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Kirchen und Kapellen im alten Neukalen

 

Wolfgang Schimmel


   In dem Buch "Papistisches Mecklenburg" von 1741 finden wir folgende Nachricht über Neukalen verzeichnet:

   "1281 N. Caland. Hat Woldemarus Herr des Landes Rostock / mit Rath seiner Getreuen die alte Stadt Caland eine Meile Weges / nemlich an den See Cummerow verleget und das daselbst verhanden gewesene Dorff Buggelmast mit Stadt - Recht begabet / und Neuen - Caland nennen lassen. Diese Stadt hat durch GOttes Seegen mit der Zeit so zugenommen / und sind von Fürsten / Edelleuten und Bürgern so viele milde Gaben geschehen / daß nicht allein die St. Johannis Kirche in der Stadt / sondern auch die St. Jürgens / St. Gertruten und St. Catharinen Kirche nebst der Marien Capelle ausser derselben fundiret und wohl aufgebauet wurden.“

   Im Vergleich zu anderen Städten ist diese große Anzahl von Kirchen und Kapellen in katholischer Zeit durchaus glaubhaft. Es ist auch nicht daran zu zweifeln, daß die meisten kirchlichen Gebäude außerhalb der Stadtmauer lagen.

   Überliefert sind insgesamt folgende kirchliche Einrichtungen:

   1. Frühmessen - Vicarei
   Im ältesten Stadtbuch heißt es 1414: "infra agrum Hinrici Stolten et vicarie s. to der vromissen penes Hasselbusch ..." (ein Ackerstückchen von fünf Ruten zwischen dem Acker von Heinrich Stolte und der Frühmessen - Vikarei beim Hasselbusch) und "tusschen deme vromissen acker vnde Darscow" (zwischen dem Frühmessen Acker und Darscow). Wenn diese Eintragungen auch ganz den Anschein erwecken, als hätte die Vikarei in der Gegend des Hasselbusches gelegen, so wird es sich doch wohl nur um ein ihr zugehörendes Ackerstück gehandelt haben, während die Vikarei eine besondere Einrichtung eines anderen Kirchengebäudes war.

   2. Kaland zu Neukalen
   So wie in anderen Städten, hat es auch in Neukalen im Mittelalter eine Niederlassung der Kalandsbrüder gegeben. Dieses wird 1414 durch folgende Eintragung bestätigt: "posuit honorabilibus viris fratribus conuiuii dicti calant" (den verehrungswürdigen Männern der Gesellschaft der Calantsbrüder ...). Bei der Kalandsbrüderschaft handelte es sich um einen Zusammenschluß von Geistlichen im 13. und 14. Jahrhundert. Es waren aber auch Laien zu dieser Vereinigung zugelassen. Die Bezeichnung rührte her von den geführten Totenverzeichnissen, Kalendern oder den ursprünglich am ersten Tag des Monats nach römischer Bezeichnung "Kalendae" abgehaltenen Versammlungen. Nach der Reformation wurde diese Brüderschaft aufgehoben. Niederlassungen der Kalandsbrüder gab es in mehreren Städten, so z. B. auch in Malchin.
   Das Kalands - Gebäude wird innerhalb der Stadtmauern gelegen haben, denn nach der Reformation wohnte der Küster darin. Später - vor 1622 - wurde es verkauft. Im Visitationsprotokoll von 1622 lesen wir jedenfalls: "weil er das calands hauß, darin der Küster zu vor gewohnet, verkauffet hat".

   3. Kapelle zum Heiligen Kreuz
   Im ältesten Stadtbuch 1447 genannt: "sanctam crucem". Diese Kapelle hat sicherlich innerhalb der Stadtmauern gelegen. Vielleicht bestand eine Verbindung zum Flurnamen "Auf dem Kreuz", ein Ackerstück am Wald an der Salemer Grenze. Es ist aber mehr als fraglich, ob die Kapelle eventuell dort gestanden haben könnte. 1534 ist diese Kapelle noch vorhanden. Vielleicht war es die Burgkapelle?

