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Zur Geschichte des Sports in Neukalen
(Teil 9)

 

Bodo Kunst


Der schnellste Fisch aus Neukalen

   In der Reihe über den Sport in unserer Kleinstadt widmen wir uns in diesem Heft einem Mann, in dessen ganzem Leben das Wasser im Mittelpunkt seines Freizeitlebens steht. Dieser Beitrag ist Bodo Kunst gewidmet. Er ist ein weiteres Beispiel dafür, wie viele talentierte Kinder es doch im Laufe der Zeit in Neukalen gab.
 
Bodo Kunst, geb. 15.3.1952
 
Bodo Kunst, geb. 15.3.1952

 

 

   Bodos sportliche Anfänge lagen zunächst im Geräteturnen. Dies war bei einem Sportlehrer namens Dominka zu dieser Zeit sehr nahe liegend. Dem großen, damaligen Trendsport Nummer eins, Fußball, konnte er nichts abgewinnen und so wurde er Mitglied in der SSG Neukalen. Im Juni1963 mit 11 Jahren nahm Bodo an seinem ersten größeren Wettkampf teil. Mit einigen anderen Neukalener Schülern fuhr zu den Jahnsportspielen nach Sommersdorf. Dort landete er in der Wertung “Gemischter Sechskampf“ mit dem 22. Rang im Mittelfeld. Der ganz große Durchbruch gelang ihm auch bei weiteren Wettbewerben nicht. Sein schlanker Körperbau sprach eher dagegen, doch entmutigen ließ er sich nie und so gab es im April 1964 einen 13. Platz bei den Kreismeisterschaften im Gerätevierkampf in Demmin, sowie mehrere gute Plazierungen bei den jährlichen Schulmeisterschaften in Neukalen. 
   Aber das wahre Talent des Jungen blieb weiter unentdeckt. Bodo war sportlich nämlich vielseitig interessiert. Da war zum einem das Radfahren. Zu gern fuhr er mit seinem Sportrad durch seine schöne Heimat. Doch die große Zeit des Radsportes war in Neukalen schon lange vorbei und in Malchin ging sie auch langsam zu Ende. Seine zweite und wohl größte Liebe galt aber dem nassen Element. Kein Sommer konnte dem Jungen früh genug kommen. Endlich rein ins Wasser. Schwimmen, tauchen und springen, das war seins. Hier war er, nicht nur unter gleichaltrigen, der Beste. Das zog nicht nur die bewundernden Blicke der Mädchen auf sich. Besonders für seine Taucheinlagen in der Tonkuhle und seine oft waghalsigen Sprünge von der Eisenbahnbrücke in Neukalen mußte er mehrmals vor seinen informierten Eltern Rede und Antwort stehen. Diese waren natürlich besorgt, aber wirklich zügeln konnten sie seinen Eifer auch mit Verboten nicht.
   Mit dem Durchbruch seines Talentes mußte er bis zum 8.5.1965 warten. Am damaligen Feiertag (Tag der Befreiung) schlug endlich seine Stunde. Das Pech eines anderen wurde sein Glück. An diesem Tag fand auf der Strecke zwischen Neukalen und Lelkendorf die alljährliche kleine Friedensfahrt statt. In Stufe 7/8 Klasse ging es über 5000 Meter. Zwei Jungs setzten sich gleich zu Beginn des Rennens ab. Einer war Jürgen Voth, Bruder der beiden guten Radsportler Wolfgang und Uli Voth (siehe Heft 18), auf einem modernen Rennrad unterwegs und der andere Bodo Kunst auf seinem schon erwähnten Sportrad. Es entbrannte ein heißer Kampf mit vielen Führungswechseln. An der Wendemarke in Höhe des Lelkendorfer Bahnhofes fiel dann die Entscheidung. Jürgen fuhr die Wende zu eng und stürzte. Bodo zögerte mit dem fahren, doch als Jürgen das o.K.-Zeichen gab und winkte, er solle weiter machen, ging es mit Volldampf Richtung Neukalen. Dort kam er in der Zeit von 11:01 Minuten als strahlender Sieger an. An diesem Sieg geknüpft war entweder die Teilnahme an der “Großen“ Friedensfahrt in Malchin oder der Start bei der Kreisspartakiade im Modernen Dreikampf in Dargun. Bodo entschloß sich zu letzteren und das mit vollem Erfolg. Am 26.6.1965 errang er den Sieg in der Kinderklasse II. Den Rückstand, den er nach Laufen und Schießen noch hatte, holte er im Wasser des Klostersees locker auf und schlug als souveräner Sieger an. Das blieb natürlich nicht unentdeckt. Joachim