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Zur Geschichte des Sports in Neukalen (6)

 

Mario Heinzel

 

[Fußball]

 

   In diesem Heft wollen wir uns wieder dem Hauptsport in unserem Ort, dem Fußball, zuwenden. Dank "neuer" Fotos reicht die Zeit der Rückblende bis in das Jahr 1941. An diesem Punkt möchte ich den aufmerksamen Leser bitten, sollte er irgendwo noch etwas Verborgenes wissen, es mir mitzuteilen. Ich weiß, daß Fotos aus der Zeit (nach dem Krieg wurden die Apparate z.B. eingezogen und bei "Dahms" in der Garage gelagert) eine Rarität sind, aber mitunter besitzt noch jemand etwas.

 

   Anfang der 40-ziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann die sportliche Einmischung der Familie Mieckley. Mit Alfred, dem Tischlergesellen (Tischlerei Rost) begann alles. Seine Söhne Karl-Heinz (Gewichtheben und mehrfacher DDR-Meister im Motoball) und Manfred (Gewichtheben) setzten das fort, während Enkelsohn Markus das fußballerische Erbe seines Großvaters übernahm. Der gehörte nämlich zu den Talenten die sich ab 1939 auf dem Sportplatz an den Judentannen zum gemeinsamen Fußballspielen trafen. Damit alles regulär zuging, wurde die Truppe in den SV Neukalen eingegliedert. Chef dieser Freizeittruppe war Heiner Dethloff. Dieser stellte auch die Kontakte her, die man brauchte, um in dieser Zeit wenigstens Freundschaftsspiele zu organisieren. So ging es für die zwischen 15 und 17 Jahre alten Burschen mit dem Fahrrad nach Malchin, Gielow, Gnoien oder Dargun. Einige der Spieler hatten sich über die damals ausgegebenen Textilkarten eine gelb-blaue Spielermontur besorgt. Die anderen spielten entweder im weißen Turnhemd oder einfach mit freiem Oberkörper. Neben Alfred Mieckley gehörten Karl-Heinz Tück, Willi Trams, Heinz Gülkner, Fritz Ullrich, Heinz Hamann, Bruno Zorno, Heini Lüssow, Erwin Clasen, Fritz Zingelmann und Franz Schmidt dazu. Danach kam für alle der Marschbefehl in den unsinnigen Weltkrieg. Der eine hatte mehr, der andere weniger "Glück". Die Überlebenden kamen früher oder später in ihre Heimatstadt zurück und begannen neu. Mit diesem Neuanfang ließen sie auch die Erinnerungen an die Zeit davor, verständlicherweise, hinter sich.

 

Jugendelf 1941

 

Jugendelf 1941

 

hinten von links: Willi Trams, Fritz Ullrich, Heinz Hamann, Erwin Clasen
vorne von links: Alfred Mieckley, Heinz Gülkner


Jugendelf 1941/42

Jugendelf 1941/42

hinten von links: Karl-Heinz Tück, Willi Trams, Heinz Gülkner, Fritz Ullrich
Mitte von links: Heinz Hamann, Bruno Zorno, Alfred Mieckley,
vorne von links: Erwin Clasen, Fritz Zingelmann, Franz Schmidt

 

 

   Den Sport hatten sie aber nicht vergessen. Nach den ersten schweren Nachkriegsjahren halfen einige beim Aufbau der SG Neukalen mit. Alfred Mieckley, später auch Karl-Heinz Tück und Boni Clasen, reihten sich in die Reihe derer ein, die das Fundament für den Sport in Neukalen schufen. Sie sprachen überall mit jungen Leuten, die Lust auf gemeinschaftliche Bewegung hatten. Ein Bespiel dafür liefert unser Alfred. Ab 1946 hatte er als Tischlergeselle bei Erich Schacht in der Rektorstraße gearbeitet. Dieser erhielt 1948 den Auftrag in Schorrentin einen Zaun aufzubauen. Dort befanden sich in der Nähe vom Friedhof die Gräber von drei russischen Soldaten, und diese sollten eingezäunt werden. Nach der Vorfertigung in der heimischen Werkstatt fuhr Alfred zur Montage nach Schorrentin. Hier gab es zu der Zeit sehr viele junge Flüchtlinge die noch nicht heimisch, aber auch nicht mehr fremd waren. Einer von ihnen war Willi Weißenberg, der damals als Gärtner auf dem Friedhof beschäftigt war. So trafen sich beide an jenem Morgen, und beim Frühstück kam man sich näher, und am Ende des Tages hatte die Neukalener Fußballgemeinde einige gute Spieler mehr in ihren Reihen. Denn neben Willi Weißenberg waren da noch Werner Doll und Karl Heinz Waschk. Willi wurde gleich in die Männermannschaft eingegliedert. Werner und Karl-Heinz kamen in die A-Jugendelf der S.G. Neukalen. Mit dieser spielten sie 1948/49 in der Kreis-Bezirksklasse. 14 Siege, ein Unentschieden und fünf Niederlagen bedeuteten bei einem Torverhältnis von 84:22 den Klassensieg. Im Finale um den  Landesmeistertitel mußten sie sich in Güstrow gegen die A-Jugend aus Güstrow, einem starken Gegner und dem Heimvorteil, beugen. Am Ende hieß es 5:1 für die Gastgeber. Wenig später folgten den dreien ihre jeweiligen Brüder: Herbert und Fritz Weißenberg, Harry Waschk und Klaus Doll. Eine starke Fraktion in jeder Elf der nachfolgenden Jahre.

