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Dr. Rademacher

 

Maria Flach

 

   Geboren wurde Dr. Richard Rademacher im Rheinland. 1933 eröffnete er in Neukalen seine Praxis und erwarb sich bald eine hohe Anerkennung bei seinen Patienten. Er war ein beeindruckender Mann - ein Landarzt von altem Schrot und Korn, wie man so schön sagt. Im Volksmund wurde er auch Richard Löwenherz genannt.

   Sein Patientenstamm war sehr groß, da er auch alle Dörfer ringsherum betreute. Jeden Tag machte er viele Hausbesuche über Land. Da ich von 1963 bis 1966 bei ihm in der Sprechstunde arbeitete, fuhr ich öfter mit, da auch alle Impfungen vor Ort durchgeführt wurden. Wenn wir am Friedhof vorbeifuhren, sagte er: "Schwester, das waren alles meine Kunden."

   Der Doktor hatte einen derben rheinischen Humor, den man verstehen lernen mußte, um mit ihm zusammenarbeiten zu können. Trotz seiner Derbheit saß ihm immer ein gewisser Schalk im Nacken. Ein Paradebeispiel für seinen derben Humor war folgende Episode:

   Dr. Rademacher mußte nach Rostock - Gehlsdorf fahren, um etwas zu erledigen. Der dicke Fehlhaber, genannt Gumminoors, und Zahnarzt Döring kamen mit, sie wollten ebenfalls nach Rostock. Als sie in Gehlsdorf vor der Klinik hielten, meinte Dr. Rademacher: “Wartet mal einen Augenblick im Auto. Hier habe ich etwas zu erledigen, ich komme gleich wieder”. In der Klinik sagte er zu den Pflegern, die ihn kannten, daß er draußen im Auto einen Verrückten mitgebracht habe. “Der Dicke ist aber gefährlich und wird sich sicherlich wehren!” Die Pfleger stürzten sich nun auf “Gumminoors” und legten ihm eine Zwangsjacke an. Sein Sträuben und Schimpfen half ihm nichts. Je mehr er schrie und zappelte, desto fester hielten ihn die Wärter. Sie brachten ihn in eine Gummizelle. Hier mußte er eine Weile schwitzen und ausharren, bis Dr. Radmacher ihn schließlich aus seiner mißlichen Lage befreite.

   Einmal kam ein Bauer zu Dr. Rademacher und klagte über Brustschmerzen. "Rauchst Du?", fragte daraufhin der Doktor. Das bejahte der Bauer. "Was denn?", lautete die nächste Frage. Pfeife, wurde ihm beschieden. Der Bauer hatte das gute Stück auch mit dabei und zeigte es seinem Gegenüber, der offensichtlich eine Respektperson für ihn war. Dr. Rademacher nahm jedenfalls die Pfeife und warf sie in hohem Bogen zum Fenster hinaus. Sie soll nach Berichten im gegenüberliegenden Ratmannsteich gelandet sein. "Ab heute rauchst Du nicht mehr!"

   Solche drastischen Methoden konnte er sich wohl leisten, denn sonst würden nicht heute noch viele ältere Neukalener mit großer Achtung von ihm reden.

   Als Dr. Rademacher noch in Dargun praktizierte, wohnte er neben den Großeltern von Helga Kottke. Diese haben ihr auch folgende Geschichte erzählt: Eines Tages ging die Tür auf und Dr. Rademacher stand in der Wohnung. Kurz angebunden sagte er zur Erklärung: "Ich will mal gucken, ob Ihr meine Wurst geklaut habt." Ihre Großmutter sei sehr ungehalten über diese Verdächtigung gewesen. Aber Dr. Rademacher sei später gekommen und klärte die Sache auf. "Ich muß mich entschuldigen, mein Hund hat sich die Wurst geholt."

   Bauer Kohl aus Borgfeld bei Glasow war sehr dick. Als er eines Tages krank wurde, sagte seine Frau: "Du möst eis tau´n Dokter gahn!" Da ging er zu Dr. Rademacher in Altkalen, der zu ihm sagte, er soll nicht soviel Spiegeleier essen. "Ja, Herr Dokter, die essen Sie ja auch!" Denn, wenn Doktor Rademacher kam, stand immer eine Pfanne mit Bratkartoffel und Spiegeleier zum Essen bereit. Bauer Kohl bekam nach der Untersuchung ein Rezept. Er ging damit zur Apotheke nach Dargun. Der Apotheker las das Rezept und sagte: "Das kriegen Sie nicht bei uns, gehen Sie mal in das Geschäft gegenüber." Auf dem Rezept stand: 10 Pfund Spickaal.