   4. Marienkapelle
   1448 genannt: "vicariam beate virginis extra" (Vikarei der heiligen Jungfrau außerhalb -). Im ältesten Stadtbuch wird sie Vikarei, im Buch "Papistisches Mecklenburg" Kapelle und bei "Klüver" Marien - Kirche genannt. Fest steht, daß sie außerhalb der Stadt lag. Eingeweiht wurde sie wohl 1433, denn "Klüver" berichtete: "Dieser ... hat Fürst Wilhelm von Wenden Ao. 1433 hundert Mark lübisch verehret, und Geverd Moltcken zum ersten Vicario darinn bestellet". 1534 ist diese Kapelle noch vorhanden.
   Vor dem Malchiner Tor befand sich früher der Sankt Marien Kirchhof. Heute  befindet sich hier das neue Feuerwehrgebäude hinter dem alten Spritzenhaus. Dieser Friedhof findet zum ersten Mal im Visitationsprotokoll von 1647 Erwähnung: "Dafür ein gartte beym S. Marien Kirchhofe, negst Jacob Steimbke". Der Name "Sankt Marien Kirchhof" sagt es schon, daß wir hier auch den ehemaligen Standort der Marienkapelle vermuten dürfen. Aus den Mitteln der Marienkapelle erhielten die ärmeren Einwohner der Stadt Unterstützung und fanden hier ein kostenloses Begräbnis. Nach der Reformation verfiel die Kapelle, der Friedhof aber wurde weiter als Armenfriedhof benutzt. 1763 bat der Armenkastenvorsteher um Holz für eine neue Umzäunung für den Armenkirchhof vor dem Malchiner Tor. Die Umzäunung des Friedhofes war von den Schweden abgebrannt worden. Die hölzerne Umzäunung ersetzte man im Juli 1780 durch eine Feldsteinmauer. 24 Fuhren mit Feldsteinen wurden dazu aus Salem angefahren.
   Bis 1782 war der "Marienkirchhof" noch der kostenlose Beerdigungsort für arme Einwohner, während die Besitzer eines vollen und halben Hauses eine freie Grabstelle auf dem Friedhof um die Kirche herum hatten. Dann wurden die Neukalener Einwohner auf dem neuen Friedhof (heutiger Schulplatz) beerdigt. Der "Marienkirchhof" aber blieb den Eingepfarrten aus Salem vorbehalten.  

   5. St. Catharinenkapelle
   Sie soll außerhalb der Stadt gelegen haben und wird nur im Buch "Papistisches Mecklenburg" und von "Klüver" erwähnt. Katharina von Alexandria war die Schutzheilige u. a. der Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen; der Lehrer, Studenten und Schüler; der Theologen und Philosophen; der Spitäler; aller Berufe, die mit Rad oder Messer zu tun haben: Wagner, Töpfer, Müller, Spinner, Seiler, Schiffer, Gerber, Friseure, Tuchhändler, Buchdrucker und Schuhmacher. Sie galt auch als Nothelferin.