Österheld und Manfred Wendt, ihres Zeichen nach Chef und Trainer der Darguner Schwimmsportgruppe bekamen große Augen beim Anblick von Bodos Schwimmkünsten. Wieso wurde dieser Junge bisher nicht entdeckt? Sicherlich wäre ein Lehrschwimmbecken in Neukalen da förderlich gewesen, doch das wurde erst drei Jahre später auf dem Schulhof errichtet (Heft 19). So blieb dieses Talent denn auch dem emsigen Reinhold Dominka zwar nicht verborgen, aber er konnte es mit seinen Mitteln nicht fördern. Aber es gab ihn später ein weiteres Argument zum Bau des Beckens in die Hand. So hatte zwar Bodo keinen Nutzen, aber einen gehörigen Anteil an dessen Erbauung.
   Die Darguner machten am gleichen Tag noch “Nägel mit Köpfen“. Sie organisierten sofort ein Treffen mit Bodos Eltern und holten sich deren Zustimmung für den Wechsel nach Dargun. So wurde er ab den 1.7.1965 Mitglied der BSG Traktor Dargun. Das hieß aber auch, den Tagesablauf komplett umstellen. Bodo kam in diesem Sommer in die achte Klasse. Das hieß, sein letztes Schuljahr stand bevor, denn die neunte und zehnte Klasse wurden erst zwei Jahre später eingeführt. Er hatte nun zwei- bis viermal Training in der Woche, das war schon hart. Zudem mußte er auch immer noch nach Dargun kommen. Auto war nicht, also blieb nur das Rad. Gut das er damit vertraut war, und so wurden die Touren immer gleich als Trainingseinheit mit einbezogen. Zwischen 18 und 20 Minuten lagen seine Spitzenzeiten und zeigen, daß er es auch im Radsport weit gebracht hätte. Der heutige Trainer hätte ihn vielleicht zum Triathleten ausgebildet. Die Darguner Schwimmgruppe war ein tolles Team und Bodo hatte mit seiner offenen Art keinerlei Schwierigkeiten sich zu intregieren. Sie bestand aus cirka 20 Jungen und Mädchen verschiedener Altersgruppen. Joachim Österheld war der Chef des Ganzen und neben dem Training hauptsächlich mit der ganzen Organisation beschäftigt. Er hatte diesen Posten mehr oder weniger freiwillig vom alten Schwimmmeister Ristow geerbt. Als Trainer fungierte Manfred Wendt. Der war früher selbst aktiver Schwimmer und Inhaber einiger Bezirksrekorde. Als seine größten Erfolge bezeichnet er selber den Sieg beim Tollense-Schwimmen über 2000 m und die Ausbildung zum Übungsleiter Stufe 3. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen machte ihm viel Spaß. Sein Spitzname war “Geheimrat“. Er wußte für fast jedes Problem eine Lösung. Vor allem, wenn das Wasser des Klostersees zu kalt war, galt es für ihn alternative Trainingsmöglichkeiten zu schaffen. Und es war oft zu kalt, doch bis 15° C gab es kein Erbarmen. Seine Schützlinge konnten sich ja warm schwimmen. Gerade Bodo gehörte zu denjenigen, die kaltes Wasser so gar nicht mochten, doch auch er mußte da durch. Die gute Gesundheit sowie die erreichten Ergebnisse gaben ihm Recht. Für die Fahrten zu den Wettkämpfen oder erkämpften Trainingseinheiten in der Rostocker Schwimmhalle stand ein Aufbaubus vom Pumpen- und Elektrodienst Dargun bereit.
   Aber all der Aufwand sollte sich lohnen. Bei seiner ersten Bezirksspartakiade 1965 stieg Bodo über 200 Meter Freistil Knaben A in einer Zeit von 3:19,2 min. als erster aus dem Becken. Und das am 1. August, also keine drei Monate nach seinem Sieg bei der kleinen Friedensfahrt. Hut ab. Bei der gleichen Veranstaltung in Neustrelitz gab es am selben Tag noch zwei 2.Plätze über die 100 m Freistil (1:31,4 min.) und über 100 m Rücken (1:46,3 min.), sowie einen 3.Platz über die 400 m Freistil (7:25,0 min.). Es war für die gesamte Trainingsgruppe aus Dargun ein erfolgreicher Tag. Sie avanchierten zur besten BSG in den Nordbezirken und mußten sich höchstens den Schwimmern aus den Trainingszentren geschlagen geben. Welchen Leistungsschub Bodo unter dem Training von Österheld und Wendt vollzog, können die Zeiten beweisen, die er nur vier Wochen später bei einem Schwimmfest in Bruel ins Becken zauberte. Bei seinem Sieg über die 100 m Freistil war er mit 1:24,4 min. sieben Sekunden schneller als bei seinem 2. Platz in Neustrelitz. Auch bei seinem Sieg über die 100 m Rücken blieb die Uhr sechs Sekunden früher stehen. Selbst in der noch ungewohnten Delphin-Lage schaffte er über 50 m an diesem Tag in 1:02,7 min. einen zweiten Rang. Das kann nicht nur am besseren Wasser des Brueler Sees gelegen haben.