   Dr. Rademacher wird in Neukalen unvergessen bleiben. Ungezählte Anekdoten erinnern an sein Wirken, so auch diese: Als eines Tages ein Patient durch Unfall sein äußeres Ohr verlor, fragte der Patient den Doktor ängstlich, ob dieser ihm nicht eine Narkose geben könne. Darauf entgegnete Dr. Rademacher: "Mensch, hast Du eine Narkose gekriegt, als Du Dir das Ohr abgerissen hast?"

   In Malchin gab Dr. Rademacher einem Drehorgelspieler 10 Mark, dann mußte dieser eine Stunde um das Finanzamt laufen und das Lied spielen: “Wenn ich dich seh´, muß ich weinen”.

   Dieter Schmidt wurde als Kind zu Dr. Rademacher geschickt. Der sah oben aus dem Fenster. "Bitte kommen Sie schnell, " sagte Dieter, "ich glaube, Oma stirbt;" "Ja, alt genug ist sie ja," meinte der Doktor. Dieter war geschockt.

   Frau Specht wohnte gegenüber von Dr. Rademacher. Sie sah eines Tages längere Zeit in sein Fenster und wunderte sich. Mit einem Mal ging das Fenster auf und Dr. Rademacher schaute heraus: "Was gibt es?" "Ich dachte, Sie haben eine neue Lampe", sagte Frau Specht. Sie erhielt zur Antwort: "Das ist keine neue Lampe, das war mein Arsch!"

   Vergessen hat auch Karl-Heinz Päplow aus Malchin den Dr. Richard Rademacher nicht. "Ich war schon als Kind bei ihm in Behandlung", erinnerte er sich. Nach 1945 war er Kfz-Schlosser und Dr. Rademacher ließ in der Werkstatt auch seine Autos reparieren. Eines seiner Autos war auch einmal ein Fiat Topolino, ein sehr kleines Gefährt. "Das konnte der Doktor mit seinem Bauch lenken, denn er war ja nicht gerade schlank", erzählte der Malchiner.

   Nicht unerwähnt soll bleiben, daß Dr. Rademacher sich mutig den Schergen der Nazi-Herrschaft stellte und auf Grund seiner Ansichten mehrere Tage bei Schwerin inhaftiert wurde. Bezeichnend auch für ihn, daß er 1945 mit der weißen Fahne der Kapitulation den russischen Truppen entgegenging. 1945 selbst an Flecktyphus erkrankt, half er doch immer wieder rastlos ohne Schonung der eigenen Kräfte. Erstaunlich seine ärztlichen Leistungen, die - in der Schreckenszeit von 1945 - bis hin zur Behandlung von Schußverletzungen der Lunge gingen.

   Dr. Rademacher hatte im Krieg viel Elend gesehen. Es gab oft keine Betäubungsmittel noch Sterilität, wie er der Sprechstundenhilfe oft barsch zu verstehen gab, wenn sie ihn mit zu viel Sterilität nervte. Ja, empfindlich und zimperlich durfte man bei ihm nicht sein, weder als Schwester noch als Patient.

Als 1945 die Typhusepidemie in Neukalen grassierte, kümmerte sich Dr. Rademacher aufopferungsvoll um seine Patienten in der alten Kegelbahn. Dazu kamen die vielen Tuberkulosekranken in der Baracke, die täglichen Sprechstunden und anfallenden Hausbesuche. Ja, er hatte alle Hände voll zu tun. Deshalb hatte er auch wohl so wenig Verständnis für Drückeberger und Simulanten. Da er ja alle duzte, kam es schon vor, daß er sagte: "Was machst Du denn schon wieder hier, Du bist doch nicht krank." Für die wirklich Kranken war er Tag und Nacht da. Wenn es schnell gehen mußte, kam er sogar im Schlafanzug und blieb oft die ganze Nacht, bis es dem Patienten besser ging.

