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Neukalener Sagen

 

Wolfgang Schimmel – 1993

 

 

   Sagen und Überlieferungen aus dem Volksglauben spielten in früheren Zeiten im Leben der Menschen eine große Rolle. Die Erlebnisse und Erzählungen der Altvorderen wurden getreulich auf Kind und Kindeskind vererbt. An den langen Winterabenden in den Spinnstuben bot sich reichlich Gelegenheit zur Verbreitung jener Geschichten und Sagen. Jeder wußte es anders, jeder fügte aus seiner eigenen Fantasie hinzu, was er für wirksam oder interessant hielt oder auch was dem Geschmack der Zuhörer entsprach.

 

   So entstand ein Sagenschatz von unendlicher Vielseitigkeit und überraschendem Reichtum.

 

   Wenn wir heute über die naive Gläubigkeit unserer Voreltern, die aus jenen Sagen spricht, lächeln, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß diese Sagen uns ein getreues Bild der Anschauungen und des Empfindungslebens derer geben, die vor uns auf der heimatlichen Scholle lebten. Ob nun ein Körnchen Wahrheit in den Sagen steckt oder nicht, ist zunächst gleichgültig. Sagen sind ein Spiegel der Volksseele. Mag unglaubwürdig oder selbst unmöglich erscheinen was sie berichten; den Alten schien es heilige Wahrheit, ihnen galt es als Wirklichkeit!

 

   In jeder Sage liegt ein tiefer Sinn, ein verborgener Ursprung. Der Inhalt kann von einem historischen Ereignis oder einer historischen Gestalt bestimmt sein.

 

   Damit dieses alte Volksgut nicht gänzlich in Vergessenheit gerät, möchte ich alle mir bekannt gewordenen Sagen und volkstümlichen Überlieferungen aus Neukalen und Umgebung an dieser Stelle wiedergeben. Sie bilden, ähnlich wie die Flurnamen, eine wertvolle Ergänzung zur frühesten Geschichte unserer Heimatstadt.

 

   Etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt befindet sich am Westrand der "Judentannen" ein auffallender langgestreckter Berg, der in die Wiesenniederung ("Vogelsangswiesen") hineinragt und mit Kiefern und Dornengestrüpp bewachsen ist. Es ist der sogenannte "Weigberg", im Volksmund auch "Preisterkopp" genannt. Hier hat sich wahrscheinlich einmal eine spätslawische Burganlage befunden. Von diesem Berg ist uns nun nachfolgende Sage überliefert:

 

   "In grauer Vorzeit lag dort eine große Burg. Ihr Besitzer war ein mächtiger Raubritter, welchem die umliegenden Städte und Dörfer zinspflichtig waren. Dazu lieferte der am Fuße des Berges liegende See die herrlichsten Fische. Infolgedessen lebten der Burgherr und seine Insassen stets herrlich und in Freuden. Doch wehe dem armen Bauern, der nicht rechtzeitig seinen Pachtzins sowie sonstige Naturalien abliefern konnte; er wurde ins Burgverlies geworfen und bekam obendrein noch die Peitsche zu spüren.

   Auf der Burg herrschte ein wüstes Leben und Treiben. Große Saufgelage, welche gewöhnlich bis zum Morgen andauerten, wurden veranstaltet, an welchen auch die Tochter des Burgherren, ein schönes Weibsbild, jedoch mit herrschsüchtigem Charakter und außerdem noch mannstoll veranlagt, regelmäßig teilnahm. So mancher Freier hatte um sie geworben, doch keiner war ihr recht. Ihr Vater hätte sie gern "unter die Haube" gehabt, und nach einer heftigen Auseinandersetzung äußerte er einmal im höchsten Zorn zu seiner Tochter: "Auf wen wartest du denn noch, du leichtlebriges Ding? Dich holt ganz gewiß noch mal der Teufel!" "Ist mir schon recht," antwortete die leichtfertige Dirne.

   Eines Tages begehrte ein Ritter auf einem prächtigen Hengst Einlaß am Burgtor. Es war der Teufel selbst, in Form eines schmucken, jungen Burschen. Auch er erhielt einen Korb auf seinen Antrag. Dessen ungeachtet blieb er weiterhin als Gast auf der Burg, weil er ein guter Zecher war. Eines Abends war wiedermal ein großes Saufgelage. Es war nahe an Mitternacht, und der Teufel hatte schon sämtliche Zechkumpanen "unter den Tisch" getrunken. Hierauf stattete er der Tochter einen Besuch in ihrer Schlafkammer ab. Die halbbetrunkene Dirne stieß ihn ab mit den Worten: "Scher dich zum Teufel." "Das habe ich nicht nötig," erhielt sie zur Antwort, "denn ich bin der Teufel selbst und werde dich holen!" Nachdem er die Dirne gezwungen hatte, ihm zu Willen zu sein, stieß er sie auf ihr Lager zurück und drehte ihr das Genick um. Hierauf bestieg der Teufel sein Roß und sprengte über das geschlossene Burgtor hinweg ins Freie. Gleichzeitig erfolgte ein gewaltiger Donnerschlag, und die Burg versank mit Mann und Maus in den Berg.

   Die Dirne jedoch hat keine Ruhe in der Erde. Jede Neujahrsnacht zwischen 24 und 1 Uhr soll es ihr vergönnt sein, sich zu zeigen und den Leuten einen Schabernack zu spielen."

 

Der

 

Der "Weigbarg" oder "Preisterkopp" bei den "Judentannen"

 

 

   Soweit die Sage, wie sie Carl Voß vor mehr als 35 Jahren aufschrieb. Obwohl er einige neuzeitliche Züge hinzugefügt hat, ist die Erinnerung an die frühere Burganlage im Kern erkennbar.

   Zu dieser Sage muß ich bemerken, daß C. Voß sie auf dem "Heidalsberg" spielen läßt. Höchstwahrscheinlich irrte er sich darin. Mir wurde von einem älteren Bauern versichert, daß die Sage zum "Preisterkopp" gehört. In dieser Gegend soll es ja auch hin und wieder spuken. Da war vor etlichen Jahren einmal etwas hinter einem Ackerbürger her, so daß er im rasenden Galopp mit seinem Pferdewagen zur Darguner Landstraße fuhr. Erst am Kreuzweg, also dem sogenannten "Obotritenweg" war der Spuk zu Ende.

 

   Besonders sagenumwoben ist der "Heidalsberg", ein mit Kiefern bewachsener Hügel im Norden der Stadt. Vielleicht bezog C. Voß die oben wiedergegebene Sage auf diesen Hügel, weil er viel bekannter und früher ein beliebtes Ausflugziel war.

 

Blick zum

 

Blick zum "Heidetal" (Frühjahr 1995)

 

 

   Die nachfolgende Überlieferung könnte durchaus einen historischen Hintergrund haben:

 

   "Vor vielen hundert Jahren lebten auf der anderen Seite des Kummerower Sees die Zwerge. Auf dieser Seite wohnten die Riesen. Einmal kam es zu einem großen Krieg zwischen den beiden Völkern. Die Riesen gewannen zwar den Kampf, aber ihr König wurde von den Zwergen getötet. Voller Trauer begruben die Riesen ihren König. Zuerst legten sie ihn in einen goldenen Sarg. Seine vielen Schätze und sein großes, reich verziertes Schwert wurden mit hineingelegt. Den goldenen Sarg legten seine Getreuen in einen silbernen und diesen wiederum in einen kupfernen Sarg. Das Grab ist noch heute als großer Hügel zu sehen. Es ist der Heidalsberg."

