Franz Kneier mit Irmi (Cousine von Alexander Kneier),
rechts die Baracke der Seidenraupenzucht im Waldwinkel
(etwa 1938).
Mir gefiel es hier. Es war zwar etwas einsam, aber wir lebten ungestört in der freien Natur. Ich mußte nach Neukalen zur Schule, weil der Lehrer Müller in Warsow gestorben war. Die ersten vier Wochen bin ich zu Fuß hingegangen, dann hat mein Vater mir ein Fahrrad gekauft, für 12 Mark bei Pansow in Neukalen. Im Sommer war es schön, nur im Winter nicht. Dann trafen wir Schüler uns an der Kreuzung. Der Älteste war Willi Ziems; und der probierte dann im Winter aus, ob Glatteis war. Einmal fiel er auf den Hintern, da kehrten wir wieder um. Herbert Meier hat nicht mitgemacht und ist zur Schule gefahren. Am anderen Tag kamen wir ja auch wieder; da sagte Rektor Pagels zu uns: "Na, ihr Ausländer, seid ihr auch da!"
Die Saison für die Seidenraupenzucht begann etwa im Mai, wenn die Maulbeerbäume Blätter bekamen. Aus Celle kam die Brut. In einer Schachtel waren 30 000 Eier. Am Anfang wurde nur jedes 3. Blatt, von der Zweigspitze her gerechnet, gepflückt; was anderes fraßen die frisch geschlüpften Raupen nicht. Wenn ich von der Schule kam, die meistens um 12.30 Uhr aus war, dann wurde gegessen. Wenn ich gegessen hatte, wurden gleich Schularbeiten gemacht. Und dann war ich immer mit meinen Gedanken bei Schoknecht beim Pferdefüttern oder beim Kühefüttern oder dies und jenes. Das merkte mein Herr Vater ja, dann kriegte ich ein paar hinter die Ohren, und dann war ich wieder wach. Und dann sagte er: "So jetzt los, Blätterpflücken." Für die Blätter hatten wir Zigarrenschachteln, da waren Brasilzigarren drin gewesen - die stammten wohl vom Vater Viereck, nehme ich an - und dann wurden sie voll gepflückt. Die frischen Blätter haben wir zu den Raupen gelegt, immer den Stengel nach oben. Die Blätter mußten auseinander liegen; und wehe, man packte sie nicht vernünftig bei den Raupen hin. Auf einer 10 m langen Stellage standen die etwa 50 x 50 cm großen Kästen mit den Eiern und den geschlüpften Raupen. Auf die Regalkästen wurde Gaze gelegt. Die Raupen schlüpften nicht alle am gleichen Tag. Wenn Raupen geschlüpft und auf den Blättern waren, haben wir sie in drei Reihen runter gelegt. War ein Blatt abgefressen, wurde die Raupe weiter auf ein neues Blatt gelegt, bis sie eine bestimmte Größe hatte. Zuletzt konnte man auch schon ganze Zweige der Maulbeerbäume zum Abfressen auf ein Tablett kreuzweise hinlegen. Da kletterten die Raupen rauf, und man konnte dann die Zweige mit den Raupen weiterlegen. Und so wanderten die Raupen von ganz klein bis ganz groß immer ein Stück weiter. Die Raupen waren weiß und hatten hinten einen Stachel. Vom nassen Laub konnten sie die Gelbsucht bekommen. Das erkannte man, wenn der Stachel ein Stück abgeschnitten wurde. Diese Raupen wurden herausgenommen und vernichtet. Nach etwa acht Wochen hatten sich die Raupen in einen Kokon eingesponnen. Innerhalb von zwei Tagen wurden die fertigen Kokons eingesammelt, in Weidenkörbe verpackt und nach Celle zur Verarbeitung gesandt. Hier tötete man die Raupen in den Kokons mit heißem Wasser ab. Der Seidenfaden mußte nun abgewickelt werden. Etwa 800 m war der Faden lang, davon waren die ersten 600 m gute Qualität und z. B. für Fallschirmseide geeignet. Einige Kokons wurden nicht abgetötet. Hier schlüpften dann die weißen Schmetterlinge und legten die Eier für die nächste Brut.