   Barbara Hornemann, die heute in Altötting zu Hause ist, berichtete: "Als wir, meine Mutter und fünf Kinder, im Januar 1946 nach einer monatelangen Flucht aus Oberschlesien in Neukalen ankamen, erfolgte die Einquartierung in der alten Ziegelei. Innerhalb ganz kurzer Zeit brach dort Typhus aus. Wir über­lebten, Gott sei Dank, aber ich, damals 3 Jahre alt, konnte nach der schweren Erkrankung nicht mehr gehen. Unsere Anlaufstelle war Dr. Rademacher. Ich hatte als Kind einen Heidenrespekt vor ihm. Er wies mich sofort in die Universitätsklinik Rostock ein - seine Diagnose: Knochen-Tbc, hervorgerufen durch Typhus und schwere Unterernährung. In den folgenden Jahren verkürzte sich mein Bein immer mehr, Gehgips und Eisen­schiene waren meine Begleiter. Wann immer es mir schlecht ging, Dr. Rademacher war zur Stelle. Als wir 1952 aus der DDR ausreisten, mein Vater war nach dem Krieg in Bayern gelandet und hatte die Familienzusammenführung er­reicht, erhielt ich von unserem Hausarzt sofort die Aufforderung, einen Rentenantrag zu stellen, da die Tbc noch immer in mir wütete (das Bein mußte amputiert wer­den), um als Kriegsfolgeschaden anerkannt zu werden. Leider konnte ich keine schriftliche Stellungnahme von einem hiesigen Arzt bekommen. Unsere letzte Hoffnung war Dr. Rademacher. Eine Anfrage bei ihm genügte. Sofort erhielten wir das Attest. So hat Dr. Rademacher mich nicht nur am Leben erhalten, sondern auch eine finanzielle Sicherheit für mich geschaffen."

   Die armen Patienten und Flüchtlinge wurden besser von ihm behandelt, ich denke aus Mitleid. Ich weiß z.B., daß er einer schwerkranken Patientin von seinem Bohnenkaffee, den er auf Marken erhielt, etwas abgab. Sie sollte schneller wieder auf die Beine kommen. Er hat auch selber Patienten ins Krankenhaus nach Dargun gefahren, damit sie schneller behandelt werden konnten. Er war Tag und Nacht für seine Patienten da.

   Ganz genau sah Dr. Rademacher bei den Einschulungsuntersuchungen hin. Wenn die Knirpse noch zu klein und zu dünn waren, sagte er: "Du geh mal noch ein Jahr auf die Wiese, Du kannst den Tornister noch nicht schleppen." So hatte er sogar einmal eine ganze Klasse zurückgestellt.

   Ein Junge hatte sich beim Schlittenfahren verletzt und die Wunde mußte genäht werden. Ohne Betäubungsspritze tat dieses weh. Der Doktor sagte nur: "Wie Du gegen den Baum gefahren bist, hattest Du doch auch keine Betäubung"!

   Trotz seiner Derbheit, kam immer wieder seine soziale Ader durch. Er fühlte sich verantwortlich für die Schwachen und Notleidenden. Letzteren ließ er zu Weihnachten einen Geldbetrag zukommen. Er verteilte tausende Mark an Bedürftige. Seine Angestellten durften auch Vorschläge machen, wer etwas bekommen sollte. Der Doktor horchte genau hin und sagte schon mal: "Nee, Frau Sowieso kriegt nichts, die hat jeden Tag ein neues Kleid." Zu Weihnachten durften wir dann die Umschläge mit 100 bis 200 Mark verteilen. Die Freude bei den Beschenkten war natürlich groß.

   Hanni Schwalbe aus Malchin war viele Jahre lang Sekretärin des Landarztes. "Ich habe ihn sehr geschätzt, denn er war immer für sei­ne Patienten da", sagte sie. Vor allem für die Armen habe er ein weites Herz gehabt, berichtete sie. In der Weihnachtszeit habe sie immer Umschläge fertigmachen müssen, in die der Arzt dann jeweils 100 Mark steckte. Die bekamen Patienten, denen es nicht so gut ging. Dr. Rademacher sei nicht nur in seiner Wortwahl sehr geradeaus gewesen, wie sie es nennt. Auch bei der Behandlung soll er nicht zimperlich gewesen sein. Das bestätigte Hannelore Schudeck aus Retzow. Sie erinnert sich an Kinderuntersuchungen, bei denen es schon mal eine Ohrfeige setzte, wenn die Rangen gar zu laut und ungehorsam waren.