 

   Diese Sage könnte die volkstümliche Überlieferung eines großen Kampfes zwischen den Slawen und den deutschen Feudalherren vor über 800 Jahren sein. Am 6.7.1164 kam es in unserer Gegend zur Entscheidungsschlacht zwischen dem Slawenfürsten Pribislaw mit seinem Heer und den deutschen Eroberern. Das gesamte slawische Heer und viele Frauen und Kinder hatten sich in der gut gesicherten Festung Demmin verschanzt. In unserer Sage werden sie als Zwerge jenseits des Kummerower Sees bezeichnet. Diesseits des Kummerower Sees lagerte das Holstenheer unter Führung seines Heerführers Graf Adolf von Holstein. Durch eine geschickte Überrumpelung gelang es Pribislaw das Holstenheer in seinem Lager zu schlagen und viele Krieger zu töten. Als einer der ersten fiel Graf Adolf von Holstein. (In der Sage der Riesenkönig?)

   Es kam zwar zu einem anfänglichen Sieg der Slawen, jedoch dauerte es nicht lange, da wurden sie vernichtend von Heinrich dem Löwen geschlagen und verloren für immer ihre Herrschaft in diesem Gebiet. Damit begann die deutsche Masseneinwanderung in das entvölkerte Land. Der 6. Juli 1164 ist also ein bedeutender Wendepunkt in der Geschichte unseres engeren Vaterlandes. Die vorliegende kleine Sage blieb davon als mündliche Überlieferung erhalten. Immerhin befindet sich der "Heidalsberg" in der Nähe des damaligen Kampfgeschehens, und warum sollte es so fern liegen, daß der Heerführer der "Riesen" Graf Adolf von Holstein hier begraben wurde?

   Wie sonst in ähnlichen Fällen üblich, ist aber in dieser Sage keine Lösungsform mehr bekannt. Die wertvollen Särge und Schätze sind noch in der Erde verborgen.

 

   Allbekannt ist die Sage von der weißen Dame, die unerlöst im "Heidal" umhergeistern soll:

 

   "Vor Jahren wurde sie einmal von einer alten Holzsammlerin gesehen, die am Johannistag in der Mittagsstunde Heizmaterial suchte. Als sie einmal aufblickte, stand eine weiße Dame vor ihr. Sie erschrak, hörte aber die freundlichen Worte: "Komm heute Nacht um 12 Uhr wieder hierher, du kannst mich erlösen; denn ich bin eine verzauberte Prinzessin. Du darfst aber keine Angst haben, dich nicht erschrecken und vor allen Dingen kein Wort sprechen. Sprichst du auch nur ein Wörtlein, dann ist der ganze Zauber verschwunden, und alles ist umsonst gewesen." Die weiße Dame verschwand, und die alte Frau ging nach Hause. Sie hatte zuerst Furcht, kehrte aber in der kommenden Nacht doch wieder nach dem Berge zurück. Schon von ferne sah sie die weiße Dame auf einem Stuhl sitzen. Sie hörte sie sprechen: "Es ist gut, daß du gekommen bist, nun gib mir einen Kuß." Die Frau trat näher, um den Wunsch zu erfüllen. Doch im gleichen Augenblick sprang ihr ein garstiger Frosch in's Gesicht. Sie erschrak fürchterlich und rief: "I gitt, i gitt!" und lief den Berg hinab. Als sie bei der großen Eiche stand, erschien die weiße Dame wieder und sprach mit traurigem Gesicht: "Du hast mich doch nicht erlöst. Nun muß ich solange auf meine Erlösung warten, bis ein Häher über das Heidal fliegt und eine Eichel aus seinem Schnabel fallen läßt, aus der wieder eine Eiche wächst. Der Sonntagsjunge, der zuerst in eine Wiege aus dem Holz dieses Baumes gelegt wird, kann mich dann wieder erlösen."

   Noch heute wartet sie auf den, der sie erlösen soll. Bisher hat sich keiner die reiche Belohnung verdient."

 

   Die Stelle, an der die weiße Dame erscheinen soll, ist genau angegeben. Dort, wo die "Hundsallee", bzw. der "Obotritensteig" in das Heidal einmündet, stehen zwei alte Eichen. Dazwischen befand sich einmal eine Bank. An dieser Stelle erscheint die weiße Dame.

 

   Nachdem die Wege im "Heidetal" lange Zeit zugewachsen waren, sind sie nun von ABM-Kräften wieder hergerichtet worden. Wer Interesse hat, den romantischen Platz der weißen Dame kennenzulernen, sollte die kleine Mühe nicht scheuen und einen Spaziergang hierher unternehmen.

 

Hier an der alten Eiche beim

 

Hier an der alten Eiche beim "Heidal" soll die weiße Dame erscheinen

 

   Der Glaube unserer Vorfahren an derartige Erzählungen war groß. Es gab sogar einfältige Menschen, die sich ernsthaft einbildeten, die weiße Dame erlösen zu können. So hatte sich der Musikus Johann Glöckner um 1890 vorgenommen, genannte Dame zu erlösen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1896 saß er jedes Jahr am Johannistag (24. Juni) mittags zwischen12 und 13 Uhr oben auf dem "Heidalsberg" und blies auf seiner Klarinette. Es war ein ganz bestimmtes Lied, welches er immer wieder spielte. Doch sein Warten war vergebens. Einmal wanderte er in der Nacht abermals zum "Heidal". Am nächsten Morgen fanden ihn seine Angehörigen unter einem Hollunderstrauch schlafend vor. Zur Rechten lag seine Klarinette, zur Linken die große leere Schnapsbuddel. Nachdem er sich ermuntert hatte, behauptete er, in der Nacht etwas Schreckliches gesehen zu haben; er würde nachts nie wieder zum "Heidalsberg" gehen, um die Dame zu erlösen.

 

   Über die weiße Dame im "Heidal" gibt es noch eine andere Variante. So soll sie sich dem einsamen Wanderer, der in dunkler Nacht auf der Straße Neukalen - Gnoien am "Heidalsberg" vorüberkommt, aufhocken und immer schwerer werdend den Berg hinauftragen lassen. Bisher hat es aber noch keiner geschafft, und sie konnte nicht erlöst werden. Auch mein Großvater berichtete einmal ernsthaft, daß ihm dort etwas auf seine Forke, die er auf der Schulter trug, aufhockte. Die Forke wurde immer schwerer, so daß er schweißgebadet nach Hause kam. Auch dem Bauer Krüger ist es - allerdings am "Ükerbruch" - passiert, daß ihm ein Aufhocker am Mittag derart zusetzte, daß er nach Hause mußte. Eine "weiße Dame" erscheint in Mecklenburg an so manchem Ort als Sagengestalt. Ebenso gibt es unzählige Stellen, an denen der "Aufhocker" auftritt, der sich in mannigfacher Gestalt dem Wanderer "aufhockt". Allgemein gelten sie als Beleg für die slawische Denkweise, die Felder und Fluren mit Dämonen bevölkert sein läßt. Hier im "Heidal" scheint die Gestalt des "Aufhockers" mit der "weißen Dame" verbunden oder verwechselt worden zu sein.