   Das blieb nicht ohne positive Folgen. Die Verantwortlichen des Bezirkes wurden aktiv und der Familie Kunst flatterte eine Einladung ins Haus:
   „Der Deutsche Schwimmsportverband führt an der Schwimmsportschule Magdeburg einen Lehrgang für Nachwuchssportler im Schwimmen Eures Bezirkes durch. Aufgrund deiner bisherigen sportlichen Leistungen wurdest Du von Deinem Bezirksfachausschuss vorgeschlagen und wir laden dich hiermit zu dem Lehrgang vom 27.9. bis 2.10.1965 ein. Dieser Lehrgang dient Deiner weiteren Sportlichen Entwicklung im Rahmen des Kinder- und Jugendgruppenprogramms des DSSV und ist demnach ein Bestandteil der Beschlüsse des Bundesvorstandes des DTSB und des Ministeriums für Volksbildung zur weiteren Leistungssteigerung im Schwimmsport.
   Wir bitten Dich diese Einladung Deiner Schule mit der Bitte um Beurlaubung vorzulegen. Sollte Deine Schulleitung bzw. Deine Eltern der Teilnahme nicht zustimmen, so bitten wir Dich sofort Deinem Bezirksfachausschuss davon Mitteilung zu geben.
   Deine Anreise zum Lehrgang willst Du bereits bis Sonntagabend vornehmen. Die Rückreise erfolgt ab Sonnabend-Mittag. Deine Reisekosten sind von Dir oder von Deiner Gemeinschaft zu verauslagen und werden in Magdeburg zurück erstattet. Für jeden Tag Deines Aufenthaltes an der Schule hast Du einen Unkostenbeitrag von MDN 1,- zu entrichten. Des Weiteren willst Du bitte für die Zeit des Lehrganges mitbringen: 2 Badehosen, Badekappe, Trainingsanzug, Turnhose, Turnhemd, Badetuch bzw. Bademantel, feste Turnschuhe, Dinge des persönlichen Bedarfs wie Straßenkleidung, Nachtzeug, Wasch- und Nähutensilien, sowie Schreibzeug.
   Wir hoffen daß Du diese Einladung als Auszeichnung betrachtest und Deine schulischen und sportlichen Leistungen auch weiterhin ohne Tadel bleiben.“
   Und wie sich Bodo über diese Einladung freute. Und mit ihm natürlich seine Eltern. Sein Vater, ohnehin ein bekannter Mann in unserem Städtchen, stand zu dieser Zeit mit stolz geschwellter Brust hinter seinem Ladentisch. Auch die Schulleitung, allen voran Direktor Steinberg, gab ihm, da seine schulischen Leistungen stabil blieben, wie zuvor auch jede mögliche Rückendeckung. So stand dem Abenteuer Magdeburg nichts mehr im Weg.
   Es wurde eine harte Woche. Zu Beginn des Lehrganges wurde ein Wettschwimmen durchgeführt, nach dessen Ergebnis die Teilnehmer in Leistungsklassen eingeteilt wurden. Bodo schaffte es überraschend in Gruppe I. Dies bedeutete aber auch gleichzeitig, daß er das höchste Pensum durchziehen mußte. Das hieß 7000 Meter Schwimmen plus begleitendes Aufbautraining, täglich. Das ging in die Knochen. Doch dagegen gab es an der Schule beste Sportlerkost, sehr vitaminreich. Frei nach dem Motto “Oben rein – unten raus“. Hier wurde der Unterschied zu den Sportlern, die ganzjährig im Wasser trainieren konnten, mehr als deutlich. Das konnten die Darguner trotz aller Bemühungen nicht realisieren. Aber viele gute Eindrücke konnte Bodo mit nach Hause nehmen. Dazu gehörte auch ein Besuch im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg. Die Eintrittskarte dafür befindet sich noch heute in seinem Besitz.