   Bei den Hausbesuchen auf Bauernhöfen inspizierte der Doktor mit Einverständnis der Bauern deren Räucherkammern. Diverse Schinken, Würste und Eier wechselten den Besitzer, aber er behielt kaum etwas für sich. Er sagte: "Ich bin dick genug." Er gab es denen, die nicht soviel zu beißen hatten; also ein moderner Robin Hood, den Reichen nehmen und den Armen geben.

   Elli Saß, geb. Schoknecht war von 1948 bis zu ihrer Heirat 1951 bei Dr. Rademacher "in Stellung". Sie mußte Dr. Rademacher mit dessen Tochter Carola oft über Land begleiten. Er selbst war technisch nicht so begabt und brauchte die beiden jungen Damen zum Reifenwechseln oder dem Beheben von anderen kleinen Pannen. Einmal wurden sie beide mitten in der Nacht von ihm geweckt und aufgefordert ihm zu folgen. Ohne weitere Erklärung führte er sie durch ganz Neukalen zum Lelkendorfer Weg. Dort stand sein Auto - ein kleines gelbes - mit Reifenpanne.

   Wenn der Arzt zu einem Schlachtefest kam, steckte er sich schon einmal eine Wurst in den Ärmel, um dann harmlos zu fragen: "Sag mal, gibt es bei Euch keine Mettwurst?" Einmal hatte er sogar ein halbes Schwein einfach so mitgenommen. Der Bauer war darüber sehr ärgerlich. Erst Monate später hat der Doktor es dann beim Bauern bezahlt.

   Gern fuhr er in die Gegend um Küsserow zu den Großbauern. Da bekam er kräftiges Abendessen und brachte das nicht Verzehrte mit nach Hause. Er war oft brubbelig und seine Methoden wirkten mitunter recht rabiat. Aber er hatte unter all der rauhen Schale ein sehr weiches Herz, war immer für seine Patienten da und gab für sie sein Letztes.

   Frau Preuß aus Altkalen erzählte: Die Kinder einer Frau in Küsserow sind immer auf den Hof gegangen und haben Asche gegessen. Da hat Dr. Rademacher gesagt: "Das ist gut, da fehlt ihnen irgendwas, das lassen Sie man, das ist nicht schlimm." Und auch Speck aßen die Kinder gern. Da hat er gesagt: "Auch das ist gut. Wenn sie nicht mehr mögen, hören sie von alleine auf."

   Einmal kam er auf einen Bauernhof zu einem kranken Mädchen. Bei seinem Eintreten schockte er die Eltern mit der Frage: "Is sei anschotten?"

   Dr. Rademacher geriet in eine Verkehrskontrolle und dabei wurde festgestellt, daß die Hupe nicht funktionierte. Natürlich mußte der Arzt eine Strafe zahlen. Daraufhin schickte er seinen Fahrer, den Herrn Strey, in einen Spielzeugladen, um dort eine Kinderhupe zu kaufen. Als die beiden dann wieder an dem Polizisten vorbeifuhren, hat Dr. Rademacher dem mit der Hupe ins Gesicht geblasen.

   In der Nähe des Fritz-Reuter-Platzes hatte Dr. Rademacher mit seinem Auto einen Unfall und verletzte sich. Als Hilfe kam, saß er bereits auf einem Stein und nähte sich die Wunde selber.

   Als Dr. Rademacher sich gerade ein neues Auto gekauft hatte, kam er zur Frühstückszeit zurück nach Neukalen. Bäckermeister Specht stand in seiner mit Mehl verstaubten Bäckerkleidung und Pantoffeln an den Füßen vor der Tür bei einem Schwätzchen mit einem Nachbarn. Dr. Rademacher hält an: "Sall ick juch mien nieges Auto vorführn?" Das neue Auto wird begutachtet und verführt natürlich zu einer Spritztour. "Nur bis Dargun", heißt es. Aber die Fahrt geht weiter. Dr. Rademacher hält nicht an. Er stoppt erst, als sie in Binz am FKK - Strand sind. "Dat wull ich juch man bloß zeigen. Hier führ ick ümmer hen, wenn ick Urlauw heww." Spät am Nachmittag sind sie wieder zurück - Bäckermeister Specht noch immer mit Schürze und bloßen Füßen in Pantoffeln. Die Bäckerei mußte warten.