 

   In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, daß nördlich des Lelkendorfer Bahnhofs, in der sogenannten "Buschkoppel", ebenfalls die weiße (nach anderen Berichten die schwarze) Dame auftritt. Hier hat einmal das slawische Dorf Schorrentin gelegen. Es sind immer bedeutende Örtlichkeiten aus der slawischen Siedlungsperiode, an denen die weiße Dame erscheinen soll.

 

   Eine weitere Sage betrifft ebenfalls den "Heidalsberg":

 

   "Eine Hebamme aus Neukalen, im Volksmund Mutter Griepsch genannt, wurde eines Nachts zum Heidal gerufen. Sie sollte da bei den Unterirdischen im Heidalsberg Hebammendienste leisten. Kurz vor dem Heidal wurden ihr die Augen verbunden, und sie wurde in das Zwergenreich geführt. Nachdem sie ihre Arbeit ausgeführt hatte, geleitete man sie wieder hinaus. Sie mußte ihre Schürze aufhalten, und die Unterirdischen schütteten sie voller Sägespäne. Auf dem Heimweg dachte die Hebamme, was soll ich die Sägespäne nach Neukalen schleppen und schüttete sie weg. Als sie nach Hause kam, hing noch ein Span an ihrer Schürze. Sie wollte ihn abnehmen und wegwerfen. Da merkte sie aber, daß es reines Gold war. Schnell lief sie zurück in das Heidal, aber sie fand nichts mehr von den Sägespänen."

 

   Eine andere Sage führt uns in die Gegend westlich vom "Heidalsberg" in Richtung Schönenkamp:

 

   "Hier haben einmal zwei Knechte auf dem Acker gearbeitet. Die Sonne brannte heiß vom Himmel. Als sie sich zur Mittagszeit an den Ackerrain setzten, um zu verschnaufen, klagten sie laut über ihren Durst, denn sie hatten nichts zu Trinken mit. Wie sie beide so jammern, stehen plötzlich zwei Krüge mit Met vor ihnen. Erfreut greifen beide nach den Krügen und trinken sie leer. Der eine legt nun zum Dank ein Geldstück in seinen Krug, der andere aber spuckt hinein. Dann gehen sie wieder an die Arbeit. Am Abend kommen sie nach Hause. Da schreit die Frau des Knechtes, welcher in seinen Krug gespuckt hatte, laut auf: "Wie siehst du denn aus?" Dieser hatte zur Strafe einen gewaltigen Wasserkopf bekommen. Der andere aber wurde reich und glücklich in seinem Leben."

 

 

   In der "Ostmecklenburgischen Heimat" Nr. 12, Jahrgang 1931 fand ich folgenden Aufsatz, leider ohne Angabe des Verfassers:

 

   "Die Sage vom Heidetal in Neukalen.

   Jahrhunderte haben es nicht vermocht, die kommenden Zeiten und Geschlechter werden es nicht vermögen, die Sage von unserem Heidetal, die ein Bestandteil unseres lieblichen, an den Ausläufern des uralt-baltischen Landrückens belegenen Landstädtchens ist, zu vergessen. Und wenn wir uns alljährlich der Johannisnacht nähern, werden die alten Geschichten wieder lebendig. Großmutter, die von der heutigen, poesiearmen Zeit nichts wissen will, erzählt ihren Enkelinnen und Enkeln immer wieder die Sage, die auch heute noch alle Gemüter gewaltig bewegt; in den Stunden des Feierabends werden im Kreise der Familie die Familienmitglieder mit der Sage vertraut gemacht. Bang und ängstlich richten sich dann die Blicke in der Johannisnacht zum Heidetal hin. Erfüllung heischend?

   Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges war in dem zehn Minuten vom Heidetal entfernten Dorfe, der jetzigen Staatsdomäne Schönenkamp, eine Schwadron schwedischer Husaren einquartiert. Eine aus Güstrow geflüchtete Prinzessin, die ihrer großen Schönheit wegen sehr bekannt war, wurde von dem Führer der Schwadron, einem Neffen des damaligen Schwedenkönigs, umworben. Den Werbungen des feindlichen Offiziers wurde aber von ihrer Seite starker Widerstand entgegengesetzt, da sie bereits mit einem Jugendfreund verlobt war. Dem Führer der Schwadron, der sich bereits gebrüstet hatte, die Gunst der Prinzessin zu erringen, kam durch die ihm entgegengebrachte eisige Kälte zum Bewußtsein, daß er die Prinzessin nie erringen werde. Seine Sinne waren aber bereits derart aufgestachelt, so daß er beschloß, um auch den abfälligen höhnischen Reden seiner Kameraden ein Ende zu machen, die Prinzessin mit roher Gewalt zu erringen. In der Johannisnacht sollte dieser Plan ausgeführt werden. Treue Menschen der feindlichen Schwadron verrieten aber der Prinzessin kurz vor der Ausführung diesen Anschlag. Eiligst floh sie vor dem fremden Offizier. Im Unterholz des Heidetals, in dem hohe Fichten stehen und die Brombeeren stark wuchern, fand sie ein Versteck, von dem sie in ihrer großen seelischen Not annahm, hier Schutz zu finden. Aber bald wurde sie von den Häschern, von denen sie unter Führung des feindlichen Offiziers verfolgt wurde, entdeckt. Der Himmel, der bisher sein Sternenkleid zeigte, verdunkelte sich. Ein heller Blitz leuchtete auf, ein ohrenbetäubender Knall, der die Verfolger zu Boden warf, folgte, und vor der Prinzessin tat sich der Berg auf. In dem so entstandenen Spalt flüchtete sie, streifte aber in den Brombeerranken ihren einen silbergestrickten Schuh und ihren Verlobungsring ab. Während die Soldaten nach diesen Gegenständen greifen wollten, ertönte ein Trompetensignal zum Sammeln. Die Truppen von Wallenstein, von Dargun kommend, hatten die Schweden eingekreist, die über Lelkendorf, Gr. Markow nach Teterow zurückgeworfen wurden.

   Und alljährlich in der Johannisnacht, von 12 - 1 Uhr, öffnet sich jetzt, in der Nähe des Hexensteines, der Heidetalsberg. Von einer glühenden Lohe umgeben, zu ihrer Seite eine gekrönte Schlange und Kröte, erscheint die ruhelose Prinzessin, um den damals verlorenen Ring und den Schuh zu suchen. Aus eigener Kraft ist ihr dieses aber nicht möglich. Nur einem tapferen Jüngling, der sich in dieser Nacht einfindet, werden Ring und Schuh sichtbar sein. Nun muß er der Prinzessin den Ring auf den Finger streifen und erst dann ist sie erlöst. Immer wieder hört man in der Johannisnacht im Heidetal ein klägliches Jammern und Wehklagen, das von Jahr zu Jahr stärker wird, weil sich immer noch kein tapferer Jüngling fand, in der Johannisnacht, zwischen 12 und 1 Uhr, den Gang zum Hexenstein des Heidetals zu wagen. Und wieder werden wir in jeder Johannisnacht bang die Blicke zum Heidetal richten. Wenn auch nicht Erfüllung heischend, so doch mit tiefer, inniger Freude an der Sage, die so eng mit uns, mit unserer Stadt, mit unseren täglichen Freuden und Leiden verbunden ist, die uns unsere Stadt und schöne Umgebung immer wieder liebenswert macht und in uns immer mitklingt."

