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Erinnerungen an Pastor Theuerkauf

 

Wolfgang Schimmel

 

   Am 20. September 2009 wurde in Neukalen das Fest der Goldenen Konfirmation der Jahrgänge 1957 bis 1959 gefeiert. Frau Ursula Schaeffer hatte alles gut organisiert und vorbereitet; Pastor Johannes Höpfner begleitete uns mit besinnlichen Worten.

   Viele waren gekommen; manche fehlten leider, einige waren schon verstorben, einige konnten oder wollten nicht kommen. Für die Teilnehmer waren es erlebnisreiche Stunden: Gottesdienst, gemeinsames Essen, Andacht, schönes Wetter, Gebete, lebhafte Gespräche. Erinnerungen wurden wach. Auch mir kamen wieder viele Erlebnisse der Konfirmandenzeit in den Sinn. Zugegeben, ich erinnere mich weniger an die zu lernenden Gebote oder Bibelsprüche; mir sind aber dafür besonders zwei Fahrradtouren mit unserem damaligen Pastor Walther Theuerkauf dankbar in Erinnerung geblieben. Wer geht heute noch das Wagnis ein, mit einer Gruppe von 12 bis 14 - Jährigen mit dem Fahrrad weite Touren zu unternehmen? Sicherlich war der Straßenverkehr damals weit geringer und weniger gefährlich, dafür war aber der Zustand der Straßen eine Katastrophe, und es gab noch keine Radwege. Pastor Theuerkauf machte sich jedenfalls unerschrocken mit uns auf den Weg. Es wurden unvergeßliche Erlebnisse.

 

   Montag, 11.8.1958

   Manche Erinnerungen verblassen nicht, sie bleiben auch nach über fünfzig Jahren lebendig, besonders wenn man an schöne Jugendzeiten zurückdenken kann. Pastor Theuerkauf hatte im Rahmen des Konfirmandenunterrichts die Jungs eingeladen, fünf Tage Ferien auf einem Bauernhof bei Zislow zu verleben. Neun waren am Montag früh mit Fahrrädern und Gepäck am Bahnhof Neukalen erschienen. Mit dem Zug ging es nach Malchin und weiter nach Waren. Von Waren fuhren wir mit den Fahrrädern in Richtung Malchow. Die Sonne schien. Uns wurde warm. Zur Mittagszeit machten wir in Malchow Rast. Die mitgebrachten Stullen schmeckten. Dazu gab es Limonade und Eis am Kiosk oder auch eine Bockwurst. Jeder hatte etwas Taschengeld dabei - es war aber nicht üppig - wir mußten uns schon gut überlegen, was wir uns leisten konnten. Weiter ging es nach Lenz. Hier konnten wir uns beim Baden im Plauer See erfrischen. Abgelegene Wald- und Feldwege führten uns dann zum Bauerngehöft Schröder bei Zislow. Wir wurden von den Eigentümern herzlich willkommen geheißen. Die Räder kamen in einen Holzschuppen, das Gepäck legten wir in eine Veranda hinter dem Wohnhaus ab. Eine kleine Ruhepause nach der langen Fahrt war angebracht, doch da kam Herr Zimmer, der uns die Umgebung zeigen wollte. Wir gingen durch einen großen Obstgarten zu dem nicht weit vom Bauerngehöft befindlichen Großen Pätsch-See. Hier erzählte uns Herr Zimmer viel über die Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Im Gedächtnis ist mir noch geblieben, daß wir zu einem Hügel kamen, welchen er uns als slawische Burganlage erläuterte und auf welchem vor hundert Jahren ein Gutsbesitzer eine Villa für sich errichten ließ.

   Frau Schröder hatte inzwischen das Abendbrot, bestehend aus Käse- und Wurststullen, dazu Malzkaffee, liebevoll vorbereitet. Wir aßen in der Veranda am großen Tisch mit gutem Appetit. Es blieb noch ein wenig Zeit zum Fußballspielen, dann suchten wir unser Nachtquartier in der Scheune auf. Jeder hatte eine Decke mitgebracht. Geschlafen wurde zu zweit im Heu: eine Decke diente als Unterlage, die andere zum Zudecken. Als alle zur Ruhe gekommen waren, was eine Weile dauerte, erzählte uns Pastor Theuerkauf noch einige Spukgeschichten. Inzwischen war es dunkel geworden. Ab und zu raschelte es im Heu, vielleicht waren es Mäuse, Katzen oder andere Tiere. Wir rückten enger zusammen. Es war unheimlich, dazu der ungewohnte Schlafplatz und die gekonnt erzählten Geschichten ....