   Eine ältere Frau vom Lande kommt in die Praxis und klagt über Hexenschuß. Dr. Rademacher sitzt am Schreibtisch, beschäftigt mit schriftlichen Arbeiten: "Legen Sie sich man schon immer dorthin auf die Liege." Die Frau liegt und wartet. Plötzlich ist laut und deutlich zu hören, wie ihr ein kräftiger Wind entfährt. Dr. Rademacher dreht sich um, schaut die erschrockene Frau an und stellt fest: "Sehen Sie, der Schuß ist schon raus, die Hexe liegt noch da."

   Eine Frau, welche ein Hund in das Bein gebissen hatte, schockierte er mit den Worten: "Was wollen Sie denn hier? Gehen Sie zum Tierarzt!”

   Einer Frau hatte Dr. Rademacher Salbe verschrieben. Sie fragte: "Wie soll ich die Salbe anwenden?" "Von mir aus schmier sie Dir in´s Gesicht," bekam die Frau zur Antwort.

   Dr. Rademacher war Arzt aus Leidenschaft. Er hatte drei Kinder, zwei Jungen und eine Tochter; sie hieß Karola. Zu den beiden Jungen hat man immer "Mufdi" und "Bufdi" gesagt. "Mufdi" wurde Apotheker und arbeitete in Malchin. "Bufdi" ging damals in den Westen.

   Seine erste Frau sollte einmal eine Spritze bekommen und hatte Angst. Da soll der Doktor mit der Spritze in der Hand hinter ihr her mehrmals um den Tisch herumgelaufen sein. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Dr. Rademacher noch einmal. Er hat sie immer scherzhaft "meine Zimmerlinde" genannt. Weil seine Frau soviel vor dem Fernseher saß, soll er ihn eines Tages aus dem Fenster geworfen haben. Seine Frau erzählte auch gerne mit den wartenden Patienten. Einmal rief Dr. Rademacher in den Warteraum: "Schmeißt die Alte raus!" Im Sprechzimmer hatte er schwarze Möbel, die Zimmertüren waren rot. In seiner Garage hing der Spruch: "Ob arm, ob reich; im Tode gleich". Ein Hund von Dr. Rademacher hieß Ajax, war eine Bulldogge und schaute immer über die Mauer.

   Als Dr. Rademacher einst Handwerker im Hause hatte, sagte er zur Mittagszeit zu ihnen: "So, nun geht man in die Gaststätte Kottke und eßt und trinkt Euch richtig schön satt." Das machten die Handwerker auch. Sie meinten, daß der Doktor das Essen bezahlen würde und bestellten reichlich. Um so verwunderter waren sie, als Frau Kottke die Mahlzeit abkassierte. Ärgerlich kamen sie zur Arbeitsstelle zurück. Dr. Rademacher sagte: "Ich habe nur gesagt, eßt und trinkt Euch richtig satt - vom Bezahlen war nicht die Rede." Bis zum Feierabend ließ er die Handwerker in Ungewißheit, dann gab er ihnen aber Geld für das Mittagessen.

   Klaus Ziel berichtete: "Als ich noch Student war, bestellte er mich mal zu sich. Meine Mutter, die im Krankenhaus arbeitete, war sehr aufgeregt, was denn der Doktor von mir wolle. Dr. Rademacher gab mir 200 Mark, aber mit der Verpflichtung, daß ich meiner Mutter nichts sagen sollte. Der Arzt hatte Angst, daß es dann seine Frau erfahren würde.

   Manfred Otto aus Malchin berichtete, daß Dr. Rademacher mit einem seiner Autos auch mal die Stufen zum Landambulatorium hochgefahren sein soll.