 

   Das alles ist einmal wirklich geglaubt worden. Unsere Vorfahren fühlten sich ja ganz anders mit ihrem Grund und Boden verbunden als wir heute. Überall sahen sie das Wirken von überirdischen Wesen, von Geistern, Holden und Unholden. Vor allem waren es Stätten der slawischen Mythologie, heilige Haine, Steine, Berge oder andere vorgeschichtliche Orte, an denen diese auftraten. Die meisten Neukalener Sagen spinnen sich um den Heidalsberg. Das muß einen Grund haben!

 

   R. Wossidlo kommt in seiner Abhandlung über "Altheilige Stätten in Mecklenburg" in der Zeitschrift "Mecklenburg" (1919, 14. Jahrgang Heft 1) zu der Schlußfolgerung, daß von jeder heiligen Stätte eine Fülle von Sagen umläuft.

 

   Die Überlieferung berichtet uns nun, daß nach Annahme des Christentums die Slawen im Heidal noch lange Zeit heimlich ihrem Götzen bei Nacht geopfert haben sollen. Die schluchtartige Bodensenke zwischen dem Heidalsberg und der Darguner Chaussee (im Volksmund "Hollergrund" oder "Holmsgrund" genannt) wird mit der Überlieferung in Verbindung gebracht. Bis 1771 war der "Holler- oder Holmsgrund" mit Buschwerk bestanden und kaum zugänglich; dann wurde er ausgerodet und als Ackerland verpachtet. Auch danach war die Schlucht noch viele Jahre durch Baumbestand und dichtes Gebüsch nach außen hin abgeriegelt. Erst durch den Chausseebau 1866 änderte sich die Lage. Betrachtet man diese Schlucht einmal genauer, so kommt man unwillkürlich zu dem Schluß, daß sie nicht auf natürliche Art und Weise in ihrer jetzigen Form entstanden ist. Hier sind einmal Menschen am Werk gewesen und haben sich eine Talsohle nach ihrem Willen verändert. Auf beiden Seiten befinden sich lange gerade terassenförmige Abhänge in jeweils drei größeren Abstufungen. Den Abschluß in der westlichen Ecke der Schlucht bildet ein halbkreisförmiger steiler Abhang. Durch den Baum- und Strauchbewuchs ist der Eindruck etwas verschleiert, aber bei genauer Untersuchung kommt man zu dem Schluß, daß dieser Platz recht abgelegen und sehr gut zur Ausübung der verbotenen Kulthandlungen durch die slawische Restbevölkerung der Umgebung geeignet war. Man besuche den Ort und betrachte die Abhänge und auffallend ebene Talsohle mit etwas Fantasie, so kann man sich unschwer vorstellen, wie hier Versammlungen und kultische Handlungen abliefen; wo auf dem großen Platz das Volk und auf den "Terassen" die "Edleren" saßen. Dazu ist die Örtlichkeit entsprechend hergerichtet worden.

 

   Die Heiligkeit mancher Berge drückt sich in der Volkssage zunächst durch die besondere Art ihrer Entstehung aus; sie sind vom Teufel oder von Riesen oder anderen dämonischen Mächten zusammengetragen worden. Ein alter Bauer sagte mir einmal: "Der Heidalsberg ist früher mit Eimern zusammengetragen. Da haben welche gehaust, als sie sich noch bekriegt haben." Das bezieht sich vielleicht auf Erdbewegungen in dieser Gegend.

 

   Meistens wird der Johannistag in den Sagen angeführt. Allgemein gilt er als der eigentliche heilige Tag der slawischen Kultsagen Mecklenburgs. Es gibt aber noch eine ganze Reihe von Hinweisen, die unsere Annahme einer früheren slawischen Kultstätte im Heidal bestärken. In der oben angeführten Abhandlung spricht sich R. Wossidlo dafür aus, daß "gerade die unscheinbarsten Einzelzüge oft den geschichtlichen Kern der Sage am reinsten offenbaren". In der Zeitschrift "Mecklenburg" (1916, 11. Jahrgang, Heft 3) berichtet R. Wossidlo in dem Beitrag "Die volkstümlichen Pflanzennamen Mecklenburgs": "In dem sagenreichen "Heidaal" bei Neukalen hat früher oft ein Feuer gebrannt. Denn hebben de Ollen secht: "dor brennt de Ros'", (da brennt die Rose)." Vielleicht sind in dieser kurzen Überlieferung Erinnerungen an Opferfeuer im Hollergrund erhalten geblieben.

 

   In Auswertung seiner umfangreichen Sagensammlung in Hinblick auf die altheiligen Stätten in Mecklenburg folgert R. Wossidlo: "Die zahlreichen Sagen der Heimat von einem "Räuberhauptmann", der ein Mädchen raubt, seine Kinder auffrißt usw. sind von besonderer Wichtigkeit, weil sie klare Erinnerungen an slawische Gottheiten bewahrt haben."

 

 

   Die folgende Sage könnte ein weiterer Beleg für eine slawische Kultstätte im "Hollergrund" sein. Sie wurde von Arthur Koch aufgeschrieben und in der "Ostmecklenburgischen Heimat" Nr 15, 4. Jahrgang, 1931 veröffentlicht: 

 

   "Idyllisch liegt die "Grund" an der Kunststraße nach Dargun, unweit des Obotritensteiges. Hohe Tannen und Fichten, das große Unterholz und der Talkessel, der weder Sonnenstrahlen noch Tageslicht hereinläßt, vermitteln dem Wanderer ein herrliches, aber auch ein auf das Gemüt schaurig wirkendes Bild. Es ist deshalb verständlich, daß sich um diese "Grund", die teilweise auch heute noch von ängstlichen Gemütern nie, oder nur selten betreten wird, ein Sagenkranz bildete, aus dem die nachfolgende, wohl als einzige noch, der Gegenwart erhalten geblieben ist.

   Zu Anfang des 17. Jahrhunderts soll es in der "Grund" eine große Höhle gegeben haben, die etwa fünf Meter unter der Erdoberfläche lag und fast den Raum der ganzen "Grund" unterzog. Nachkommen des Ritters Dietrich Moltke, die damals in Schlakendorf bei Neukalen ansässig waren, schlugen aus der Art. Sie wurden, weil sie in dem Verdacht standen, mit dem Teufel ein Bündnis abgeschlossen zu haben, von der Familie verstoßen, trieben sich lange Zeit im Lande mordend und brandschatzend umher, wurden von der sie ständig verfolgenden Sippe in Schorrentin (damals Scorenthin) gestellt und in dem nun folgenden Kampf, bis auf den Ritter Kuno, dem die Flucht gelang, vernichtet. Kuno schlug sich durch die Wälder nach Dargun durch, um bei seinen Verfolgern den Anschein zu erwecken, daß er nach Pommern geflüchtet sei. Unterwegs auf der Flucht soll er nun mit dem Teufel seinen Pakt erneuert haben, der ihm dann die Höhle in der "Grund" als neue Zufluchtsstätte anwies. Von hier setzte er dann seine Raubzüge, nachdem sich durch den Teufel wieder mehrere Kumpane dazugesellt hatten, fort. Nichts war vor ihm sicher. Und wehe dem Überfallenen, der auch nur den Versuch einer Gegenwehr wagte! Erbarmen kannte er nicht! Jeder Versuch einer Gegenwehr wurde mit dem Tode geahndet. Sein blutiges Handwerk verlegte er auch bald nach Pommern. Bei einem Raubzuge, der ihn über den See nach Kummerow geführt hatte, entführte er gewaltsam die neunzehnjährige Tochter des Ritters Maltzahn, die er mit in die Höhle nahm und zu seinem Weibe machte.