   Aber nicht nur den Fußball hatte Alfred im Sinn. Auch dem Handball, in Neukalen Ende der 40-ziger Jahre sehr populär, galt seine Aufmerksamkeit. Die erste Männer-Handballmannschaft spielte 1948/49 in der Kreisklasse. Von 18 ausgetragenen Spielen wurden 14 gewonnen und 4 verloren. Das Torverhältnis betrug 113:92. Dies bedeutete den Kreismeistertitel und den damit verbundenen Aufstieg in die Bezirksklasse. Auch der Frauen-Mannschaft gelang dieser Schritt, doch dazu in einer späteren Ausgabe. Mit dem Fahrzeug "Marke Eigenbau" von Willi Kröpelin ging es nun richtig über Land. Trainer Erwin Henke (der Unverwüstliche) und sein "Manager" und Meister Rudi Merten hatten einiges zu organisieren, ging es doch jetzt bis nach Neubrandenburg, Malchow, Güstrow oder Krakow. Und Wolgast. Hier schlug die "Sternstunde" in Alfreds Handballerleben. Georg Wrigth fehlte, und so wurde Alfred auf Linksaußen eingesetzt. Zusammen mit Eduard Wald machten sie aus einem 4:8 noch einen 12:9 Sieg für jetzt Traktor Lelkendorf. Mindestens vier Tore steuerte Alfred mit bei. Nachwuchssorgen brauchten die damaligen Verantwortlichen nicht haben, denn auch die Jugend-Mannschaften waren gut gefüllt. Interessant sind die Trikots der Handballmannschaften. Der Stoff war bekanntlich sehr rar, man mußte sich was einfallen lassen. So wurde bei den Bauern der Umgebung Korn und Mehl  gesammelt. Mit mehreren Sack Weizen und zwei Sack Mehl wurde Karl-Heinz Waschk nach Berlin geschickt, um Stoff zu besorgen. Wieder in der Heimat, wurde beraten welcher Schneider den Auftrag bekommt. Mit Schneider Hermann Rosenstiel war man in letzter Zeit nicht so zufrieden, und so bekam Schneider Gustav Dalügge aus der Klosterstraße den Zuschlag. Er machte gute Arbeit, und das große "N" als Aufnäher gefiel allen. Nur dem Staat nicht. Da man das "N" auch als "Nazi" deuten konnte, mußten die Aufnäher wieder ab. Wie sich die Zeiten doch gleichen. Trotzdem ging es mit dem Handball außerhalb des Schulsportes Mitte der fünfziger Jahre zu Ende. 1957 versuchte der Verkäufer Wagenknecht aus der Ringstraße diesen Sport noch einmal wieder zu beleben. Bei einem Turnier in Stavenhagen sprang mit einem 2. Platz das beste Resultat heraus. Hier entstand auch das Foto. Dieses letzte Aufbäumen des Handballsportes in Neukalen währte nur bis zum Wegzug des Herrn Wagenknecht zwei Jahre später.

   Fußballerischer Höhepunkt im Leben von Alfred Mieckley war der Kreismeistertitel 1952 und der damit verbundene Aufstieg in die Bezirksklasse. Im entscheidenden letzten Spiel in Gielow drehten die Jungs einen frühen 1:2 Rückstand noch um und kamen durch Tore von Frenzel und Mieckley zum viel umjubelten Sieg. Trainer der Elf war neben Erwin Henke und Heiner Dethloff auch zwischenzeitlich der Malchiner Wosniakowski. Die Party danach im Stammlokal bei Wiechert kannte keine Grenzen. Der einzige, der wie immer den Überblick behielt, war Karl-Heinz Tück. Er trank wie immer sein "Fliegerbier", eine Art alkoholfreies Bier aus sozialistischer Produktion. Diesen Überblick behielt er auch nach seiner "Karriere". Denn danach zog er noch einige Jahre als Schiedsrichter über das Land und in seinem Beruf bei der Sparkasse war dies bekanntlich auch nicht vom Schaden.