   Das so ereignisreiche Jahr 1965 ging für Bodo mit dem Totengedenkschwimmen in Brandenburg/Havel zu Ende. Einen Artikel im „Malchiner Wochenspiegel“ vom 26.11.1965 zu diesem Ereignis möchte ich dem Leser nicht vorenthalten. Er spiegelt die damalige Zeit sehr realitätsnah wieder. Die kritischen Spitzen sind vom Feinsten. Autor des Beitrages ist Joachim Österheld: 
„Eine Fahrt mit Hindernissen
   Dreimal, nachdem die kalte Witterung das Schwimmen im Darguner See wieder für fast neun Monate beendete, waren Dargun`s Schwimmerinnen und Schwimmer auf Reisen, um in anderen Städten und deren Hallenbädern sportliche Wettkämpfe zu bestreiten. Zuerst im Berliner Friesenstadion. Dort gewannen die Darguner die meisten Plätze und waren die stärkste teilnehmende Gemeinschaft. Die Gegner: sämtliche Sektionen Schwimmsport des Bezirkes Neubrandenburg. Danach in Rostock. Dieter Ladwig gewann das Rückenschwimmen, und mehrere zweite und dritte Plätze erschwammen Mädel und Jungen aus Dargun. Die Gegner: sämtliche Sektionen Schwimmsport des ehemaligen Landes Mecklenburg, außer den Sportklubs. Am letzten Mittwoch nun starteten fünfzehn aktive in Brandenburg an der Havel. Es gelang kein Sieg und keine Plazierung. Bodo Kunst, mit seinem vierten Platz in 50 Meter Delphinschwimmen der Knaben, war der Beste. In der Mannschaftswertung belegten unsere Aktiven den vorletzten Platz. Die Gegner: Aktive aus Berlin, Magdeburg, Potsdam, Brandenburg, Hettstedt, Rathenow, Premnitz. Alles Gemeinschaften, die mindestens einmal, meistens mehrmals wöchentlich in einem Hallenbad trainieren. So ist es keine Schande, wenn die Darguner diesmal ohne Sieg und Plazierung den Heimweg antraten, den sie dann nach über sechs Stunden beendeten. 
   Angefangen hatte es so: Es kam eine Einladung zum Totengedenkschwimmen in die Havelstadt. Und da die Darguner ja auch im Winter zumindest ab und zu Wettkämpfe austragen wollen, sagte man zu. Wer denkt schon in dem Augenblick daran, daß der Frost ständiger Begleiter der Fahrt sein würde? Also rauf auf den Aufbaulastkraftwagen der Darguner Außenstelle des Kreisbetriebes für Landtechnik und ab in Richtung Neukalen. So kalt war es darin ja nun auch nicht, warm verpackt hatte sich jeder, doch einen Schreck bekamen alle, als sie hörten, daß am Vorabend noch ein Telegramm aus Brandenburg eingetroffen war mit dem Inhalt, daß die Veranstalter nirgends Quartier für die lieben Mecklenburgischen Sportfreunde auftreiben konnten.
   Die älteren bildeten einen Familienrat und dieser faßte folgenden Beschluß: “Hinter Oranienburg fragen wir in jeder Stadt nach Quartier“. Inzwischen wurde im Wagen kräftig „Mau- Mau“ gespielt, andere lasen, welche versuchten sich sogar in der schwierigen Kunst des Strickens. Ab und zu erklärte irgendwe, daß nur die Knie ein bißchen kalt seien, aber wem frieren nicht mal die Knie? Falkensee hatte eine nette Gaststätte: “Zur Quelle„. Und für meine Begriffe ein sehr nettes Personal. Alle waren daran interessiert, daß wir warmes Essen und Quartier bekamen. Mit dem Essen klappte es. Es gab Leber. Mit dem Quartier klappte es nicht. Weiterfahrt bis Potsdam. Im Reisebüro stand man Schlange. „Quartier? Höchstens privat, und ob ich 18 Personen unter bekomme, glaube ich nicht.“ Kraftfahrer und Fußballveteran Arno Würger hatte eine Idee: „Vielleicht nach Werder. Dort ist jetzt keine Baumblüte.“ Das Fräulein Reisebüro telefonierte mit der „Melodie“ in Werder. Die „Melodie“ hatte Platz. Für dieses Telefongespräch verlangte das Fräulein Reisebüro 18 MDN, Vermittlungsgebühr 1 MDN pro Bett. Wir waren sauer, aber es half nichts.
   Unterwegs ein Stopp in Sanssouci bei knackendem Frost.
   Die Skulpturen winterfest vernagelt, der Springbrunnen zugefroren, die Alleen menschenleer. Die Treppen zum Sommerschlösschen Friedrich des II wurden von den Dargunern im Sturmschritt genommen. Eine zierliche und auch freundliche, wohlvermummte Tante, führte die Schwimmer durch die historischen Räume und konnte nicht verhindern, daß hauptsächlich die Mädel sich über ihre Riesenfilzpantoffeln lustig machten. 