   Ein "Rezept" des Doktors hat Hannelore Besserdich aus Stavenhagen noch in Erinnerung. Im strengen Winter 1954 hatte sie Frost "in den Hacken". Dr. Rademacher empfahl: "Nimm Dir Pferdeäppel, überbrühe die mit kochen­dem Wasser. Das Ganze wird durch eine Windel abgeseiht und dann die Füße darin baden." "Ich habe nie wieder Frost in den Hacken gehabt", versicherte Frau Besserdich.

   Leider setzte das Alter auch so einem starken Baum, wie es Dr. Rademacher war, seine Grenzen. Sein Augenlicht ließ sehr nach. Da er aber mit Leib und Seele Arzt war, fiel es ihm sehr schwer seinen Arbeitsplatz zu räumen und seinem Nachfolger Dr. Grünwoldt Platz zu machen. Im Jahre 1966 ging Dr. Rademacher in seinen wohlverdienten Ruhestand. Ab und zu sah man ihn mit einigen Nachbarn auf der Bank vor der Bäckerei Specht sitzen, und jedem, der vorbeiging, wurden ein paar mehr oder weniger deftige Worte mit auf den Weg gegeben. “Na, wie geht es Euch, Ihr Suppenhühner,” sagte er einmal zu einigen älteren Frauen.

 

   Dr. Rademacher starb am 25. Dezember 1973. Er bleibt unvergessen in den Herzen der Neukalener. Er war ein Original, und viele können heute noch lustige Geschichten über ihn erzählen, aber auch davon, wie er den Kranken und Hilfsbedürftigen treu zur Seite gestanden hat mit seiner ganz eigenen speziellen Art, die bei ihnen gut ankam. Dafür sei ihm postum noch einmal ein großes Dankeschön gesagt.

   Vielen hallt heute noch sein Gegengruß im Ohr: Auf "Hummel - Hummel" folgte von ihm prompt ein kräftiges: "Moors, Moors!"

 

 

 

Dei borboorsche Dokter

 

Heinz Krüger

 

   Dat is all ´ne ganze Reih von Johren her, dunn wahnte in ´e Vörstrat eis ´n Dokter. Sien Ökelnam´ wier "Löwenherz". Hei wier bi väle Patienten beleiwt wägen sien Düchtigkeit. Gliektiedig harrn´s oewer Angst vör em, wiel hei mitunner ganz schön groff mit ehr ümsprüng.

   Eines Daachs keem dei oll Bäudner Schoknecht in sien  Spräkstunn´. Dat wier in´n Harwst, als dei Tüffel inkellert würden. -

   "Trecken´s sich ut", secht dei Dokter tau em.

   "Nee, Dokting, wotau? Ik will doch man ..."

   Wierer keem hei nich.

   "Sei soelen sich uttrecken, fuurts un up´e Stä´", blafft dei Dokter em an.

   "Ik weit´t nich, Dokting", winnt Schoknecht sich verlägen un dreicht sien Mütz üm un düm in´e Hänn´.

   "Dunnerlüchting noch mal, Mann, trecken´s sich nu ut, oewer bäten fix. So wat oewer ok!"

   Toegerlich lecht Schoknecht sien Kleedasch af un steiht denn dor - splirrernaakt. Dei Dokter unnersoecht em.

   "Schoknecht, Mann, wat willen Sei hier? Sei sünd doch ganz gesund!"

   "Ik weit´t Dokting, ik weit´t. Ik will doch ok blooß fragen, wo ik Sei Ehr Inkellerungstüften afladen sall."

 

Dr. Richard Rademacher

 

Dr. Richard Rademacher

 

 

Dr. Rademacher (links) in Harzgerode, 22.8.1963

 

Dr. Rademacher (links) in Harzgerode, 22.8.1963

 

 

Dr. Rademacher (Mitte) in Harzgerode, 23.8.1963

 

Dr. Rademacher (Mitte) in Harzgerode, 23.8.1963

 

 

Dr. Rademacher (2. von rechts)

 

Dr. Rademacher (2. von rechts)

 

 

Dr. Rademacher (2. von rechts) beim Freizeitbier mit seinen Nachbarn

 

Dr. Rademacher (2. von rechts) beim Freizeitbier mit seinen Nachbarn (links: Herr Vonthien, rechts: Bäcker Specht)

 

 

Grabmonument der Familie Rademacher auf dem Neukalener Friedhof

 

Grabmonument der Familie Rademacher
auf dem Neukalener Friedhof