 

Handball A-Jugend 1949

 

Handball A-Jugend 1949

 

hinten von links: Jürgen Tessmann, ?, ?, Erhard Papke, Hans Schäfer
Mitte von links: Horst Rose, Jochen Hinzpeter, ?
vorne von links: Eduard Wald, Kurt Böck, Hans Matz

 

 

Aufstieg Bezirksklasse 1953

 

Aufstieg Bezirksklasse 1953

 

hinten von links: Werner Biastoch, Robert Zingelmann, Willi Weißenberg, Fred Mieckley, Kurt Schmidt
Mitte von links: Günter Harder, Erwin Henke, Karl-Heinz Tück
vorne von links: Werner Doll, Werner Ahlgrimm, Manfred Faber


Fußballer 1953

1953

hinten von links: Udo Ressin, Fritz Grünberg, Wolfgang Paulig
vorne von links: Josef Ulbricht, Horst Scharping, Georg Wright
[Bis auf Ulbricht und Wright Jahrgang 1934]

 

 

   In Herbert Wiecherts Lokal spielte sich das sportliche Leben außerhalb der Spielflächen ab. Hier tagte wöchentlich der Vorstand, man traf sich zum Reden, zum Kartenspielen oder auf ein gemütliches Pils. Mitte der fünfziger Jahre brach an den Stammtischen das Lottofieber aus. Wie sich die Zeiten doch gleichen. Nur ging es damals um Fußball-Toto. Das Spiel hatte Erwin Henke aus Berlin in die Provinz exportiert. Dort war das Tippen auf Fußballspiele schon der Renner. So wurde von jedem der mitmachte pro Tippschein 50 Pfennig kassiert. Dies passierte bei Auswärtsspielen im Bus und bei Heimspielen in der Kabine. Für die korrekte Abrechnung war Günter Gess zuständig. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, aber es gab die berühmten Ausnahmen. Die positive erwischte Eberhard Zingelmann. Für 12 Richtige bekam er 1956 die doch bedeutende Summe von 4000 Mark. Für den jungen Dachdeckermeister eine willkommene Gelegenheit sich eine von zwei EMW aus dem HO-Laden in der Wilhelm Pieck Straße (heute Schlecker) zu holen. Die Zweite holte sich später Wilhelm Voss. Das negative Erlebnis hatte Herbert Wiechert. Einmal glaubte er einen großen Wurf gelandet zu haben, und als Wirt von Leib und Seele gab er eine Runde nach der anderen aus und fühlte sich als Gewinner. Am nächsten Morgen dann das böse Erwachen. Ein Anruf in Berlin zeigte, daß es doch nicht der große Gewinn war. Es gab eine Schreibmaschine. Eine gute zwar, doch die hat ihm einiges gekostet. So ähnlich ging es manch anderem auch, denn die Medien hatten bei weitem nicht die Ausdehnung von heute. Der Spruch "ohne Gewähr" kam erst später.

   Zu Wilhelm Pieck, dem damaligen Staatsoberhaupt der DDR, gibt es noch eine Geschichte. Wie in einem der letzten Hefte berichtet, weilten 1957 die Lübecker Fußballer in Neukalen. Zur Begrüßung wurden einige Geschenke ausgetauscht. Von der Stadt gab es für die Gäste ein Porträt von Pieck. Dieses begleitete die Lübecker das ganze Wochenende, nur mit nach Hause nahmen sie es nicht. Nach der Abschlußfeier (natürlich bei Wiechert) ging das Bild noch mit auf den "Zug" durch die Stadt und wurde bei dem Lied "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben" in die Höhe gehalten. Entsorgt wurde Herr Pieck vor der Gaststätte Dahms, wo ihn Erwin Henke am nächsten Morgen "begraben" fand. Die Ermittlungen der örtlichen Polizei zu diesem Vorfall verliefen sich im Sande.