   Die „Melodie“ ist ein gutes Hotel mit netten Zimmern und Preisen, die noch von dem Saisonbetrieb zur Zeit der Baumblüte übrig geblieben waren. Was half es? Die Darguner fühlten sich wohl. Nur Arno Würger hatte Sorgen, denn er mußte schon morgens um viertel sechs aus den Federn, um einen lieben Kollegen zu finden, der den Darguner H 3 A anschleppte. Malchins Bahnübergang hat einen gleichaltrigen Bruder: Den Bahnübergang vor Brandenburg. Aber einmal fallen, richtiger gesagt, öffnen sich ja selbst die hartgesottensten Schranken. 
   Ein ganzer Tag schwerer Wettkämpfe stand bevor. Während der Veranstaltung gedachten die über 200 Aktiven der toten Sportfreunde der BSG Chemie Premnitz und der beiden Spitzensportler Christiane Stein und Rudolf Arnold, die im vergangenen Jahr beim Zugunglück bei Güstrow ihr Leben ließen. In den Gedenkläufen blieb für sie die schnellste Bahn frei. 
   Die Mittagspause war kurz, die Lokale überfüllt. Nummer eins auf den Speisekarten: Leber. Genau wie schon zuvor in Falkensee und Werder. Der Bezirk Potsdam hatte anscheinend extra uns zuliebe einen riesigen Freigabeschein für Leber an die Schlachthäuser ausgegeben.
   Kaum waren die Wettkämpfe beendet, da brummte der LKW schon in Richtung Oranienburg, dann weiter nach Gransee. Dort wollten wir eine längere Pause einlegen. Lokal eins war überfüllt. Nur wenige fanden noch Platz. Lokal zwei hatte Ruhetag, Lokal drei wurde renoviert, Lokal vier hatte schon um 16:00 Uhr geschlossen, Lokal fünf, sechs, sieben usw. wurden erst gebaut. Es war zum Haareausreißen, aber wer wollte schon die Mütze abnehmen? Dazu war es einfach zu kalt. Mit gutem Willen und allerhand Galgenhumor warteten die letzten auf die ersten und dann wieder eingemummt im Aufbau auf die letzten. Nur unser Lorenz Jordan, bekam kein „Futter“. Er lächelte, und wenn wir ihn deswegen hänselten, dann unterstrich er dies mit den Worten: „Ich lächele nur!“ Gut, wer seinen Ärger so verstecken kann.
   Langsam versuchten die ersten zu schlafen. Die „ Mau-Mau-Mannschaft“ aber drosch weiter Karten. Als Lorenz mehrmals hintereinander 8 Karten fassen mußte, lächelte er noch immer. Durch die Wagenfenster konnte keiner mehr gucken. Eine dicke Eisschicht verwehrte die Sicht. Aber trotzdem war es ungemütlich. Schneller als geahnt durchfuhr der Wagen Neustrelitz, dann Neubrandenburg, die meisten Insassen merkten es gar nicht. Rita Ambros schlief in den Armen von Otto Ladwig, unter strenger Aufsicht natürlich, und klein Otto und auch Regina Raabe hatten sich die dicken Wollpudel soweit über die Ohren gezogen, daß man einen Vorgeschmack auf den kommenden Fasching bekam.
   Als der Wagen dann in Dargun endgültig hielt und Arno zum Aussteigen aufforderte, war die Mau-Mau-Truppe ernsthaft böse, weil nicht mehr weiter gemischt werden konnte. Ein schnelles „Gute Nacht“, verhallende Schritte. – Darguns Schwimmerinnen und Schwimmer waren wieder zu Hause. Das einer der an der Fahrt Beteiligten sich eine Erkältung zugezogen hat, ist mir bis jetzt nicht zu Ohren gekommen. Der Sport scheint doch auch gute Seiten zu haben.“
1966 ging die Erfolgsgeschichte des Bodo Kunst weiter. Er hatte den schärfsten Kongruenten in seiner Altersklasse im eignen Klub. Mit Günter Ladwig wurde jedes Trainingsschwimmen zum Wettkampf. Sofern sie aber aus dem Wasser kamen, waren sie gute Freunde. Und gute Freunde nannten Günter immer Otto, wie seinen Großvater. Das putschte beide zu guten Leistungen. Bei der Kreisspartakiade im Juni 1966 in Dargun gab es das erste ernsthafte Kräftemessen der beiden. Über die 100 m Freistil behielt Günter die Oberhand und verwies Bodo auf Rang zwei (1:22,2 min.). Dafür triumphierte er über 200 m Lagen (3:25,5 min.) und über die 100 m Rücken (1:31,8 min.). Besonders erwähnenswert ist der Sieg im Lagenschwimmen. Denn zu der gehört bekannterweise auch das Brustschwimmen, die von Bodo eher ungeliebte Disziplin. Doch auch in der seiner Statur wenig liegenden Schwimmart machte er große Fortschritte. Ganz entscheidend für seinen Erfolg sahen nicht nur die Trainer aber seine Sprungtechnik beim Start. Sein hoher Absprung und die damit verbundene lange Tauchphase brachten ihm oft die entscheidenden Meter. Diese Technik ist auf einem nachstehenden Foto gut erkennbar.