   Der jungen Gattin gelang es, den Ritter Kuno zu bewegen, seinen Vertrag mit dem Teufel zu brechen. Aber dieser wollte von einem derartigen Bruch nichts wissen, sondern forderte den Ritter, der bereits sein Schweigegelöbnis gebrochen hatte, unter Androhung der schwersten Strafen auf, sein blutiges Handwerk wieder aufzunehmen. Kuno, der seine Spießgesellen, bis auf einen, bereits vertrieben hatte, konnte sich dazu aber nicht entschließen. Mit einem Fluch verließ der Teufel nach dieser ergebnislosen Unterredung die Höhle. Ein Jahr war vergangen. In der Nacht vom 21. zum 22. März hielt plötzlich ein Gespann mit 6 Rappen vor dem Hause der "weisen Frau" in Neukalen, ohne daß ein Mensch das Gefährt hatte ankommen sehen oder hören. Sie wurde aufgefordert, sofort mitzukommen. Wie die wilde Jagd ging die Fahrt bis zur "Grund". Hier wurden der Frau die Augen verbunden, und nach einer halben Stunde, nachdem die Binde entfernt war, stand sie vor dem Bett der jungen Frau des Ritters Kuno, die ihrer schweren Stunde entgegensah und zu deren Hilfe sie herbeigeholt worden war.

   In der Nacht wurde ein gesundes, kräftiges Knäblein geboren. So wie sie gekommen, wurde sie in der nächsten Nacht wieder zurückgebracht. Ohne Dank entließ sie der Ritter. Nur einen gefüllten Beutel erhielt sie mit den Worten, daß dies für die geleistete Arbeit die Entschädigung sei. In ihrer Wohnung angekommen, fand sie nur Laub in dem Beutel und schüttete es verärgert in den Ofen. Ihr Erstaunen am nächsten Morgen war aber groß, denn über Nacht hatte sich das Laub in Gold verwandelt. Vor Freude außer sich, erzählte und zeigte sie es allen Nachbarn, die von Neugier getrieben, sämtlich zur "Grund" gingen.

   In der Nacht hatte aber der Teufel bereits lange versprochene Rache für den gebrochenen Pakt genommen. Ein Sturm hatte die hohen Tannen und Fichten geknickt. Und aus den Trümmern erscholl das Wimmern einer Kinderstimme und das Wehklagen der jungen Mutter. Vor Entsetzen verließen die Neugierigen den verwünschten Ort.

   Alljährlich in der Nacht, in welcher vom Frühling der Winter vertrieben wird, wiederholt sich das Wimmern und Wehklagen; das Rauschen der Tannen und Fichten, das dann einsetzt, will die Rufe der beiden Seelen um Erlösung unterstützen. Aber die Erlösung tritt erst dann ein, so übermittelt es uns die Sage, wenn von dem bösen Ritter Kuno nicht mehr gesprochen wird. Wenn völliges Schweigen herrscht, wenn restloses Vergessen eingetreten ist, dann erst ist damit die Verzeihung für seine Taten ausgesprochen, und dann erst sind die beiden unschuldigen Seelen seiner Familie endgültig erlöst, die solange aber noch für seine Taten büßen und leiden müssen."

 

   In einer anderen Überlieferung ist es der Räuber Johann Hog'hoot, der im Heidal gehaust haben soll (R. Wossidlo: "Mecklenburg" 1925, 20. Jahrg., Seite 16). "Hog'hoot" bedeutet soviel wie "hoher Hut"; möglicherweise ist es die letzte Erinnerung an ein hölzernes Götzenbild mit einem hohen Hut? RichardWossidlo zählte den Heidalsberg auf Grund der ihn betreffenden Sagen zu den heiligen Bergen. Überall in Mecklenburg gibt es ähnliche Berge, die den Umwohnern unheimlich waren, weil die Volkssage in ihnen "Räuber" und andere dämonische Wesen wohnen läßt. Anderen Bergen wieder weist die Sage eine besondere Bedeutung dadurch zu, daß sie sie zu Wohnstätten von Zwergen macht. Der Teufel, der ja auch in der zuletzt erzählten Sage eine Rolle spielt, tritt oft als Nachfolger der heidnischen Gottheit auf; ebenso sind "Räuber" an die Stelle heidnischer Götter getreten (Wossidio).

 

   Die Erinnerungen an alte Opfer-, Kult- und Begräbnisstätten hielten sich weit in die kirchliche Zeit hinein, obgleich die Kirche von allem, was "heidnisch" war, ihre Gläubigen loszulösen suchte. Von der Kirche wurden die Denkmäler aus der Slawenzeit mit dem Fluch belegt, man machte sie zu verächtlichen Stätten des Teufels und zum Tummelplatz von Hexen und bösen Geistern. Unter diesem Gesichtspunkt muß man auch die Überlieferung vom Hexentanz zwischen dem Heidal und dem "Hopplandsberg" (Hügel vor der Heidalsrinne an der Straße nach Schorrentin) sehen. In gewissen dunklen Nächten soll hier die Begegnung der guten mit den bösen Geistern von Berg zu Berg stattfinden. Es ist also des Nachts nicht recht geheuer in dieser Gegend. Wer solchen Erzählungen zugänglich war und sie für baare Münze nahm, mied peinlichst diesen Ort.

 

   Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung der Flurnamen in der Gegend des Heidals. Flurnamen gehen oftmals auf die Zeit der Auseinandersetzungen zwischen Slawen und deutschen Einwanderern sowie die Besiedelung unter dem Deckmantel der Christianisierung zurück. Ja, es gibt auch viele Namen, die noch älter sind und aus slawischer Zeit stammen.

 

   Da ist zunächst der Name des Berges selbst: "Heidal" (gesprochen wie Heidaal). Diese niederdeutsche Form wird heute im hochdeutschen Sprachgebrauch als "Heidetal" wiedergegeben.

 

   Die Bezeichnung "Heydal" kommt schon im ältesten Stadtbuch von Neukalen 1399 vor und stammt somit wirklich aus der Anfangszeit unserer Stadt. In diesem Zusammenhang ist man gewillt, den Namen als Heidental = Tal der Heiden zu erklären. Das widerspricht aber den Erfahrungen der Flurnamenforschung. Richtiger ist die Deutung als "weitab gelegene Heide". Überhaupt keine wissenschaftliche Grundlage hat die Erklärung des Namens aus "Heiden - Al" = "Gott der Heiden" (gotisch alhs = Heiligtum oder nach dem germanischen Alvater Alfadurs), die in früheren Jahren (vor 1945) in Neukalen an der Schule gelehrt wurde. Dafür gibt es keinen konkreten Anhaltspunkt, obwohl es die sagenhafte Überlieferung der Götzenanbetung bis zur vorslawischen Zeit hin bestärken würde.