 

   Auf einige interessante Episoden aus den fünfziger Jahren möchte ich hier noch kurz eingehen. Zuerst sind hier die Fahrten mit dem russischen SIS von Otto Golz zu schildern. Die abenteuerlichen Reisen mit diesem Gefährt sind fast allen Spielern der Zeit in "guter" Erinnerung. Dieses unverwüstliche Gefährt hatte leider die schlechte Angewohnheit auf dem Malchiner Bahnübergang in Richtung Neukalen stehen zu bleiben. Des öfteren mußten alle aussteigen, um den Bus vor dem herannahenden Zug in Sicherheit zu bringen. Das dort produzierte Adrenalin hätte die nahe liegende Peene überschwemmt. So etwas vergißt man eben nicht.

   Anfang der fünfziger Jahre war die Ausstattung mit Fußballschuhen mehr als dürftig. So bekam der Verein einmal im Jahr vom Kreissportbund ein paar Schuhe zugeteilt. Um keinen zu bevorteilen wurde, in Person von Werner Biastoch, eine Verlosung durchgeführt. So kamen die Schuhe an den Mann. Den Preis von 60 Mark mußte man natürlich aufbringen können. Einige borgten sich einfach ihre "Treter". So ist zum Beispiel bekannt, daß Günter Harder immer drei Paar Schuhe mit zum Spiel brachte, eines für sich und zwei zum "Verleihen".

 

   Mitte der fünfziger Jahre bekam auch der Sportplatz an den Judentannen seine erste kleine Sanierung. Neben dem Bau eines Sanitärtraktes wurden Teile des Platzes und die Barrieren rund ums Spielfeld erneuert. Vor den Toren wurde die Erde bis zu der in den zwanziger Jahren aufgebrachten Koksschicht (Koks aus der Neukalener Ziegelei) ausgeschachtet und wieder aufgebaut. Das Material dazu besorgte Otto Ullrich aus Wagun. Auf dem dadurch entstandenen "grünen Teppich" lagen Generationen von Torhütern. Die Netze an den Toren wurden auch generalüberholt. Dazu plünderte man den nicht mehr genutzten Tennisplatz im Gartsbruch. Mit den da erbeuteten Utensilien und etwas Farbe strahlten die Fußballtore wie neu. Die Eichenbalken für die Barrieren kamen von den umliegenden Zimmereien und wurden in der Tischlerei Leverenz gehobelt. Diese Qualitätsarbeit sollte bis zum Ende des Platzes Bestand haben. Nur an einer Stelle mußten einige Reparaturen durchgeführt werden. Am Stammplatz von Franz Drenk kam es immer wieder zu Unterspülungen, weil der Franz vor Aufregung mit seinen langen "Hessen" auf dem Boden scharrte. Auch die Spänekuhle (die Späne wurden zum Markieren der Linien verwendet) wurde erneuert. Jene Spänekuhle, in der einst Horst Scharping beim eleganten Rückwärtslaufen gelandet war. Horst Scharping gehörte zum Jahrgang 1934 und somit zu der ersten Generation, die ihre fußballerische Ausbildung nach dem Krieg im Verein abschloß. In einem überlegen geführten Spiel der Lelkendorfer saß Werner Ahlgrimm vor seinem Pfosten und Libero Scharping bewegte sich vor dem Strafraum. Einen langen verirrten Ball der Gäste wollte er ganz locker annehmen. Er lief und lief, verließ das Spielfeld und landete zur Freude aller rücklings in den Spänen.

 

   Begeben wir uns nun in das Jahr 1957. Die erste Elf war gleich wieder aus der Bezirksliga abgestiegen und rettete gerade so die Zugehörigkeit zur Bezirksklasse. Erfolgreicher waren da die Jugendmannschaften. Nachdem viele "Alte" die Schuhe an den berühmten Nagel gehängt hatten und auch Armee, Umzug oder Flucht die Spielerdecke lichteten, mußten sie die Reihen wieder auffüllen. Im Aufstiegsjahr 1956 war es der unter anderem von Joachim Zidorn trainierte "berühmte" Jahrgang 1938, Erwin Henke, Wolfgang Weise und viele andere hatten einige schlagfertige Truppen zusammen bekommen. Auf drei Fotos sind uns die Jungs auch bildlich erhalten geblieben: einmal 1957 in Waren, dann 1958 in Dargun und 1959 in Röbel (Fotograf dieses Bildes war Victor Kurschuß, Sohn der Frau, die den Neukalener Karnevalssong getextet hatte). Unter ihnen befanden sich viele bekannte Spieler der kommenden Jahre und mit Max Göbel und Detlef Ebert zwei Fußballer, die für die nächsten zwei Jahrzehnte das Gesicht der Lelkendorfer Elf prägten.