   6. St. Georgskapelle
   1400: "sanctum Georrium", 1414: "zunte Jurien". Die St. Georgskapelle, im Volksmund auch St. Jürgen genannt, lag vor dem Mühlentor auf dem St. Georgsfeld (heutiger Friedhof). Der heilige Georg galt als der Schutzheilige u. a. der Bauern, Sattler, Schmiede, Böttcher, der Pferde und des Viehs, der Wanderer, der Spitäler, der Gefangenen, der Soldaten, der Reiter. Er war einer der 14 Nothelfer. Eine St. Georgskapelle war im Mittelalter in fast jeder Stadt vorhanden. Sie war ursprünglich für die Unterbringung der vom Aussatz (Lepra, Miselsucht) Befallenen eingerichtet und lag meistens unfern einer Hauptstraße (in Neukalen also am Landweg in Richtung Dargun). Dort wohnten die Kranken und riefen von Ferne das Erbarmen der Vorübergehenden an, die ihre Unterstützung in einen Opferstock am Wege niederlegten.
   Nach der Reformation, spätestens aber am Anfang des 17. Jahrhunderts, hatte sich das Bild der Stiftung schon gewandelt. Die Hauptaufgabe ihrer Mildtätigkeit war auf die Unterbringung und Verpflegung von Witwen gerichtet.
   Die St. Georg Stiftung muß reich mit Ländereien und Kapital dotiert gewesen sein. Jährlich wurde die Pacht von 32 Scheffel Aussaat Acker eingefordert, dazu die Pacht von Gärten und Wiesen.
   Genaueres erfahren wir erstmals aus dem Visitationsprotokoll von 1622 über die St. Georgsstiftung:
   "18 Gulden bekommen hieuon die Boginen Jehrlich, Von dem Vberligen werden die S. Jürgens gebeuwte in esse erhalten, vnd was daran nicht spendiret wirtt auf zinß gethan." [Von den Geldmitteln erhielten die Insassinnen also 18 Gulden; der Rest wurde für die Instandhaltung der Gebäude genutzt oder gegen Zinsen verliehen.]
   1637 wurde das für die Aufnahme von sechs Witwen bestimmte Haus mit 3 Zimmern für je 2 Personen, wozu noch ein Garten und Brunnen gehörte, durch Kriegseinwirkungen völlig zerstört. Die Stift - Benefiziaten waren danach verschollen. Der dazu gehörende St. Georgs - Friedhof bestand weiter. Jedenfalls erfahren wir 130 Jahre später, daß im 7jährigen Krieg die Einzäunung und das Tor des St. Georg - Friedhofs vor dem Mühlentor verbrannt war und erneuert werden mußte.
   Um 1647 hatte man innerhalb der Stadtmauern ein anderweitiges Haus mit einer Stube und zwei Kammern für 36 Gulden angekauft und als St. Georg Hospital eingerichtet. Im alten Stadtbuch wird berichtet, daß Hans Zehle 1650 die Hausstelle neben dem St. Georg gekauft hatte und hier ein Haus erbaute.
   Im Visitationsprotokoll von 1662 finden wir folgende Beschreibung des St. Jürgens (St. Georgs):
   "Daß Hauß von 3 gebindt, in Holtz gekleimet, eine gute thüere zum eingange, mitt zugehorigen Heßpen.
   Der Boden mitt Bohlen geleget.
   Eine fertige stube mitt der thüer, und 6 gute fenster, der Boden gewunden, der Ofen muß gebeßert werden,
   Noch 2 Kammern drinnen, mitt fertigen thüren, in einer ist nur ein fenster.
   Eine zimliche achter thüere.
   Daß Dack von Rohr, ist in zimlichen Stande.
   Eß ist nur ein giebel an diesem Hauße, weilen Hanß Zehlen Hauß daran gebauet, und eine Wandt, die beide Häußer scheidet, sonst ist ein weinig Hoffraum darbey."
   Das St. Georg Stift, auch Hospital, h. Geist oder Armenhaus genannt, hat bis 1850 etlichen Wittwen, die sich in das Stift eingekauft hatten, auf ihre alten Tage Obdach und Unterhalt gewährt. Ihre Zahl erreichte aber nie wieder die vor 1637 dagewesene Höhe, ist nie über vier angewachsen. Als Bedingung der Aufnahme wurde 1647 hingestellt, es sollen nur arme Leute, die ein gutes Zeugnis haben, aufgenommen werden. Wer dieser Wohltat teilhaftig werden wollte, mußte sich mit 17 Gulden, später mit 20 Gulden, noch später mit 22 Gulden 12 Schilling einkaufen. Konnte jemand dieses Kaufgeld nicht baar aufbringen, so trat auch wohl Stundung ein, es wurde dann in den vier ersten Jahren des Aufenthalts im Stifte die baare Geldhebung zurückbehalten und die Auszahlung des Jahrgeldes im Betrage von 3 Gulden geschah zuerst im fünften Jahre. Beim Tode der Stiftsarmen pflegte ihr Bett und anderes in dasselbe Mitgebrachte dem Stifte zu verbleiben, oder die Erben mußten es für 5 Gulden lösen. War eine Stelle im Stift erledigt, so verliehen die beiden Vorsteher, unter Vorbehalt der Genehmigung des Rats, die erledigte Stelle einer anderen Person.
   Um 1850 hat man das Armenhaus eingehen lassen, und den Wirkungskreis des Stifts wesentlich umgestaltet. Man stellte ihm in erster Linie die Aufgabe, Leute, welche im Begriffe stehen zu verarmen, auch solcher Wohltat würdig erscheinen, wo möglich vor dem gänzlichen Verarmen und dem Anheimfallen an die Armenkasse zu bewahren. In zweiter Linie sollte dann auch Schulgeld für ärmere Kinder, um dieselben der Wohltat eines besseren Unterrichts teilhaftig zu machen, bezahlt werden. Es leidet kaum Zweifel, daß man bei dieser dem Stift gesetzten Aufgabe mehr Gutes damit fördern konnte als früher. Ob diese Aufgabe auch der Absicht des Stifters entsprach, ist bei dem Dunkel, welches über Ursprung und älteste Geschichte des Stiftes herrscht, nicht mit Gewißheit zu entscheiden, wenn gleich eine mehrhundertjährige Geschichte es wahrscheinlich macht, daß das Stift von seinem Ursprung her zur Gewährung von Wohnung und Unterhalt an arme alte Frauen bestimmt war. Als die Regierung 1798 nähere Nachrichten über Ursprung und Geschichte des Stifts begehrte, so ließen sich solche über das Georgsstift nur mangelhaft geben.    