   Als nächster Höhepunkt folgten die Bezirksmeisterschaften. Diese wurde an zwei aufeinander folgenden Wochenenden auf dem Glambecker See in Neustrelitz ausgetragen. Dies war in sofern ein wichtiges Ereignis, ging es doch um die Qualifikation für die 1. Deutsche Kinder- und Jugendspartakiade. Bereits der erste Teil der Veranstaltung wurde zum Zweikampf zwischen Günter und Bodo. Auf den reinen Freistil-Strecken hatte Günter die Nase vorn. Über die 200 m verwies er Bodo (3:05,8 min.) noch klar auf Platz zwei. Über die doppelte Distanz bedurfte es eines Zielrichterentscheid, um Günter als Sieger zu küren. Ganz ohne Titel blieb Bodo an diesem Wochenende aber nicht. Über die 400 m Lagen siegte er klar überlegen in guten 7:17,0 min.
   Eine Woche später an gleicher Stelle trumpfte Bodo groß auf. Am ersten Tag reichte es zunächst über 100 m Freistil nur zu Platz drei (1:24,3 min.). Eine Stunde später aber dann der erste Sieg. Über die 200 m Lagen war er in 3:23,0 min. der Beste des Bezirkes. Am zweiten Wettkampftag fügte er noch zwei weitere Titel hinzu, nämlich die über 100 m Delphin (1:54,5 min.) und 100 m Rücken (1:33,9 min.). Mit 4x1., 2x2. und 1x3. qualifizierte er sich neben 11 weiteren Darguner Schwimmern souverän für die DDR-Spartakiade. An diesem Tag versuchte ein Trainer Bodos Leistung mit einem Spruch zu erklären. Der lautete: „Hast du kein Mark in den Knochen, hast du guten Auftrieb“. So ganz Unrecht hatte er dabei wohl nicht.
   Mit der offiziellen Einladung zur 1. Kinder- und Jugendspartakiade ging ein Traum in Erfüllung. Nebenbei erwähnt und doch nicht gerade unwichtig ist die Tatsache, daß Bodo in diesem Sommer auch den erfolgreichen Schulabschluss schaffte und ab September eine Ausbildung zum Verkäufer auf ihn wartete. Doch das war in diesem Moment noch weit weg. Die qualifizierten Mädchen und Jungen bereiteten sich im einen zweiwöchigen Trainingslager in Dargun auf das große Ereignis vor. Am 23.7.1966 ging es dann nach Berlin. Was folgte, war eine unvergeßliche Woche im Leben eines jungen Menschen. Besonders die Eröffnungsveranstaltung sollte bei Bodo und bei seinen Eltern in Erinnerung bleiben. Ihr Junge war bei der Live-Übertragung im Fernseher minutenlang im Focus der Kamera. Und Mutter staunte nicht schlecht, als sie Bodo im feschen Trainingsanzug laufen sah, hatte sie doch befürchtet, er würde mit seinen gestopften Sachen in Berlin herumlaufen. Was sie nicht wußte war, daß die Jungs für diese Zeit neu eingekleidet wurden. Diese mußten mit dem Ende der Spiele aber wieder abgegeben werden. Schade, aber so war die Zeit.
   Die Wettkämpfe fanden im altehrwürdigen Friesen-Schwimmstadion statt. Bodo war über vier Einzelstrecken sowie für zwei Staffeln gemeldet. So mußte er an fünf von sechs Wettkampftagen ins Wasser. Die Kongruenz aus den Leistungszentren war wie erwartet zu groß. So blieben nennenswerte Ergebnisse aus. Daß man den einen oder anderen Vorlauf überstand, ist schon als Erfolg zu vermelden. Dabei sein war alles. Die Ankunft in Neukalen war für Bodo ein kleiner Triumphzug. Seine Eltern holten ihn vom Bahnhof ab und auf dem Weg nach Hause spürte er doch den einen oder anderen bewundernden Blick hinter sich. Auch das ist Lohn für eine solche Leistung.
 