 

Junioren 1957 in Waren

 

Junioren 1957 in Waren

 

hinten von links: „Tanne“ Federow, Heinz Sköries, ? Gosebeck, Josef Tonhäuser, Heinz Harder
vorne von links: Gerd Weißenberg, Alfred Birr

 

Junioren 1958 in Dargun

 

Junioren 1958 in Dargun

 

hinten von links: Peter Gabelin, Alois Oswald, Alfred Metzele, „Tanne“ Federow, Arnold Großart, Peter Wendlandt, Gerd Weißenberg
vorne von links: Willi Palisch, Alfred Birr, Klaus Arndt, Max Göbel, Detlef Ebert

 

Junioren 1959 in Röbel

 

Junioren 1959 in Röbel

 

hinten von links: Hans Brandt, Klaus Langer, Peter Wendlandt, Horst Jürß, Günter Schäfer, Roland Volkmann, Fred Metzele, Detlef Ebert, Herrmann Ullrich
vorne von links: Heinz Werner, Gerd Kühnel, Willi Palisch, Erwin Tonhäuser, Günter Plagens

 

 

   Für die Jungs der damaligen Zeit war Fußball alles. Die wöchentlichen Höhepunkte waren das gemeinsame Training und die sonntäglichen Spiele. Außerdem war der Vorstand stets bemüht, das drum her rum abwechslungsreich zu gestalten. Spontanität war angesagt; so geschehen 1959. Bei einem Punktspiel in Neustrelitz (es kann auch Penzlin gewesen sein) kamen nach dem vormittäglichen Sieg im Punktspiel einige der Spieler auf die Idee, als Belohnung einen Abstecher ins nahe Berlin zu machen. Dort fand nämlich am Nachmittag das Länderspiel DDR - Luxemburg statt. Siegfried Sabeike und Erwin Henke mußten tief schnaufen bei diesem Vorschlag, fanden ihn aber angemessen und machten sich an die Organisation. Siegfried, der Fußballchef, nahm dies in die Hand. Ein paar kurze Gespräche mit einigen Eltern (die zwei oder drei mit Telefon mußten Bescheid geben), einem längeren mit dem Chef von der MTS Lelkendorf, und sie hatten die Erlaubnis. Wofür? Für eine Fahrt auf blauen Dunst nach Berlin, denn Eintrittskarten hatten sie ja nicht. So fuhr der H3A, gelenkt vom "Herrn der Landstrassen" Otto Golz (später fuhren dieses wunderbare Fahrzeug auch die Sportfreunde Mamerow und Ludwigs) Richtung Hauptstadt. Mit dem Mecklenburger Glück im Nacken bekamen sie noch die begehrten Tickets und sahen einen ungefährdeten Sieg der DDR-Elf. In ihr spielten Größen wie Heinsch, Fräßdorf, Nöldner, Urbanczyk, Seehaus und Unger. Unter den Jungs war auch Horst Jürß, ein jetzt schon guter Mittelstürmer; den interessierte das Spiel nicht so sehr. Er überlegte mehr wie er den Berlintrip für einen kurzen Abstecher Richtung Westberlin nutzen konnte. Der Weg zu seiner dort lebenden Tante war zu weit (man hätte noch ein paar Mark abzweigen können), und so fuhr er nach Spielschluß mit der U-Bahn zur Station Gesundbrunnen im Westteil. Weit bevor die von Siegfried vorgegebene Freizeit verstrichen war, war Horst wieder zurück. Im Gepäck hatte er eine Schachtel Zigaretten und zwei seiner geliebten Schmöker (Wild West Romane). Günstig erstanden. Das sah auch "Chef" Siegfried und hätte auch zu gerne eine Schachtel "Westzigaretten" gehabt. Horst kannte sich aus, und so nahm er den Weg ein zweites Mal in Angriff. Neben den beiden kamen noch Alois Ostwald, Detlef Ebert, Günter Schäfer und Thomas Metzele mit. Letztgenannter machte seine ersten "Erfahrungen" mit einer U-Bahn. Es soll lustig gewesen sein. Auf jeden Fall kamen sie wieder glücklich und dem Geldbeutel nach gut versorgt zum H3A. Wie sich die Zeiten doch gleichen. Am späten Abend kamen die Burschen wohlbehalten in Neukalen an.