 

   Eine Bemerkung R. Wossidlos in einem Bericht in der Zeitschrift "Mecklenburg" (1928, 23. Jahrg Heft 4) möchte ich hier noch wiedergeben: "Wie es zu verstehen ist, daß das im Heidaal bei Neukalen verwünschte Schloß nur jemand erlösen kann, dessen Name mit einem P beginnt, ist mir noch nicht klar geworden." Das bezieht sich wohl auf unsere erste Sage. Bei seinen Forschungen kam R. Wossidlo zu dem Schluß, daß bei keinem der früheren großen Heiligtümer das heilige Wasser fehlte. Für die slawische Kultstätte im Ort Bugelmast oder im Heidal war es der Kummerower See. Wenn noch heute der Volksmund davon redet, daß der Kummerower See alljährlich ein Opfer fordert - was sich leider auch immer wieder bestätigt - so sind solche Sagen ihrem Ursprung nach Erinnerungen an Menschenopfer, die früher an heiligen Wassern den Gottheiten dargebracht wurden. Doch auch klare Erinnerungen an Wassergottheiten fehlen nicht. Meist sind es solche weiblichen Geschlechts. "Up den Kummerower See führen Johannimiddach de Seejungfern spazieren, von'n Boorsbarg in de Richtung na'n Heidaal", sagte man in Neukalen.

 

   Am Westrand der "Judentannen" ragt ein langgestreckter Hügel in die Wiesenniederung. Er wird auf alten Karten "Weigbarg" oder auch "up de Weig" genannt. Die Bezeichnung geht wahrscheinlich auf das Wort "Wiege" zurück. Vielleicht hat es hier einmal eine Sage über eine versunkene Wiege gegeben, wie sie in Mecklenburg an sehr vielen Orten, besonders Stätten der Frühgeschichte, hängt. Leider ist davon nichts mehr bekannt. Die gesamte Gegend heißt "Vogelsang" und wird auch durch diesen Namen, der aus abergläubischen Vorstellungen entstand, besonders hervorgehoben.

 

   Interessant ist vielleicht noch, was mir eine der ältesten Einwohnerinnen Neukalens aus ihrer Kindheit erzählte. Jedesmal, wenn sie zum Heidal spazieren gehen wollte, dann sagte ihr Großvater zu ihr: "Geh aber nicht den Obotritensteig nach rechts hinunter (in Richtung Vogelsang)! Da ist es nichtgeheuer. Dort sind Steine zum Hinaufgehen, und es steckt was in der Erde." Was das zu bedeuten hatte, weiß niemand mehr.

 

 

   Eine weitere vorgeschichtliche Stelle finden wir zwischen Gülitz und Franzensberg im Wald. Hier liegt der "Schwarze See", umgeben von einem Sumpfgelände. Unmittelbar an dem See liegt eine sehr gut erhaltene Wallanlage, im Volksmund "Schloßberg" genannt. Sie stammt wahrscheinlich aus der Zeit der deutschen Einwanderung und gehörte vielleicht im 14. Jahrhundert dem Ritter Moltke in Schlakendorf. Von dem See wird folgende Sage berichtet:

 

   "Vor Jahren, als es noch keine Chausseen gab, ist in diesem kleinen, unergründlich tiefen See eine Gräfin mit Pferd und Wagen ertrunken, und zwar durch die Nachlässigkeit des Kutschers. Dies Unglück ist gerade in der Neujahrsnacht geschehen; und soll man nun seit jener Zeit in jeder Neujahrsnacht ein um Hilfe rufendes, einem durch Mark und Bein gehendes Geschrei hören können."

 

   Ähnliche Sagen gibt es in Mecklenburg viele. Diese Sage ist auch heute noch gut bekannt, der Ort der Handlung wird aber fälschlicherweise auf den weiter nördlich an der Straße gelegenen "Herthersee" verlegt. Der Name "Herthersee" bzw. "Herthasee" ist allerdings auch verdächtig: Tacitus, der römische Geschichtsschreiber berichtet im ersten Jahrhundert von unseren Vorfahren, daß sie als Göttin die Erdmutter Nerthus oder Hertha verehrten, deren Bild alljährlich zu gewisser Zeit auf einem mit Kühen bespannten Wagen an einen See gefahren wurde, wo Sklaven es wuschen ...

 

 

   Glockensagen gibt es in den verschiedensten Varianten in ganz Mecklenburg. Die Glocke in Altkalen soll rufen: "Hanna Susanna (Hanno Sanno), dee mi goot, is doot, licht in't Kalener Lindholt" oder:"Licht in'n Kalendiek, dorüm slahn de Klocken togliek."

 

   Ähnliches wird über die Neukalener Glocken berichtet. Diese sollen rufen: "Hanna Susanna, dee mi goot, is doot, licht in'n Heidaal" oder aber: "Schad is, bar is, dat dei Lihrjung dod is!" Diese Sprüche gibt es an vielen Orten, sie haben in den seltensten Fällen einen historischen Hintergrund.

 

   Im "Honigland" (Ackerland zwischen der Bahn und der Koppel vor den Salemer Tannen) sollen einmal Fischer gewohnt haben," wurde mir berichtet. Auch das ist eine dunkle Überlieferung an alte Zeiten. Hier wurde vor einigen Jahren eine germanische Siedlung festgestellt und durch Funde belegt; etwas weiter nördlich lag das slawische Dorf Rossow. Unweit der Stelle befindet sich die Salemer Scheide. Dort soll es oftmals nachts spuken. Schon manchem ist da ein Totenwagen erschienen. Auch im "Düsteren Sack" zwischen Schlakendorf und Franzensberg soll es spuken.

 

   "Meist hebben sick süs de Ünnerirdischen mit de Babenirdschen ganz gaud stahn, sei hebben de Minschen sogor oft hulpen, hebben ehr ok Geld leihnt un all so wat. Wo de Minschen oewer häßlich tau ehr wäst sündt, dor hebben sei ehr ok schabernackt. Ein von ehr is ümmer in ein Hus in Nikalen kamen un hett sick von de Deinstdiern Melk halt. As de Husfru dat gewohr ward, verbütt sei dat. Dunn seggt de ünnerirdsch Fru tau dat Mäten: Üm diss' Tid oewer'n Johr verlat dat Hus, denn brennt dat af." So is dat ok kamen."

 

 

   Interessant ist auch die Sage über den Steinberg im Kummerower See. Etwa in gleicher Höhe wo die Judentannen enden und Warsow beginnt, befindet sich einige hundert Meter vom Ufer entfernt im Kummerower See eine Stelle, die von Fischern und Anglern als "Steinberg" bezeichnet wird. Hier sind unmittelbar unter der Wasseroberfläche riesige Felsbrocken in konzentrierter Anhäufung vorhanden. Rundherum ist das Wasser tiefer. Eine Laune der Natur - oder künstlich geschaffen? Jeder Fischer oder Angler meidet diese Stelle, um nicht Schaden am Boot zu erleiden. Die Sage berichtet, daß an diesem Ort in grauer Vorzeit einmal eine Burg gestanden hat:

 

   "Der Besitzer der Burg, ein gewissenloser Raubritter, überfiel und plünderte von hier aus alle Handelsschiffe, die aus der Demminer Richtung kamen und nach Neukalen oder Malchin wollten. Auf der anderen Seite des Kummerower Sees, zwischen Kummerow und Malchin, lag die Burg "Kiek in de Peen". Hier hauste ebenfalls ein Raubritter, der Handelsschiffe aus Malchin ausraubte. Beide Burgbesitzer gerieten oftmals in Streit und bekriegten sich gegenseitig. Dabei wurde dann auch die Burg auf dem "Steinberg" zerstört und zerfiel allmählich. Nur noch die Grundmauern blieben als Reste erhalten."