 

   Dienstag, 12.8.1958

   Am Morgen gingen wir zum nahe gelegenen See. Zähneputzen, Waschen; einige badeten sogar schon, obwohl es noch recht kühl war. Nach dem Frühstück in der Veranda bei Brötchen und Milch marschierten wir zu einem Ackerstück des Bauern Schröder. Die Getreidegarben, welche ein Mähbinder auf dem Feld abgelegt hatte, mußten in Hocken zum Trocknen aufgestellt werden. Das Mittagessen hatten wir uns redlich verdient. Bauer Schröder gehörte zu den wenigen Leuten, die 1958 schon einen Fernseher hatten. Wir durften nach dem Mittag den Film "Wie der Stahl gehärtet wurde" ansehen. Das kleine Bild störte uns nicht, das schöne Wetter lockte nicht, Fernsehen war damals etwas Besonderes! Im großen Garten mußten die Kirschen gepflückt werden. Fünf Eimer pflückten wir am Nachmittag voll, und viele Kirschen wanderten in den Mund. Erst machte es Spaß, dann wurde es langweilig, und wir mochten nicht mehr pflücken. Jetzt war Fußballspielen auf der Wiese oder Baden im Großen Pätsch-See angesagt. Nach dem Abendessen in der Veranda hatte uns Pastor Theuerkauf ein Geländespiel vorgeschlagen. Mit den vorsorglich mitgebrachten Taschenlampen gingen wir in den Wald. Eine Gruppe (Willi, Wolfgang, Jörg, Eckhard und ich) mußte sich durch den Wald zu einem Transformatorenhäuschen heranschleichen. Für jeden, der an das Häuschen anschlug, gab es einen Punkt. Die andere Gruppe (Heiner, Hans-Jürgen, Jürgen und Karl-Friedrich) sollte den Angriff abwehren. Das Spiel endete nach weiser Entscheidung des Pastors unentschieden. So gab es keine Diskussionen, und alle waren zufrieden. Es wurde langsam dunkel. Wir machten noch eine kleine Nachtwanderung. Manche Taschenlampe versagte. Die Batterien waren damals noch nicht so leistungsfähig. Die Gegend war für alle unbekannt. Wir hatten echt Mühe, zurückzufinden. Ich glaube, Pastor Theuerkauf war sehr froh, als wir spät, aber vollzählig wieder in unser Nachtquartier eintrafen. Er erzählte uns dann die gruselige Geschichte von der Schulklasse, die sich mit ihrem Lehrer verlaufen hatte und in einem alten verfallenen Schloß übernachten mußte ...

 

   Mittwoch, 13.8.1958

   Nach dem Waschen und Frühstückessen gab es wieder Arbeit auf dem Feld. Die restlichen Getreidegarben wurden zu Hocken aufgestellt. Wir waren recht schnell fertig und konnten bis zum Mittag noch Kirschen pflücken. Es war ein warmer Sommertag. Die Luft war schwül und staubig.

   Den Film "Der geheimnisvolle Dolch" im Fernsehen ließen wir uns nach dem Mittag natürlich nicht entgehen. Am Nachmittag fuhren wir mit den Fahrrädern nach Zislow und erkundeten die Gegend. Die süß schmeckenden Kirschen lockten uns wieder in den Garten. Wir kletterten in die Bäume, und nichts war schöner als das ungetrübte Pflücken und Essen reifer Kirschen in der immer drückender werdenden Hitze. Nur die Mücken machten uns zu schaffen. Ein Bad im See war eine wunderbare Erfrischung für unsere verschwitzten Körper. Nach dem Abendbrot hatten wir wieder ein Geländespiel geplant. Der Himmel bewölkte sich aber. Schwarze Gewitterwolken zogen auf, Blitze zuckten in der Ferne und der grollende Donner kam näher. Pastor Theuerkauf hatte Mühe, alle schnell zusammenzuholen. Schon fielen die ersten schweren Tropfen. Bevor wir aber richtig naß wurden, hatten wir unsere Scheune erreicht. Schnell krochen wir in die Schlafplätze. Der angenehme Heugeruch vermischte sich mit der frischen Gewitterluft und ließ uns nach einer kleinen Geschichte bald müde einschlafen ...

 

   Donnerstag, 14.8.1958:

   Pastor Theuerkauf weckte uns früh. Nach der Morgenwäsche an der Pumpe und dem Frühstück, fuhren wir mit unseren Fahrrädern nach Lenz und von dort mit dem Dampfer "Anna" über den Plauer See nach Plau. Hier aßen wir Mittag und besichtigten die Kirche. Auch der Besuch einer der größten Pelztierfarmen Europas mit 8000 bis 9000 Tiere war zeitlich noch zu schaffen, bevor wir um 14.15 Uhr den Dampfer zurück nach Lenz erreichen mußten. Als wir wieder per Fahrrad auf dem Bauernhof ankamen, blieb noch Zeit, um Kirschen zu pflücken. Da ich gerne zeichnete, gab Pastor Theuerkauf mir den Auftrag, eine kleine Urkunde als Dankeschön für Herrn und Frau Schröder anzufertigen. Also saß ich in der Veranda und versuchte, den vom Pastor vorgegebenen Text mit einigen Zeichnungen zu Papier zu bringen. Etwas Zeit für Kirschen blieb noch, dann gab es Abendbrot. Wir machten die Veranda sauber. Herr und Frau Schröder kamen. Pastor Theuerkauf sprach ihnen unseren Dank für das Essen und die Unterkunft aus. Mit herzlichen Worten überreichte er ihnen die Urkunde als kleine Erinnerung. Bevor wir uns das Fernsehspiel "Das verlorene Gesicht" ansahen, machten wir noch einen Abschiedsspaziergang in die Umgebung des Bauerngehöftes. Mit uns und der Welt zufrieden schliefen wir im Heu ein ...

