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Der Landarzt von Neukalen

 

Aus: den "Lübecker Nachrichten", Sonntag, 16. Februar 1986,

Seite 6: "Alte Berufe erzählen vom Leben auf dem Lande" (2).

Eine Serie von Helmut von der Lippe.

 

   Unruhe herrschte in einer Herbstnacht des Jahres 1938 im Hause des Landarztes Richard Rademacher im mecklenburgischen Neukalen. Gegen 9 Uhr abends war der Arzt mit seinem Auto zu einem Patienten in eines der umliegenden Dörfer gefahren. Als er um Mitternacht noch immer nicht zurück war, knatterten seine beiden Söhne mit dem Motorrad los, um ihren Vater zu suchen. Die Suche blieb vergebens. Erst frühmorgens tauchte der Arzt wieder auf - samt seinem Auto, das ein Milchwagen in Schlepp genommen hatte.

   Richard Rademacher war nachts mit seinem Wagen auf einem Knüppelweg liegengeblieben und hatte nun selbst der Hilfe geharrt, die ihm schließlich in der Morgenfrühe vom Milchmann zuteil geworden war.

 

   Nun war es nicht das erste Mal gewesen, daß der Arzt unterwegs Malheur mit seinem Auto gehabt hatte. Die mecklenburgischen Landwege waren seinerzeit in so miserablem Zustand, daß sie Pannen geradezu herausforderten. Richard Rademacher, ein Sohn des Landarztes und pensionierter Realschullehrer in Burg auf Fehmarn, weiß noch heute ein Lied von den abenteuerlichen Fahrten über Land zu singen: "38 Autos hat mein Vater in seiner 50jährigen Landarztpraxis verschlissen!"

 

   Als sich "Richard Löwenherz", wie der Landarzt bald liebevoll von seinen Patienten genannt wurde, im Jahre 1921 in Mecklenburg niedergelassen hatte, war er noch zu Fuß auf Visite gegangen. Dann leistete er sich ein Fahrrad und anschließend einen vom Pferd gezogenen Stuhlwagen. 1926 stand das erste Auto vor der Tür. Und damit begann auch für den damals vierjährigen Bruder ein ebenso aufregendes wie faszinierendes Kapitel Lebensgeschichte. Denn Vater bestand fortan darauf, daß seine Söhne ihn bei seinen Landtouren begleiten sollten. Er mochte nicht gern allein fahren.

 

 

Nach Ausreden gesucht

 

   Vormittags hielt "Richard Löwenherz" Sprechstunde in seiner Praxis in Neukalen ab. Nachmittags ging es dann über Land. Rund 20 Dörfer hatte der Arzt zu versorgen. Nicht immer hatten die Kinder natürlich Lust, sich den Strapazen einer Holpertour über die von Schlaglöchern übersäten Landwege auszusetzen. So suchten sie nach Ausreden und gaben vor, Schularbeiten machen zu müssen. Der Vater akzeptierte es, ging derweilen auf Visite in der Kleinstadt Neukalen und verlegte die Abfahrt auf den frühen Abend. Und da gab es keine Ausreden mehr, um sich vor der Landtour zu drücken.

 

   "Während der Fahrt liebte Vater zu singen", erinnert sich Richard Rademacher, "sein Lieblingslied war "Ich bin nur ein armer Landarztgesell". Zwischendurch paffte er seine Zigarre. Die Fenster durften dabei nicht geöffnet werden. Denn er wollte auch den Zigarrenqualm um sich herum genießen."

 

   Wenn Vater dann die Patienten im Dorf aufsuchte, mußten Richard und sein Bruder den angequalmten Zigarrenstummel weiter auf Flamme halten. "Es war ein furchtbarer Geschmack", schüttelt sich Richard Rademacher noch heute, "und oft war das auch noch völlig umsonst. Denn wenn Vater von den Patienten zurückkam, hatte er sich in der Regel schon wieder eine neue Zigarre angezündet."

 

   Richard Rademacher war Rheinländer und durch die Wirren der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nach Mecklenburg verschlagen worden. Er sprach zwar kein Plattdeutsch, genoß aber aufgrund seiner kraftvollen Persönlichkeit schon bald hohes Ansehen. Beim Knecht sowohl wie beim Gutsherrn.