   7. St. Gertrudenkapelle
   Sie soll außerhalb der Stadt gelegen haben und wird nur im Buch "Papistisches Mecklenburg" und von "Klüver" erwähnt. Die heilige Gertrud von Nivelles (von Karlburg) galt als Patronin der Krankenhäuser, der Pilger und Reisenden, der Armen und Witwen sowie der Gärtner. Die Gertrudenkapelle in Neukalen muß man sich wohl als ein einfaches kirchliches Gebäude vorstellen, welches vor dem Malchiner Tor oder dem Mühlentor lag und in welchem Reisende über Nacht Schutz und Unterkunft fanden. Ein genauer Standort ist nicht mehr bekannt. Nach der Reformation verschwand diese Einrichtung spurlos.

   8. St. Jodocus - Altar - Vikarei
   1414: "her Claus Kerkdorp, en vicarius an vser kerken tu zunte Jodocus alter," (Herr Claus Kirchdorf, ein Vikar an unserer Kirche zum Sankt Jodocus Altar), 1448: "altare sancti Jodoci" (Altar des heiligen Jodocus). Sonst nicht weiter erwähnt. Der heilige Jodok galt als Patron der Pilger, der Blinden, der Siechenhäuser, der Schiffer und Bäcker. Diese Kirche oder kirchliche Einrichtung lag innerhalb der Stadtmauer und verschwand spurlos vor der Reformation.