 

   1960 schaffte Traktor Lelkendorf zum zweiten Mal den Bezirksmeistertitel. Eine gesunde Mischung zwischen vielen jungen Spielern, einigen gestandenen und so manchem Oldie (das war man damals schon mit 25 Jahren). So waren Werner Doll, Karl-Heinz Waschk, Eberhard Zingelmann, Werner Ahlgrimm, natürlich Erwin Henke und noch einige andere immer wieder da, wenn der Verein sie rief. Und diese Unterstützung war im Bezirksligajahr 1961 sehr von Nöten. Die NVA, wie schon drei Jahre zuvor, lockte wieder mit Geld. Die Einführung der Wehrpflicht (01.01.1962) lag in der Luft und wer jetzt zur Armee ging, bekam statt der späteren 80 Mark jetzt 300 Mark. Ein nachvollziehbarer Schritt, und so fehlten nach und nach Spieler wie z.B.  Udo Markowski, Helmut Schürer, Horst Daum, Max Göbel, Willi Palisch, Josef Tonhäuser, Hansi Böhme (Lehrlingswohnheim Warsow) und Torwart Bernd Kessler. Er war der dritte bekannte Fußballer aus der Lelkendorfer Schule (seit 1958 im Verein), der es bis in die 2.Liga der DDR schaffte. Nach seiner Grundausbildung  kam er in die Sportgruppe und spielte beim ASK (Armeesportklub) Vorwärts Perleberg. Hier und auch nach seiner Versetzung in Wittenberge (zusammen mit dem Malchiner Heinz Lüdemann) stand er im Kasten der Zweitligamannschaften. Danach spielte er noch bis 1965 in Lelkendorf, ehe er mit seiner Frau Hannelore nach Malchin ging und dort wieder mit seinem Armeekumpel Heinz die gegnerischen Stürmer zur Verzweiflung trieb.

 

   Zurück ins Jahr 1961. Diese Konstellation war die Chance für die jungen Burschen (Foto Röbel 1959). Ihre Stunde schlug in Malchow. Das Vorspiel der zweiten Mannschaften gewann Lelkendorf  souverän mit 0:2. Und als eine Stunde später die "Erste" 2:0 zurück lag, reagierte Trainer Henke und brachte auf "Wunsch" der Zuschauer mit Detlef Ebert, Horst Jürß und Günter Schäfer die jungen Stützen der "Zweiten". Diese halfen das Spiel noch zu drehen (2:5), und so gingen sie mächtig kaputt zum zweiten Mal an diesem Tag als Sieger vom Platz. Von nun an waren sie dabei. Die positiven Höhepunkte blieben rar, denn die Gegner waren oft zu stark. An einige sei aber noch erinnert. Da war zunächst das legendäre Spiel in Röbel. 5:0 lag Lelkendorf zur Halbzeit zurück. In Röbel gab es, wie auch heute noch, immer ein buntes Programm über das Stadionmikrofon. Aus dem dröhnte zum Pausentee der alte Song "Laßt doch die Köpfe nicht hängen…" und das war Motivation genug. Der Gast war in der 2.Hälfte nicht wieder zu erkennen. Sie drehten das Spiel und schafften zum Schlußpfiff ein verdientes 5:5. Auch für den souveränen Tabellenführer TSG Neustrelitz wurde Lelkendorf zum Stolperstein. In der Fremde gelang ein 1:1, und zu Hause wurden die hoch Gelobten mit 2:1 zurück in die Residenzstadt geschickt. Unvergessen bleiben auch die nächtlichen Kontrollgänge der Herren Sabeike und Henke durch die Gaststuben der Kleinstadt, um eventuell "falsch verstandene Vorbereitungen" zu unterbinden oder um zu wissen, mit wem am nächsten Tag nicht zu rechnen ist. Um so galanter war ihre Einstellung nach dem Spiel. Höhepunkte dieser Saison waren auch die Lokalderbys. Denn mit Zweitliga-Absteiger Einheit Teterow und Lok Malchin gab es zwei weitere Vertreter aus der Mecklenburger Schweiz. Diese Vergleiche zeichneten sich immer durch eine hohe Anzahl an Zuschauern (ca.1000) aus. Spannung war garantiert. Die Resultate gegen Malchin sind nicht mehr bekannt, die gegen Teterow schon. Im Hinspiel gab es in der Bergringstadt ein 1:1 und nach dem Rückspiel am 01.10.1961 in Neukalen stand der Lelkendorfer Abstieg in die Bezirksklasse fest. Aber es gab auch ein Wiedersehen mit Richard Gnefkow.