 

   So konnte er es sich auch leisten, einen hochherrschaftlichen Kutscher wieder zurückzuschicken, der ihn auf einem klapprigen Kastenwagen zur krank danieder- liegenden Gutsherrin fahren sollte. "Löwenherz" spendierte ihm einen Kognak und eine Zigarre und wies ihn an, er möge gefälligst mit der Karosse wiederkommen, in der auch Madame sonst zu fahren pflege. Zwei Stunden später stand die Karosse vor der Tür - ein Diener in Livree öffnete dem Arzt in devoter Haltung den Wagenschlag. Da ließ auch Richard "Löwenherz" sich nicht lumpen, warf sich in Frack und Zylinder und ließ sich so zum Gut kutschieren.

 

   Vornehmlich hatte es der Landarzt natürlich mit einfacheren Leuten zu tun, die mit den verschiedensten Gebresten zu ihm kamen und von ihm nicht nur medizinische Hilfe, sondern oft auch menschlichen Rat erhofften. Wie jene beiden Söhne eines Altbauern zum Beispiel, die sich bei ihm darüber beschwerten, daß ihr Vater ihnen verboten habe zuheiraten, bevor er nicht das Zeitliche gesegnet habe. Der Bauer wurde 100 Jahre alt. Die Söhne beklagten seinen Tod im Alter von 70 Jahren. Eine Deern zum Heiraten wollte sich für sie nicht mehr finden.

 

   Mißverständnisse aber gab es auch in manch anderer Weise. "Bring mal dein Wasser morgen mit", hatte Landarzt Rademacher einem kränkelnden Bauern einmal verordnet. Jener kam am nächsten Tag mit einer Bierflasche wieder und ließ den Inhalt durch die damals schon im Labor der Praxis amtierende medizinisch - technische Assistentin untersuchen. Verwundert schüttelte sie immer wieder den Kopf. Die Werte stimmten hinten und vorne nicht. "Tja nu", entschuldigte sich der Bauer schließlich, "bederes Pumpenwater hevv ick nu mal nich!" Ein anderer Landmann kam einmal sogar mit einem alten Holzstuhl in die Praxis. Auch er hatte die ärztliche Weisung mißverstanden, seinen ureigenen Stuhl mitzubringen.

 

   Einiges Kopfzerbrechen bereitete dem Arzt eine Patientin, die über Magenschmerzen klagte. Trotz eingehender Untersuchung aber fand er nicht die geringsten Anzeichen einer Erkrankung. Als sie dennoch immer wieder zu ihm kam, verschrieb er ihr ein Rezept und trug ihr auf, damit nicht zum Apotheker, sondern zum Kaufmann zu gehen. In der Zwischenzeit setzte er sich telefonisch mit dem Kaufmann in Verbindung und bat ihn, die verordnete "Arznei" in ein neutrales Papier einzuwickeln.

 

   Acht Tage später suchte die Frau bei Dr. Rademacher um ein weiteres Rezept nach. Das Mittel habe sehr gut angeschlagen, sie fühle sich sichtlich wohler. Danach kam sie nicht mehr wieder. Offensichtlich war sie geheilt. Das Wundermittel, das ihr der Arzt verschrieben hatte, war Kautabak gewesen.

 

 

Wasser aus der Pumpe

 

   Auf dem Lande gab es seinerzeit noch kaum fließendes Wasser. Man holte sich das Wasser von den Pumpen, die hier und da an der Dorfstraße standen. Kein Wunder, daß manch ein Landbewohner daher mit der Körperpflege auf Kriegsfuß stand. Eines Tages kam eine Frau zum Doktor und klagte über Beschwerden im rechten Fuß. Er bat sie, den Fuß freizumachen. Dann wollte er zum Vergleich auch den linken Fuß sehen. Doch die Frau wehrte ab: "Nee, Herr Doktor, darauf bin ich heute nicht vorbereitet. Ich komme morgen wieder."