Die Badeanstalt am Darguner Klostersee um 1965
Die Badeanstalt am Darguner Klostersee um 1965

 

 

Bodo (oben) beim Start

 

Bodo (oben) beim Start

 

 

Start in Dargun

 

Start in Dargun

 

 

Bodo bei der Wende

 

Bodo bei der Wende

 

 

Bodo Wende Rücken

 

Bodo Wende Rücken

 

 

Joachim Österheld

 

Joachim Österheld

 

 

Von links: Bodo Kunst, Dieter Reetz und Jürgen Voß

 

Von links: Bodo Kunst, Dieter Reetz und Jürgen Voß

 

 

   Das Jahr 1966 war noch nicht vorbei. Auch als frischgebackener Verkäufer-Lehrling ging seine sportliche Entwicklung weiter. Am 14.8.1966 holte er über die 100 m Rücken bei den Bezirksmeisterschaften der Herren im heimatlichen Klostersee als 15-jähriger die Bronzemedaille. Und das in einer Zeit von 1:29,9 min, vier Sekunden schneller als vor Monatsfrist bei den Jugendlichen. Drei Wochen später schaffte er es über dieselbe Distanz noch einmal 7 Zehntel schneller und landete sogar dafür auf dem 2. Platz bei den Männern. 
   Aber sein ganz emotionaler Höhepunkt in diesem Jahr ist noch nicht erwähnt. Diesen erlebte Bodo beim Schwimmsportfest zu Pfingsten 1966 in Bruel. Bodo siegte bei extrem kalten Wasser gegen starke Gegner über die 100 m Freistil (1:26,0 min). Soweit noch nichts Außergewöhnliches. Die Überraschung kam erst bei der Siegerehrung. Die Urkunden überreichte niemand anders als der damalige Spitzenschwimmer Egon Henninger. Er war das Idol der damaligen Schwimmjugend. Bei den olympischen Spielen 1964 war sein Stern aufgegangen. Platz 5. über die 200 m Brust sowie Silber mit der Deutsch-deutschen Lagen-Staffel. 1966 war er der amtierende Europameister. Bei den Spielen 1968 in Mexiko gab es wieder Silber mit der Staffel (DDR) und die Plätze 6. und 8. über die Bruststrecken. Dieser Mann schüttelte Bodo die Hand, was für ein Erlebnis. Das Autogramm auf der Urkunde gab es exklusive. Ebenfalls im Jahr 1966 legte Bodo die erste Rettungsschwimmer-Prüfung ab.
   Das Jahr 1967 begann für Bodo mit einem Dämpfer. Die wenigen Trainingseinheiten des Winters hatte er genutzt, seine Technik im Delphin-Schwimmen zu verbessern und schwamm einen persönlichen Rekord nach dem anderen. Doch als er diese Leistung bei einem Schwimmfest in Rostock (29.1.1967) abrufen wollte, verließen ihn die Kräfte. Für die Statistik waren die 1:43,4 min. über 100 m und ein dritter Platz nicht schlecht, für Bodo aber war es eine Enttäuschung. Höhepunkt dieses Jahres war die Bezirks Kinder- und Jugendspartakiade. Es sollte auch sein letzter großer Auftritt auf der Schwimmbühne des Landes sein. Diese verließ er mit jeweils zwei ersten und dritten Plätzen. Gold gab es über die 100 m Delphin in 1:45,0 min. und über die 200 m Lagen in 3:10,9 min. Bronze bekam er über die 400 m Freistil in 6:22,5 min. und über die 200 m Freistil in 2:58,2 min. 