Zum Haus gehörte ein großer Gemüsegarten, auch Obstbäume und Spargelbeete. So waren wir gut versorgt. Wir hatten auch einen Hühnerstall. Vom Gut bekamen wir hundert Hühner der Rasse "Italiener"; die mußten wir füttern und konnten dafür von zehn Eiern eines behalten. Ich bin mal mit einer vollen Tasche mit hundert Eiern hingefallen, weil ich mit der Pedale an einem Stubben hängen geblieben bin. Da konnte ich keine hundert Eier in Schwarzenhof abgeben, und zu Hause gab´s welche hinter die Ohren.
Mein Vater starb bereits im Oktober 1941. Ich bin bis 1942 in Neukalen zur Schule gegangen und habe dann meine Kaufmannslehre in der Seestadt Wismar angetreten. Bis 1943 wohnte meine Mutter nun alleine im "Waldwinkel". Dann zog Paul Schröder, der Bruder meiner Mutter, auf Grund der Bombenangriffe in Berlin mit seiner Familie zu ihr. Schröders verließen das Haus aber bald wieder und zogen nach Neukalen. Damit sie nicht so alleine wohnen mußte, holte meine Mutter Familie Buddelmann in´s Haus.
Im März 1944 wurde ich zur Wehrmacht eingezogen. Ein schicksalsentscheidender Zufall brachte es aber mit sich, daß ich am 25.4.1945 drei Tage Urlaub bekam. Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre. Als die Rote Armee einmarschierte, war ich zu Hause und am Leben.
Mit dem Kriegsende war es auch mit der Seidenraupenzucht vorbei. Im kleineren Haus war Familie Köpsel untergebracht. Die Frau war auf der Flucht gestorben.
Schwarzenhof wurde von den Russen als GPU-Lager eingerichtet. Sämtliche Einwohner mußten das Gut verlassen; etwa die Hälfte kam nach Schorrentin, während die restlichen zwanzig bis fünfundzwanzig Personen in dem Haus am "Waldwinkel" unterkommen mußten. Die Frauen mußten in Schwarzenhof die Kühe melken. Wer das nicht konnte, hatte die Kannen zu waschen. Gearbeitet wurde nach Moskauer Zeit, d. h., früh um 3.00 Uhr hieß es aufstehen zum Kühemelken.
Meine Frau war am 25.10.1938 aus Westfalen nach Warsow gekommen. Ihr Vater suchte damals einen größeren landwirtschaftlichen Betrieb zu kaufen. In Warsow wollte Roloff, dem die Frau gestorben war, seine Bauernstelle verkaufen. Die Eltern meiner Frau erwarben das Haus. Man lernte sich kennen. Als 1948 meine Mutter starb, zog ich in das Roloff´sche Haus und wirtschaftete mit meiner Schwiegermutter. Familie Buddelmann blieb noch bis etwa 1950, dann stand das Haus am "Waldwinkel" leer. In den folgenden Jahren verfiel das schöne Gebäude. Die Dachrinne war kaputt, der Regen weichte die Lehmwände auf, vieles wurde entwendet; und so war es Anfang der 60ger Jahre nur noch eine zusammengefallenen Ruine. Die letzten Reste wurden mit einem Bulldozer zusammengeschoben und das Gelände eingeebnet. Die früheren Maulbeerbäume, die östlich vom Haus standen, waren schon vorher herausgerissen worden. Jetzt ist hier alles Ackerland.
Ab etwa 1955 wohnten meine Frau und ich bei Junghans. 1958 wurde unser Haus am Bäckerweg gebaut. Ein Bild an der Wand zeigt das verschwundene Haus im "Waldwinkel" und hält die Erinnerung an eine schöne Kinderzeit wach.