   Dieser hatte im ersten Bezirksligajahr 1956 im Auftrage des DTSB die Lelkendorfer Trainer unterstützt. Sein Vater war Schustermeister in Teterow. Ihm zuliebe lehnte er auch zunächst ein Sportstudium an der DHfK in Leipzig ab und fing, um in der Nähe des Vaters zu bleiben, beim DTSB-Kreisvorstand als hauptamtlicher Mitarbeiter an. Die Kontakte nach Neukalen stellte Manfred Faber her. Dieser hatte als Angestellter beim Finanzamt Teterow öfter mit Richard zu tun, und er wußte somit von den Fähigkeiten dieses doch recht  jungen Mannes in Sachen Fußball. So lotste er ihn nach Neukalen und ließ ihn nach dem Training bei sich oder bei Boni Clasen in der Bahnhofstraße übernachten, um ihn dann morgens wieder mit in die Nachbarstadt zu nehmen. Diese Zusammenarbeit endete mit dem Abstieg. Mit einigen Spielern entstand eine Freundschaft. Besonders erinnert er sich an Detlef Ebert und Heinz Harder ("was für ein Schrank"). Er selber spielte für Einheit Teterow und trat dann doch ein Fernstudium an. 1958 stieg Teterow in die Bezirksliga Staffel1 auf. Es wurde ein Durchmarsch. Am 25.Oktober 1959 machten die Bergringstädter in einer "Modderschlacht" durch einen 4:2 Erfolg über Malchin den Staffelsieg in der Bezirksliga perfekt ohne die Tabellenführung auch nur einmal abgegeben zu haben. In den Entscheidungsspielen standen sie Dynamo Löcknitz gegenüber. Das Hinspiel verlor man in Löcknitz unglücklich mit 1:0. Mit einem 2:1 Sieg eine Woche später im Rückspiel vor 1800 Zuschauern auf dem Sportplatz "Grüner Weg" erzwangen sie ein Entscheidungsspiel. Dieses gewann Einheit vor 2500 Zuschauern im Neubrandenburger Harder-Stadion unter Leitung von Trainer Willy Mau mit 2:0 und stand als Aufsteiger für die 2.Liga Nord fest. Dafür suchten sie natürlich nach Verstärkungen. Richard erinnerte sich an einen Jungen aus seiner Neukalener Zeit und dessen Entwicklung man nie aus den  Augen verloren hatte. Günter Czech, der gute Fußballer und Partylöwe, wurde gefragt und er sagte ja. Mit mehr Stolz als Ärger ließ Lelkendorf ihn ziehen. Günter machte für Teterow 21 Spiele und schoß 5 Tore in der Liga und 10 in weiteren Spielen. An ihm lag es also nicht, daß Einheit ein Jahr später, wie schon erwähnt, wieder auf Traktor Lelkendorf in der Bezirksliga traf. Interessant sind noch zwei Spiele im Trikot der Teterower, eines Anfang Februar und sein Letztes am 09.10.60. Beide haben eine Geschichte. Da wir in diesem Jahr auch den 50. Karneval feiern, paßt die erste besonders. Günter bildete nämlich zusammen mit der Kindergärtnerin (und seine spätere Frau) Ilse Schoknecht aus Peenhäuser das 3. Prinzenpaar. Als der Karnevalssonntag kam, hieß es, der Prinz wäre auf dem Markt und beim Umzug nicht dabei. Wo war er? Natürlich Fußball spielen. Neukalen setzt zur Faschingszeit kein Spiel an, aber Günter spielte in Teterow und das in der 2.Liga. So mußte er an diesem Sonntag nach Güstrow zu einem Vorbereitungsspiel (2:2). Der NCC ließ sich was einfallen, sein Freund Wilfried Reiß sprang für ihn ein und rettete die Veranstaltungen am Nachmittag. Am Abend und den darauf folgenden tollen Tagen stand Günter seinen Mann als Prinz. Nach den guten Erfahrungen übernahmen in den folgenden Jahren viele Fußballer die kurze Regentschaft über die Stadt. So folgte ein Jahr später der schon geübte Wilfried Reiß mit Ortraut Kliem, 1962 waren es Günter Schäfer und Renate Warnitz und 1964 folgten Peter Heinzel und Hannelore Trapp. Bei Günter Schäfer gab es einen ähnlichen Zwischenfall, hier mußte Heinz Strempel kurzfristig einspringen.