   9. St. Johanneskirche
   Sie ist als Stadtkirche das älteste Gebäude unserer Stadt. Über ihre Erbauung ist nichts bekannt. Schriftstücke aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg sind verloren gegangen. Wahrscheinlich waren sie in einem besonderen Raum in der Kirche untergebracht und wurden zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges eingemauert. Jedenfalls berichtete Carl Voß, daß nach dem Einmarsch der Russen 1945 Soldaten das Innere der Kirche nach Schätzen absuchten. Durch Abklopfen der Wände wurde im Turm ein Hohlraum entdeckt. Nachdem man ein Loch in die Wand gestemmt hatte, fand man in dem kleinen Raum zahlreiche alte Schriften mit schön gemalten Initialien. Leider wurde dieses einmalige Schriftgut auf einen Ackerwagen geladen und in die Schuttgrube gefahren. So ging alles verloren.
   Als im Jahre 1281 die Bürger von Kaland den Entschluß faßten, ihre Stadt nach dem Platz des slawischen Dorfes Bugelmast zwischen dem Kummerower und dem heute längst verlandeten Wutzelen - See zu verlegen, hinterließen sie an ihrem bisherigen Wohnsitz eine geräumige Kirche, die heutige Dorfkirche von Altkalen. Es ist daher wohl anzunehmen, daß man auch in Neukalen mit dem Bau einer Kirche nicht lange gewartet hat. Ein genaues Baujahr ist uns zwar nicht bekannt, aber man geht wohl nicht fehl, anzunehmen, daß die Grundsteinlegung nicht lange nach 1281 erfolgt sein wird.
   Innerhalb von 50 Jahren, denn länger war die Gründung der ersten Stadt an der Stelle des heutigen Dorfes Altkalen noch nicht her, zweimal eine Stadt mit Rathaus, Kirche, Burg und Befestigungsanlagen zu erbauen, war ganz gewiß keine Kleinigkeit. So ist es denn auch begreiflich, daß man die neue Kirche sehr schlicht baute.
   Das erste bei der Stadtgründung errichtete Kirchlein mußte um 1400 oder bald danach durch einen Neubau ersetzt werden, den wir in seinen Grundmauern noch heute vor uns sehen. G. C. F. Lisch vertrat 1862 die Ansicht, daß das heutige Kirchenschiff aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts und nicht aus der Zeit der Stadtgründung stammt.
   In den Bruchstücken des ältesten Stadtbuches ist 1448 zweimal "Johannes Baptiste" (Johannes der Täufer) zu lesen, leider aber ohne weiteren Zusammenhang im Text. Es bleibt uns nur die ungewisse Vermutung, daß hiermit erstmals der Name unserer St. Johanneskirche angeführt ist.
   Die St. Johanneskirche bildet ein einfaches Oblongum mit dreiseitigem Chorschluß. Der Backsteinbau ist einschiffig, ohne daß sich in seiner Anlage eine Trennung zwischen dem Chor (Altarraum) und dem Gemeinderaum bemerkbar macht, wie das sonst bei gotischen Kirchen jener Zeit oft sehr ausgeprägt ist, um so auch rein äußerlich den Unterschied zwischen dem Priester, der im Chorraum amtierte, und dem Laien, für den das Kirchenschiff bestimmt war, zu betonen. Die Neukalener Kirche war demgegenüber von Anfang an eine echte Gemeindekirche, wie man sie dann später nach der Reformation gerne baute. Sie hat eine Länge von 40 und eine Breite von 13 Metern.
Die Kirche ist, nach den vollständig vorhandenen Wandbögen zu urteilen, auf Wölbung angelegt worden. Jedenfalls geht aus einer Anklageschrift des Stadtrichters Hilgendorf vom Jahre 1738 hervor, daß die Kirche in jener Zeit sehr verwahrlost gewesen ist und die Gewölbe eingestürzt sind. Will man diese Bemerkung auf etwa vorher vorhanden gewesene Deckengewölbe beziehen, so muß man jedenfalls feststellen, daß diese inzwischen so gründlich beseitigt sind, daß man heute an keiner einzigen Stelle des Mauerwerkes auch nur die geringsten Reste oder Ansätze jener alten Wölbungen entdecken kann. Das einzige, was noch die Richtigkeit dieser Annahme belegen könnte, ist die Tatsache, daß der Dachstuhl der Kirche früher wesentlich höher war als heute, wie man an der noch stehenden westlichen Giebelwand ersehen kann, die das jetzige Dach um ein beträchtliches überragt. Vielleicht ist die Kirche im 16. Jahrhundert ausgebrannt und bei der Gelegenheit das Gewölbe und die Turmspitze eingestürzt. Jetzt ist eine flache, durch unterliegende Querbalken gegliederte Holzdecke vorhanden.
   Auf der äußeren Südseite und den beiden folgenden Teilen des östlichen Schlusses, und zwar nur auf diesen drei Seiten, findet man am Dachgesims einen sehr hübsch und korrekt gebildeten Vierblattfries von schwarz glasurten Ziegeln.
   Die Spitzbogenfenster sind hoch und weit. Die Sehnsucht der Neukalener nach Licht in ihrer Kirche ist zu spüren. Jedenfalls haben sie alle Kirchenfenster, die nach Süden hinausgehen, um die Hälfte breiter gemacht als die nach Norden blickenden. Während die letzteren nur zweiteilig sind, sind die ersteren dreiteilig.
   Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß die Baumeister im Kreise der Darguner Mönche zu suchen sind, deren westfälischer Baustil in mehreren Kirchen der Umgebung zu finden ist (siehe Levin, Röcknitz, Gnoien, Schorrentin u. a.).
   Ursprünglich war die Kirche ohne Turm gebaut. Der Westgiebel hatte einen Blendenschmuck, der noch teilweise sichtbar ist. Auch war hier wohl einmal ein niedriger Anbau vorhanden oder zum mindesten geplant. Später hat man dann aber den Turm davor gebaut. Auch dieser ist, wie die ganze Kirche, aus Backsteinen errichtet, zwischen die allerdings an mehreren Stellen Feldsteine eingefügt sind. Mag dieses nun aus Sparsamkeit oder zur Erhöhung der Festigkeit geschehen sein, jedenfalls geben diese Feldsteine mit ihrer zum Teil recht lebhaften Farbe dem Turm ein schönes, eigenartiges Ansehen. Der Turm, dessen Mauerwerk mit spätgotischen Blenden verziert ist, trägt einen, mit Hilfe von vier Spitzgiebeln achtseitig gestalteten steilen Helm mit Knopf und Hahn. Er steht nicht ganz in der Längenachse des Schiffes. Seine Höhe beträgt bis zum Helm 56 Meter.
   Der Turm trägt im Westen außen rechts an der Turmpforte in 3,5 Meter Höhe eine Bauinschrift, welche mit vertieftem Grunde in die Ziegel eingeschnitten ist.
G. C. F. Lisch berichtet im Jahrbuch des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Band 27, 1862 auf den Seiten 214 und 215 darüber:
   "Diese Inschrift besteht jetzt aus 7 Ziegeln und lautet:

 

Inschrift am Kirchturm

 

Inschrift am Neukalener Kirchturm

 

    anno domini mcccc xxxix psns opus turris

   Die Inschrift ist offenbar nicht mehr vollständig und in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die Ziegel 1, 2 und 7, welche von roter Ziegelmasse sind, scheinen älter und mehr verwittert zu sein; die Ziegel 3, 4, 5 und 6 sind von gelber Ziegelmasse, weniger fest geschnitten und anscheinend jünger, als die drei anderen Ziegel. Die Inschrift ist also gewiß schon einmal restauriert und mag ursprünglich: Anno domini MCCCCXXXIX presens opus turris (consummatum est) gelautet haben. So viel wird aber gewiß sein, daß der Turm im Jahre 1439 vollendet, und hieraus wird hervorgehen, daß die Kirche nicht lange vorher gebaut ist. Der Turm scheint übrigens gelitten zu haben und in jüngeren Zeiten restauriert worden zu sein, da in den oberen Teilen Verhältnisse sichtbar sind, welche offenbar der Renaissance oder einer jüngeren Zeit angehören. Dicht über der Inschrift sind 6 Ziegel eingemauert, in deren jeden drei Verzierungen von hübschen gotischen Rosetten und verschiedenen Blattformen eingedrückt sind, in der Mitte eine runde Rosette, zu beiden Seiten zwei schildförmige Blätter."
   Eine Deutung dieser alten Ziegelstempel ist bisher noch nicht gelungen.
   Die Übersetzung der vollständigen Turminschrift aus dem Lateinischen lautet: Im Jahre des Herrn 1439 ist dieser Turmbau ausgeführt.

 

Zeichnung der Johanneskirche auf einer Ansichtskarte von 1897

 

Zeichnung der Johanneskirche auf einer Ansichtskarte von 1897

 

    
   10. Vikarei des Vikars Johann Wend
   1414: "agrum vicarie domini Johannis Wend" (Acker des Vikars Johann Wend). G. C. F. Lisch schließt im Jahrbuch 43 des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde von 1878 daraus, daß es eine Vikarei des Vikars Johann Wend gegeben haben muß. Der Vollständigkeit halber soll dieses in unserer Aufzählung erwähnt werden, obwohl es keine selbständige kirchliche Einrichtung gewesen sein muß. Unter dem Begriff Vikarei ist die Dienststelle für einen Geistlichen zu verstehen, welche eventuell auch mit einem besonderen Altar in der Hauptkirche in Verbindung zu sehen ist.

 

   Über die Standorte der Kapellen ist viel gerätselt worden. Nur die Lage der St. Georgskapelle und wohl der Marienkapelle ist annähernd bekannt. Von den anderen sind weder Fundamente, Ruinen oder besondere Flurnamen erhalten geblieben.