   Danach wurde es ruhig um den Schwimmer Bodo Kunst. Der Spagat zwischen Lehre, Sport, Freizeit und den immer interessanter werdenden Mädchen war nur noch schwer zu meistern. Es mangelte sicherlich auch an Motivation. Den Dargunern fehlte es trotz aller Bemühungen einfach an zu vielen Ecken und für den Sprung in ein Leistungszentrum war es viel zu spät.
   Im Frühjahr 1968 versuchte Bodo noch einmal durchzustarten. Doch es blieb beim Versuch. Manfred Wendt war nicht mehr mit im Boot und so war die Erweiterung seines Rettungsschwimmer-Passes sein letztes Erfolgserlebnis auf dem schönen Klostersee unserer Nachbarstadt.
   Fünf Jahre später kamen ihn seine Schwimmkünste noch einmal zu Gute. Das war während seiner Armeezeit bei der Bereitschaftspolizei in Neustrelitz. Bei den jährlichen Sportfesten der Truppe gab es für jeden Sieg einen freien Tag. Das war genug Motivation. Im Juli 1973 reichte es für 3 Siege und ein Jahr später noch einmal für zwei freie Tage. Hierbei war es vom Vorteil, daß er mit dem Glambecker See natürlich bestens vertraut war. Hierbei kam es auch zur Begegnung mit einem “alten Kumpel“. Mecky war immer noch Trainer am Neustrelitzer Schwimm-Stützpunkt und mittlerweile für die Ausbildung von Rettungsschwimmern verantwortlich. Sie erkannten sich wieder und Bodo wurde seine helfende Hand im praktischen Teil. Das verschaffte ihm zusätzlichen Ausgang und war eine willkommene Abwechslung.
   Danach wurde es ruhiger, aber das Wasser blieb sein Elixier. Doch jetzt hieß der Sport Angeln und zur Bewegung im nassen Element mußte es jetzt ein Boot sein. Beides mit Leib und Seele bis zum heutigen Tag. Ausdruck dessen sind Urkunden für gute Plätze bei Angel-Meisterschaften und die Auszeichnungen des Angel-Verbandes. So ist Bodo seit 1996 Träger der “Ehrennadel in Silber“ des Landesanglerverbandes Mecklenburg/Vorpommern.
   So mancher Leser wird, wenn er diese Zeilen gelesen hat, sich fragen, ob der Bodo ein verschenktes Talent war. Ich als Verfasser würde sagen nein. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit vielen der hier erwähnten Wegbegleiter zu unterhalten. Klar ist, wäre er ein paar Jahre früher zum Schwimmen gekommen, hätte aus ihm ein Großer werden können. Doch dem war nun mal nicht so, und danach hat er das Beste aus sich gemacht, was die Entwicklung der Bestzeiten deutlich nachweist. Viel wichtiger ist doch die Tatsache, daß er viel für das Leben gelernt und seinem “nassen Element“ die Treue halten konnte.
 
Einige seiner Urkunden:

Urkunde Bodo Kunst (1)
Urkunde Bodo Kunst (2)
Urkunde Bodo Kunst (3)
Urkunde Bodo Kunst (4)
Urkunde Bodo Kunst (5)
Urkunde Bodo Kunst (6)
Urkunde Bodo Kunst (7)
Urkunde Bodo Kunst (8)
Urkunde Bodo Kunst (9)

Einladung 1966:

Einladung 1966 Bodo Kunst