 

   Freitag, 15.8.1958:

   Pastor Theuerkauf weckte uns früh um 5.00 Uhr. Ganz verschlafen krochen wir aus dem Heu. Das frische Wasser an der Pumpe machte uns aber schnell munter. Zum Frühstück gab es frisches Brot, ein Ei, Marmelade und Malzkaffee. Dann verstauten wir unser Gepäck auf die Fahrräder und fuhren eine Stunde nach dem Wecken vom Gehöft in den kühlen, nebligen Morgen hinein und der Heimat zu. Unterwegs erzählten wir noch lange von den Erlebnissen.

   Für uns Jungen waren es schöne unbeschwerte Tage, organisiert ohne großen Kostenaufwand, verlebt in freier gesunder Natur bei einfacher Kost und dem angenehmen Schlafen im Heu. Das kann man heute leider nicht mehr so erleben.

 

Urkunde zur Erinnerung

 

 

   Die Teilnehmer an der Fahrradfahrt nach Zislow waren:

 

Karl-Friedrich Beutz, geb. 29.11.1945;

Jürgen Drews, geb. 22.11.1945;

Wolfgang Graf, geb. 12.5.1945;

Hans-Jürgen Klimkeit, geb. 1.2.1945;

Jörg Küster, geb. 6.8.1944;

Willi Otto, geb. 19.3.1944;

Wolfgang Schimmel, geb. 10.5.1945;

Heinz Soltwisch, geb. 16.3.1945

Eckhard Ulrich, geb. 26.1.1946

 

 

   Eine weitere Fahrradfahrt mit Pastor Theuerkauf ist mir auch noch in guter Erinnerung. Sie führte uns am 22.7.1959 nach Behren-Lübchin. Es gab zwar immer wieder Regenschauer, und wir mußten Schutz unter den Straßenbäumen suchen; das schlechte Wetter hielt uns aber nicht von unserem Vorhaben ab. Von Pastor Pinkpank wurden wir herzlich empfangen. Er zeigte uns die Kirche und erläuterte den Stand der Ausgrabungen, die auf einem slawischen Burgwall stattfanden. Nach dem Mittagessen sahen wir uns die Ausgrabungsstätte an. Der Regen hatte auch am Nachmittag nicht aufgehört. Etwas durchnäßt erreichten wir am Abend wieder Neukalen.

 

   Ich bin Pastor Theuerkauf, der uns so fürsorglich begleitete, heute noch für diese Erlebnisse meiner Jugendzeit dankbar.

 

 

  

   Pastor Walther Theuerkauf (geb. 25.5.1927) amtierte vom 1.4.1957 bis zum 30.9.1959 in Neukalen. Sein Vorgänger, Pastor Hans Walter Bischoff, hatte sich Unregelmäßigkeiten in seiner Amts- und Kassenführung zuschulden kommen lassen. Auch war er wohl bisexuell veranlagt und soll sich mehrfacher Weise unsittlich an Jungen verschiedenen Alters vergangen haben. Die staatlichen Organe der damaligen DDR wollten ein großes öffentliches Verfahren veranstalten und so auch der Kirchgemeinde schaden. Über Nacht war aber Pastor Bischoff nach Hamburg geflohen und hatte auf alle Titel und Pensionsberechtigungen als kirchlicher Beamter verzichtet. So übernahm Pastor Theuerkauf ab 1.4.1957 die vakante Pfarrstelle in Neukalen. Den Dienst in der Gemeinde sah er anders an als sein Vorgänger. Er liebte die Bewegung und Betriebsamkeit. Seine frische, angenehme Art, die zahlreichen Veranstaltungen und Fahrten führten dazu, daß er schnell ein großes Ansehen in der Gemeinde gewann. Bei seinem Abschiedsgottesdienst in der Neukalener Kirche gab es viele Tränen.

 

Fahrradfahrt zu den Ausgrabungen in Behren-Lübchin mit Pastor Theuerkauf am 22.7.1959 (1)

 

Fahrradfahrt zu den Ausgrabungen in Behren-Lübchin mit Pastor Theuerkauf am 22.7.1959 (2)

 

Fahrradfahrt zu den Ausgrabungen in Behren-Lübchin mit Pastor Theuerkauf am 22.7.1959 (3)

 

Fahrradfahrt zu den Ausgrabungen in Behren-Lübchin mit Pastor Theuerkauf am 22.7.1959 (4)

 

Fahrradfahrt zu den Ausgrabungen in Behren-Lübchin
mit Pastor Theuerkauf am 22.7.1959

 

 

Pastor Walter Theuerkauf am Schreibtisch

 

Pastor Walter Theuerkauf am Schreibtisch

 

 

Pastor Walter Theuerkauf mit seiner Frau und den drei Kindern

 

Pastor Walter Theuerkauf mit seiner Frau und den drei Kindern