 

   Die Burg "Kiek in de Peen" gab es tatsächlich. Sie ist urkundlich nachzuweisen. Von einer Burg auf dem "Steinberg" ist nichts weiter als die Sage bekannt.

 

 

   Vielen Einwohnern sind sicherlich die Erzählungen über geheime Gänge geläufig. Da man sie in den Bereich der Sagen eingliedern muß, soll im folgenden dazu einiges gesagt werden.

 

   Es soll also einmal ein gewölbter unterirdischer Gang vom Kirchturm ausgehend zum ehemaligen Kloster (in der Klosterstraße beim Schulhof) geführt haben. In ihm sind noch zahllose Schätze verborgen. Mehr weiß die Sage nicht mehr darüber zu berichten.

 

   Zwar sind bei bedeutenden Umbauten in der Kirche um 1890 unterirdische Gewölbe mit Grabstätten und Särgen alter Patrizier gefunden worden, jedoch von einem Gang war nichts zu entdecken. Unter dem Altarraum befand sich zum Beispiel ein Gewölbe, in welchem sechs Särge standen. Auch geheime Kammern mit alten, leider vernichteten Schriften, wurden gefunden. So berichtete Carl Voß, daß nach dem Einmarsch der Sowjetarmee 1945 Soldaten das Innere der Kirche nach Schätzen absuchten. Durch Abklopfen der Wände wurde im Turm ein Hohlraum entdeckt. Nachdem man ein Loch in die Wand gestemmt hatte, fand man in dem kleinen Raum zahlreiche alte Handschriften mit schön gemalten Anfangsbuchstaben. Leider wurde alles auf einen Ackerwagen geladen und in die Müllgrube gefahren.

 

   Die Wendeltreppe ist ebenfalls erst im vorigen Jahrhundert wiederentdeckt worden, und sicher steckt das Kirchengebäude noch heute voller Geheimnisse aus früheren Zeiten, aber von einem Gang fehlt jede Spur. Ähnliche Überlieferungen über unterirdische Gänge findet man in fast jeder Stadt.

 

 

   Der Sage nach soll Neukalen in alten Zeiten eine bedeutende Schiffahrt unter eigener Handelsflagge betrieben haben. Das ist natürlich unwahrscheinlich und bei der früheren schlechten Wasserverbindung zur Außenwelt (die Peene wurde erst 1866 durch den Bau des Kanals begradigt und der Hafen angelegt) schier unmöglich. Dasselbe wird über Altkalen berichtet. Diese Sage oder Überlieferung bezieht sich wohl auf die Vitalienbrüder, Seeräuber im 14. Jahrhundert. An ihrer Spitze standen hauptsächlich mecklenburgische Ritter mit ihren Leuten. Einer ihrer Hauptleute hieß Bosse (Borchard) von Kaland, dessen Geschlecht in Kleverhof und Rey gesessen hat. Er gab mit seinem Namen "von Kaland" vielleicht Anlaß zur Behauptung, Neukalen und Altkalen, die ja früher Kaland genannt wurden, hätten einmal bedeutende Schiffahrt betrieben.

 

 

   Eine weitere Überlieferung muß vorerst ebenfalls in den Bereich der Sage eingeordnet werden. Sie klingt zwar hier und da aus irgendwelchen dunklenQuellen an, konkrete Beweise in Form einer Urkunde oder vorliegender Funde gibt es nicht. Der Berg vor dem Lelkendorfer Bahnhof heißt "Mühlenberg". Hier soll einmal im Mittelalter ein kleines Dorf mit Mühle (eventuell Wassermühle am Fuhrtsbach?) gelegen haben. So vermerkt es jedenfalls der Küster Kliefoth in seiner 1909 angefertigten Flurnamensammlung. Nichts als der Name "Mühlenberg" ist geblieben. Vielleicht gibt es eine Verbindung zum Folgenden?

 

   Im Lande Kalen, im Besitz des Klosters Dargun, hat ein Dorf "Madesin" gelegen, welches 1248 bis 1282 mehrmals in Urkunden erwähnt wird. Das Dorf kann nicht groß gewesen sein, denn es wird mit zwei Hufen (Bauernstellen) angegeben. Im ältesten Stadtbuch von Neukalen wird 1399, 1414 und 1447 ein "Medesinberg" genannt. Ich möchte annehmen, daß der Berg diese Bezeichnung nach dem dahinter liegenden Dorf Madesin erhalten hat. Als das Dorf unterging, verschwand auch der unverständliche (slawische!) Name Medesinberg. Dafür blieb die Benennung Mühlenberg bestehen, weil die Erinnerung an eine Mühle im Volk wach blieb.

 

 

   In der Zeitschrift "Ostmecklenburgische Heimat", Jahrgang 1934, Nr. 2 fand ich die nachfolgende Sage, aufgeschrieben von Arthur Koch aus Neukalen:

 

   "Die Sage der Försterberge.

   Unter dem Namen "Mecklenburgische Schweiz" versteht man den bergreichen Ausläufer des ural - baltischen Höhenzuges. Auf dem halben Wege von Neukalen nach Malchin, also im Herzen der "Mecklenburgischen Schweiz", nachdem der fast 2 Kilometer lange "Holzberg" passiert ist, kommt plötzlich wieder ein Einschnitt, dem eine größere Bodenerhebung folgt, der sogenannte "Försterberg". Es wird heute noch, vielfach sogar ernstlich, und nicht nur von ängstlichen Gemütern behauptet, daß es in der Umgebung dieser Berge nicht ganz geheuer sei und daß es in der Morgen- und Abenddämmerung hier spuke. Vor gut einem Jahrzehnt hielt eine solche Spukgeschichte die Gemüter der Stadt Neukalen in Aufregung, und zwar, weil einem sonst beherzten Gutsbesitzer der Nachbarschaft, der vor einigen Jahren verzog, der sagenhafte Spuk begegnet sei. Auf dem Heimwege in der Morgendämmerung sei ihm plötzlich an dem von der Kunststraße abgehenden Wege nach Franzensberg eine Frau, die ein Knäblein auf dem Arm trug, begegnet, mit ihrem anderen Arm habe sie ihm den Weg versperrt. Einen Durchgang hätte er auch gar nicht wagen können, wenn er wirklich den Mut dazu gehabt hätte, so erzählte er, denn auch rundherum sei die Frau von züngelnden Flammen umgeben gewesen. Er sei deshalb umgekehrt und habe einen in der Nähe befindlichen Richtsteig benutzen wollen, um nach Hause zu kommen. Aber auch hier sei plötzlich die Frau erschienen und habe ihm wieder mit ihrem freien Arm bedeutet, daß ein Durchgang nicht gestattet sei. Er habe deshalb auf der Kunststraße einen längeren Spaziergang gemacht und, als die Morgendämmerung vorbei, sei es ihm möglich gewesen, ungefährdet nach Hause zu kommen.

