bei der Arbeit in einer Mühle verloren. „Und trotzdem hat er gearbeitet, die Säcke geschleppt, wie kaum ein anderer.“
34) Paul Heinrich Friedrich Harder, geb. 11.4.1885 in Blankenhagen, gest. 23.11.1935.
Die Konkurrenz machte den Müllern das Leben schwer. Es konnte nur gemahlen werden, wenn der Wind die Ruten drehte und die Kraft ausreichte, den schweren Mühlstein anzutreiben. Dann hieß es, die Zeit auszunutzen. Sogar des Nachts und am Sonntag gab es keine Ruhe. Die Hahn´sche und die Harder´sche Windmühle besaßen ursprünglich noch keine Windrose. Der Kopf mußte mühselig mittels Spill in den Wind gedreht werden. Das war keine leichte Arbeit. Eine gewisse Erleichterung brachte den Müllern der Einsatz von Arbeitsmaschinen. Die Harder´sche Mühle, im Volksmund nach der roten Dachfarbe auch die „rote Mühle“ genannt, erhielt bald eine Dampflokomobile als Antrieb. Sie war in einem Schuppen nahe der Mühle untergebracht. 1935 erfolgte der Einbau eines Dieselmotors mit unterirdischem Wellenantrieb. Der Motor stammte aus der Klostermühle.
Nach dem Tod des Müllermeisters Paul Harder führte seine Frau, Anna Harder, geb. Fehlhaber das Mühlengeschäft mit Gesellen weiter.
1936 kam es nachts zu einem Brand, wahrscheinlich weil der Geselle auf der Mühle geraucht hatte. Die Mühle brannte vollkommen nieder. Die Feuerwehr griff nicht ein, da es kein Wasser zum Löschen gab. Viel zu retten war sowieso nicht mehr, als das Gebälk lichterloh in Flammen stand. Die Versicherung bezahlte anstandslos, und so konnte sofort an gleicher Stelle eine neue Mühle - die jetzt noch stehende - erbaut werden.
Die Bäckerei im Wohnhaus wurde verpachtet und war noch bis 1945 in Betrieb. 1939 erhielt die Mühle Stromanschluß. Ab 1945 übernahm der Müllermeister Erich Harder 35) die Mühle. Er nahm die Umstellung auf elektrischen Antrieb der Walzenstühle vor. Sein Ausspruch zu der seltsamen Tatsache, daß damals sein Mehl nach auswärts und das von fremden Mühlen nach Neukalen gebracht wurde, lautete: „Es heißt ja immer, Mehl muß gefahren werden, dann backt es erst richtig.“
35) Erich Friedrich Ludwig Karl Harder, geb. 24.7.1910 in Teterow, gest. 19.11.1974.
Leider mußten der Mühle 1964 die Ruten wegen Unfallgefahr abgenommen werden. Am 19.11.1974 starb der Müllermeister Erich Harder. Sein Sohn Günter Harder, der bereits seit seinem 14. Lebensjahr den Müllerberuf ausübte, übernahm die Mühle. Etwa 100 t Mehl war seine Jahresproduktion, die er an die beiden Bäcker in Neukalen auslieferte.
Im Dezember 1991 liefen die beiden Walzenstühle zum letzten Mal. Das Mehl wurde nicht mehr gebraucht, die Mühle brachte keinen Gewinn mehr. Müllermeister Günter Harder ging in den Vorruhestand.
1997 kaufte Jan Wietasch aus Waren die „rote Mühle“ und baute sie bis 2004 zu Ferienwohnungen aus. Es bleibt nur zu hoffen, daß dieses alte Denkmal aus der früheren Windmühlenzeit unserer Stadt noch lange erhalten bleibt.