 

 

Eine Pfeffernuß als Friedensgruß

 

   Und fast hätte Richard Rademacher über all die herrlichen Döntjes vergessen, die schönste Geschichte zu erzählen, die sich in der Praxis seines Vaters abgespielt hat. Nicht weit entfernt vom Arzthaus befand sich eine Autowerkstatt, in der auch der Doktor seine Wagen reparieren ließ. Als eines Tages der Mechaniker mit verbrannter Hand in der Praxis erschien, nahm "Löwenherz" die Gelegenheit wahr, um über den Kraftfahrzeug - Meister herzuziehen. Er sei zu teuer und manches Mal sei es reiner Pfusch, was er abliefere.

 

   Der Mechaniker aber hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als seinem Chef diese harrsche Kritik zu hintertragen. Jener griff spontan zu einem Engländer - einer riesengroßen Zange, rannte wutentbrannt zur Praxis, schnaufte an den entsetzt blickenden Patienten vorbei, stieß die Tür zum Sprechzimmer auf und drohte dem Arzt mit erhobenem Engländer: "Wat hesst du seggt - wart ick will di kriegen?"

 

   Richard "Löwenherz" ergriff das Hasenpanier und floh in die Küche, wo Mutter gerade die Erbsensuppe zubereitete: "Wenn du meinem Mann was tust", warf sie sich dem Wütenden mutig entgegen, "dann schütt ich dir den ganzen Kübel Erbsensuppe über den Kopf!" Dr. Rademacher hatte inzwischen draußen im Garten Zuflucht in einem Fliederbusch gesucht. Knurrend zog der Kfz - Meister ab: "Töf ab, du, di krieg ick noch!"

 

   Abends klingelte das Telefon bei Rademachers. Kleinlaut und verlegen meldete sich die Frau des Meisters: ihr Mann liege mit einer schweren Gallenkolik danieder. Ob der Herr Doktor nicht mal vorbeischauen könne. Der Arzt winkte ab: "Zu dem geh ich nicht!" Seine Frau beschwor ihn dennoch, seiner ärztlichen Fürsorgepflicht nachzukommen, und er beugte sich schließlich - wenn auch widerwillig.

 

   Die Frau des Meisters erwartete den Doktor schon an der Tür: "Bitte, tun Sie meinem Mann nichts!" flehte sie ihn an, während sie ihn ins Krankenzimmer führte. Dort lag der arme Sünder. Mit der einen Hand hatte er die Bettdecke über beide Ohren gezogen, mit der anderen streckte er dem Arzt gleichsam als Friedenszeichen eine Pfeffernuß entgegen. "So", strahlte Dr. Rademacher den jammernden Meister an, "jetzt jag ich dir eine Spritze in den Hintern, an die du noch lange denken wirst!" Und zack, saß das Geschoß. Seitdem haben sich beide gut verstanden.

 

 

   Schon längst war es über die Zeit, die für die Plauderei mit Richard Rademacher vorgesehen war. Es gäbe noch so vieles zu erzählen, meinte er beim Abschied, auch darüber, daß das Leben eines Landarztes natürlich nicht immer nur heitere Episoden gekannt hat, sondern auch viel Leid und Betroffenheit.

 

   Das Leben auf dem Lande spielte sich früher in allen Situationen des menschlichen Daseins viel unmittelbarer ab, es war geprägt von Menschen, die, gleich welchen Standes, Persönlichkeiten waren. Landarzt Dr. Richard Rademacher ist eine von ihnen gewesen.

 

 

1936: Vater Rademacher hat mit seinem Opel P 4 eine Pause auf der Landtour eingelegt

 

1936: Vater Rademacher hat mit seinem Opel P 4 eine Pause auf der Landtour eingelegt - sehr zur Freude seiner beiden Söhne.

 

 

Im Sommer war der Schlitten ein beliebtes Spielgerät

 

Im Sommer war der Schlitten ein beliebtes Spielgerät für die Kinder. Im Winter bot er oft nur die einzige Möglichkeit zum Fortkommen.

 

 

Nur eine Beule am Kotflügel

 

Nur eine Beule am Kotflügel - das war alles, was zu sehen war, nachdem der Landarzt mit seinem Auto gegen einen Baum gefahren war. Auch seine Reisegefährten waren unversehrt geblieben.

 

 

Voller Erinnerungen an seinen Vater

 

Voller Erinnerungen an seinen Vater:
Realschullehrer Richard Rademacher in Burg auf Fehmarn.