   Bei seinem letzten Spiel für Einheit Teterow stand Günter Czech nur noch auf dem Spielberichtsbogen und das mit dem Vermerk "Nicht aufgelaufen". Was war passiert? Günter hatte am Freitag zuvor nach dem Training ein längeres Gespräch mit Trainer Willy Mau und teilte ihm mit, daß er die Fahrt zum sonntäglichen Auswärtsspiel zu Lichtenberg 47 zusammen mit seiner Freundin zur Ausreise aus der DDR nutzen wollte. Mau akzeptierte diesen Entschluß und versprach sein Schweigen. Doch bat er Günter, nicht mit der Mannschaft nach Berlin zu reisen, um etwaige Verdächtigungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. So fuhren Günter und seine Prinzessin bereits am Sonnabend und verließen zusammen ihre Heimat Richtung Westberlin. Dort hörte Günter am Sonntagabend im Radio auch das Ergebnis seiner Mannschaft. Teterow erreichte ein 3:3 gegen Lichtenberg. Er fand dort gute Arbeit, spielte auch noch einige Jahre Fußball und ist bis heute ein glücklicher Berliner.

   Richard Gnefkow war bald wieder als Trainer gefragt. Da Willy Mau plötzlich und viel zu früh verstarb, wurde er bis 1968 Spielertrainer. Dann hing er die Schuhe an den berühmten Nagel und widmete sich noch sehr viele Jahre der Jugendarbeit. Den Neukalener Fußball hat er auch heute noch unter Beobachtung.

 

Willi Mau

 

Willi Mau

 

 

Richard Gnefkow

 

Richard Gnefkow

 

 

   Da vorhin von drei Spielern mit Zweitliga-Einsätzen die Rede war, bin ich den Lesern noch den dritten schuldig. Das war Alex Reetz. Dieser schnelle Flügelflitzer schaffte Ende der 50-ziger Jahre den Sprung in die zweithöchste Spielklasse der DDR mit Waren/Rethwisch. Nach nur einem Jahr ging es aber auch für ihn wieder in die Niederungen des Bezirksfußballs.

   Beenden wollen wir diesen Beitrag noch mit einem Erfolgserlebnis der BSG Traktor Lelkendorf. Im Jahr 1962 spielten sie nur eine mittelmäßige Saison in der Bezirksklasse. Um so erfolgreicher zogen sie durch die einzelnen Runden des FDGB-Pokals. Im Viertelfinale wurde Pasewalk ausgeschaltet und im Halbfinale traf man mit Lok Anklam auf einen weiteren Bezirksligisten. Die Verantwortlichen Sabeike und Gess hatten an diesem Tag enorme Besetzungsprobleme. Routinier Eberhard Zingelmann sprang ein und spielte unter einem falschen Namen (bitte nicht verraten) mit. Wie sich die Zeiten doch gleichen. Im Tor vertrat der junge Peter Heinzel den fehlenden Bernd Kessler hervorragend. Er war Garant für den Auswärtssieg. Somit zogen mit Lelkendorf und Traktor Ducherow zwei Bezirksklassemannschaften ins Pokalfinale ein. Dieses wurde im Demminer Stadion ausgetragen. Trotz zahlreicher Anhängerschar und gutem Spiel ging dieses Finale verloren. In der 86. Minute kassierte Lelkendorf mit dem 3:2 den entscheidenden Treffer. Da half auch alles Aufbäumen nichts. Aber gefeiert wurde nach Neukalener Sitte "lange, feucht und fröhlich".

 

Pokalhalbfinale 1962 in Anklam

 

Pokalhalbfinale 1962 in Anklam

hinten von links: Siegfried Sabeike, Detlef Ebert, Eberhard Zingelmann, Josef Tonhäuser, Horst Jürß, Norbert Merz, Roland Volkmann, Paul Rosenow, Günter Gess
vorne von links: Heinz Werner, Max Göbel, Hans Schäfer, Peter Heinzel, Uli Marks, Willi Palisch

 

 

Fred Metzele, Gerhard Kühnel, Detlef Ebert

 

Fred Metzele, Gerhard Kühnel, Detlef Ebert

 

Roland Volkmann, Horst Jürß, Peter Wendlandt

 

Roland Volkmann, Horst Jürß, Peter Wendlandt

 

 

Detlef Ebert

 

Detlef Ebert

 

 

Handball Jugend 1957 in Stavenhagen

 

Handball Jugend 1957 in Stavenhagen

 

von links: „Latzi“ Palisch, „Bubi“ Flach, ? , Josef Tomhäuser, Wilfried Reiß, ? Wittenburg, Wilfried Strey, Horst Jürß

Fußball 1959 (1)

Fußball 1959 (2)

Fußball 1959 (3)

Fußball 1959

 

 

Fußballspiel (3)

 

Fußballspiel (4)

 

Fußballspiel (5)