   Die Ansichten hierüber waren seiner Zeit geteilt. Während von sehr vielen diesem Erlebnis Glauben geschenkt wurde, waren die Männer meistenteils der Ansicht, daß der Spuk eine Folgeerscheinung der in Neukalen genossenen alkoholischen Quantitäten gewesen sei und, wenn er den nach der Spukerscheinung gemachten Spaziergang vorher gemacht hätte, dann hätte er die Spukgestalt nicht gesehen, denn durch den Spaziergang sei er nüchtern geworden. Wie dem aber auch sei, bei einigen Alten der Stadt kamen hierdurch Erinnerungen an eine längst vergessene Sage wieder auf, die vielleicht auch im Unterbewußtsein des "Spökenkiekers" geschlummert haben mag. So wird denn erzählt:

   Am Ende des 14. Jahrhunderts, als die Vitalienbrüder die Ostsee unsicher machten, sei von dem Papst in Rom (es gab damals deren zwei, der eine in Rom, der andere in Avignon. D. Verf.) ein sogenannter Ketzerrichter in den Mecklenburger Landen erschienen, denn es ließen sich, so sagte der Papst in seiner Bulle, die Menschen nur noch von ihren Leidenschaften leiten, lästerten Gott und seien Werkzeuge des Satans. Der Ketzerrichter sollte nun, da auch Anfänge einer reformatorischen Bewegung von England aus ihren Weg nach Mecklenburg gefunden hatten, die Menschen wieder zu Gott bringen, alle Ketzer, die nicht widerrufen wollten, der weltlichen Obrigkeit übergeben. So hatten denn auch bereits verschiedene Scheiterhaufen in Mecklenburg geraucht und der Name des Ketzerrichters verursachte, wo er nur genannt wurde, Angst und Schrecken.

   Zu dieser Zeit hielt sich die Ehefrau eines in der Umgebung von Neukalen seßhaften Ritters (die Überlieferung weiß nicht mehr wo) in Rostock auf und widerrief auch. Um aber auch für die Zukunft allen Nachstellungen des damals außerordentlich mächtigen Ketzerrichters zu entgehen, fügte sie ihrem Widerruf hinzu, daß sie noch zu ihren Lebzeiten in die Hände des Leibhaftigen fallen wolle, wenn sie jemals ketzerische Gedanken gehabt habe, oder in Zukunft zu führen gedenke. Den Nachstellungen des Ketzerrichters war sie mit diesem beschworenen Widerruf sicher. Aber sie hatte sich jetzt einen Feind herangeschworen, der noch weniger Erbarmen als der Ketzerrichter kannte, denn tatsächlich war sie den reformatorischen Bestrebungen nicht abhold gewesen. (Zum besseren Verständnis möchte ich hier einschalten, daß mit dieser neuen Lehre wohl die von Wyclif in England gemeint sein soll, der ja auch als Ketzer verbrannt werden sollte, aber von seinem König gegen die Kirche in Schutz genommen wurde. D. Verf.) Zum Entsetzen der sie begleitenden Ritterknechte und Dienerinnen war sie plötzlich auf der Rückreise von Rostock aus dem Wagen verschwunden. Die ganze Umgegend wurde abgesucht, auf allen Burgen, in allen Dörfern nachgefragt, nirgends war eine Spur der so geheimnisvoll Verschwundenen zu finden.

   Bis eines Tages ein Bauer spät von einem Besuch eines benachbarten Besitzers zurückkehrt und den Weg über die Försterberge nimmt, um ein Stück des ordentlichen Weges abzuschneiden. Auf einer vom Bergrücken herabkommenden Lichtung sieht er einen Mann, der mit einer Art Schlitten, auf dem eine Frau sitzt, wiederholt aufwärts und abwärts fährt. Er geht näher, bleibt stehen, wundert sich, daß der Mann seine unsinnige Berg- und Talfahrt nicht abbricht. Schließlich, als ihm die Sache zu bunt wird, fragt er verwundert, was das bedeute. "Ich bin einer der Teufel," antwortet der Mann. "Ich habe in der Hölle einen dummen Streich gemacht, bin dafür bestraft und muß nun diese Frau bis zu ihrem Tode hier diesen Berg herauf und herab fahren".

   Der Bauer schaut nun die Frau näher an und erkennt zu seinem Schrecken die spurlos verschwundene Rittersfrau. Vor Entsetzen will der Bauer forteilen, wird aber von dem Teufel zurückgerufen. "Es ist gleich ein Uhr", sagt dieser zu ihm, "dann höre ich für heute auf zu fahren. Aber auf die Dauer wird mir das zu schwer, denn die Frau kann ja noch lange leben. Du kannst mir helfen!" Der Bauer bekreuzigte sich und lehnt eine Hilfe ab, da er für sein Seelenheil besorgt ist. Der Teufel versucht aber immer weiter seine Überredungskünste und macht ihm schließlich den Vorschlag, daß er bis zur nächsten Nacht um 12 Uhr am Fuße des Berges eine größere Grube graben solle. Dann solle er sich um die gleiche Zeit mit einer Schaufel wieder einstellen. "Ich werde dann", so fährt der Teufel fort," wenn ich mit der Frau bergab fahre, diese in die Grube kippen, und du mußt sie dann schnell eingraben. Dafür will ich dich reichlich belohnen." Der Bauer hat immer noch große Bedenken. Schließlich sagt er zu, als der Teufel ihm erklärt, daß ihm für sein Seelenheil nichts passieren könne, denn aus den Händen des Teufels komme die Rittersfrau doch nicht mehr heraus. Er könnte durch seine Hilfe ein barmherziges Werk leisten, indem er die Qualen dieser Frau um viele Jahre verkürze.

   Am nächsten Tage geschieht dann alles so wie es der Teufel mit dem Bauern besprochen hatte. Als dieser nun seinen Lohn fordert, erklärt ihm derTeufel, daß er diesen empfangen werde, sobald er seinen Hof betrete. Mißtrauisch geht der Bauer heim und bereut schon, ihm geholfen zu haben, denn er glaubte sich um die versprochene Belohnung geprellt. Beim Betreten seines Besitzes ließ er die mitgenommene Schaufel fallen, da diese ihm außerordentlich schwer wurde. Wie aber erstaunte er, als er sah, daß sich der Schaufelstiel plötzlich in Gold verwandelt hatte, dagegen war das Schaufelblech nicht verändert. Der Bauer soll später heimlich sein Anwesen verlassen haben und sich als reicher Mann in einer fernen Stadt niedergelassen haben. Seines Reichtums wurde er nie froh; er machte nach einigen Jahren seinem Leben selbst ein Ende. Von seinem Gold fand sich nichts mehr.

   Die Rittersfrau hat dagegen in ihrem Grabe keine Ruhe finden können. Schon bald nach ihrem Verschwinden holte der Ritter sich eine andere Frau auf seine Burg, die dem kleinen Knaben, der den Verlust seiner Mutter noch nicht begreifen und beklagen konnte, eine schlechte Stiefmutter wurde. Ohne irgendwelche Anzeichen einer Krankheit starb der Knabe plötzlich. "Seine Mutter hat ihn geholt," sagten die Leute, denn bald nach dessen Tode erschien die Frau mehreren Passanten, die den Weg in der Morgen- oder Abenddämmerung über die Försterberge nahmen. Auf ihrem linken Arm trug sie den Knaben und rundherum um die Frau züngelten Flammen empor, ohne jedoch Frau oder Knaben zu verletzen. "Das Höllenfeuer verläßt sie auch bei Ihrer ruhelosen Wanderung auf der Erde nicht," fügten die Leute hinzu. Sie wird erst dann aufhören, auf der Erde ruhelos zu wandern, wenn ihre Gebeine in geweihter Erde liegen, so schließt die schon fast vergessene Sage."

 

Die weiße Dame und die Holzsammlerin

Die weiße Dame und die Holzsammlerin