Scheune in Schlakendorf
(1980).
6. Besonderheiten
6.1. Herbstmanöver 1938
Die Deutsche Wehrmacht führte 1938 ein großes Herbstmanöver in Mecklenburg, hauptsächlich in der Mecklenburger Schweiz, durch. Der Ort Schlakendorf mit seiner Umgebung bot gute Übungsmöglichkeiten, bedingt durch die hügelige Landschaft und angrenzenden Waldgebiete. Die Felder waren abgeerntet, und so konnten die Soldaten sich ohne Einschränkungen im ganzen Ortsbereich bewegen. Wie mir bekannt ist, hatten zwei Kompanien mit Ausrüstung Schlakendorf besetzt; ausgerüstet mit Transportfahrzeugen, Pferdewagen, motorisierte Fahrzeuge sowie leichte Waffen, Maschinengewehre und Geschütze. Als Quartier für die Soldaten dienten Scheunen, teils Stallanlagen, und die Offiziere zogen in das Herrenhaus ein. Ein Versorgungstross mit Feldküche (Gulaschkanone) sorgte für die Verpflegung der Mannschaft. Die Dorfbevölkerung hatte guten Kontakt zu den Soldaten und nicht verbrauchtes Essen aus der Feldküche holten sich kinderreiche Familien (Tagelöhner) für ihre eigene Versorgung. Der Aufenthalt der Soldaten war für die Kinder ein besonderes Erlebnis, denn sie durften auch mal die Fahrzeuge besteigen. Interessant war die preußische Disziplin bei den Soldaten. Dieses zeigte sich beim Antreten der Soldaten auf dem Hofplatz, Aufstellen der Gewehre, Ablegen der Stahlhelme und Abstellen der Fahrzeuge.
6.2. Der zweite Weltkrieg 1939 - 1945
Mit Beginn des zweiten Weltkrieges am 1.9.1939 bekam auch der Ort Schlakendorf etwas davon zu spüren. Kinder der Tagelöhner, die das 18. Lebensjahr erreicht hatten, wurden zur Deutschen Wehrmacht einberufen. Die Rationierung von Lebensmittel, Fette, Fleisch setzte durch Einführung von Lebensmittelkarten ein. Auch die Hausschlachtung von Schweinen gehörte dazu, denn je nach Gewicht gab es für eine bestimmte Zeit keine Lebensmittelkarten. Ebenfalls wurden die Glocken aus Bronze von dem Gut und der Kapelle aus Schlakendorf abgebaut und für Kriegsmaterial verwendet. Durch die ständige Verlängerung des Krieges und steigenden Verluste an Soldaten wurden einige junge Tagelöhner zur Wehrmacht einberufen, die durch Kriegsgefangene als Arbeitskräfte ersetzt wurden. Aber auch die Rationierung der Lebensunterhaltung setzte sich fort, indem die Bewohner mit weniger Fett, Fleisch, Wurst, Getreideprodukte, Zucker, Süßwaren sowie Heizmaterial leben mußten. Ebenfalls gab es Kürzungen der Elektroenergie durch begrenzte Abschaltung (Stromsperre). Als Ersatz für die Beleuchtung mußten Petroleumlampen und Talglichter dienen. Außer diesen Einschränkungen haben die Einwohner von Schlakendorf wenig von dem Kriegsgeschehen gemerkt. Flugzeuge der Engländer und Amerikaner überflogen im Geschwader Schlakendorf, um Rostock zu bombardieren (Rüstungsindustrie). Soldatenurlauber brachten Informationen von der Kriegsfront mit. Einige Familien im Ort besaßen ein Radio "Volksempfänger", durch das man die neuesten Nachrichten hörte; teilweise auch den verbotenen feindlichen Sender "Belgrad", der am späten Abend über das reale Kriegsgeschehen sendete. Ebenfalls informierte die Wochenschau bei jeder Kinoveranstaltung über den aktuellen Stand. Die Kriegsfront im Osten rückte immer näher nach Deutschland, und als die Russen die Grenze überschritten hatten, wurden die Dorfbewohner etwas unruhig, denn Gerüchte über die schlechte Behandlung der Zivilbevölkerung durch die Russen waren im Umlauf. Flüchtlinge aus den Gebieten von Ostdeutschland (Ost- und Westpreußen) kamen in Zügen per Bahn und Trecks mit Pferd und Wagen auch nach Schlakendorf. Ebenfalls bewegten sich russische Kriegsgefangene mit Bewachung von deutschen Soldaten zu Fuß nach dem Westen Deutschlands, die im Februar 1945 mehrere Tage in Schlakendorf stationiert waren. Die Unterkunft der Gefangenen erfolgte in einer Scheune des Gutes, und das Bewachungspersonal war bei den Familien der Tagelöhner einquartiert. Das Essen (Suppen) für die tägliche Versorgung der Gefangenen kochte man in dem Dampfkessel der Schweineküche. Zum Essenempfang standen die Gefangenen mit einer Blechschüssel in der Hand, geordnet in Reihen und unter Bewachung. Es waren katastrophale Zustände, und die Bewachung schlug mit Knüppel die Gefangenen. Als am 1. Mai 1945 die ersten russischen Militärfahrzeuge (Schützenpanzer) durch Schlakendorf fuhren und danach die Soldaten mit Lastwagen sowie Pferdewagen folgten, endete endlich der furchtbare lange Krieg.
6.3. Kriegsgefangene
Durch die Einberufung von Arbeitern zur Wehrmacht wurde Ersatz für diese Arbeitskräfte durch Kriegsgefangene geschaffen. So bekam das Gut Schlakendorf acht polnische Kriegsgefangene zugewiesen, die ihr neues Heim in einer Zweiraumwohnung mit Küche und Speisekammer zwischen den Bewohnern Martens und Päplow im alten Dorf fanden. Die Unterkunft wurde vom Gut speziell für die Gefangenen ausgestattet mit vier Doppelstockbetten und Strohsäcke sowie Decken, kleinen Schränken, einen Tisch und zwei Bänke. Als Kochmöglichkeiten gab es einen Kessel, Töpfe sowie das benötigte Eßgeschirr. Brennmaterial zum Kochen und Heizen lieferte das Gut. Fenster und Türen dieser Wohnung waren mit Stahlgitter verriegelt. Für Ordnung und Sauberkeit waren die Gefangenen selbst verantwortlich, und ihre persönliche Wäsche mußten sie selbst waschen. Das Wasser holten sie mit Eimern von dem Brunnen am alten Friedhof. Die Verpflegung kam aus der Leuteküche vom Gut, indem Gefangene unter Wachschutz ihr Essen zu den Mahlzeiten holten. Die Trockentoilette befand sich außerhalb der Wohnung am Stallgebäude. Die Einsätze für alle Arbeiten auf dem Gut erfolgten nach Möglichkeit mit mehreren Gefangenen an einem Ort, um die Bewachung zu gewährleisten. Nach ca. einem Jahr, mit Beginn des Krieges gegen Frankreich, gab es eine Sonderregelung für die Freilassung der polnischen Kriegsgefangenen. So verblieb ein Teil auf dem Gut als Arbeiter, einige kehrten in ihre Heimat zurück und meldeten teils sich freiwillig als Soldat für die Deutsche Wehrmacht. Als Ersatz wurden französische Kriegsgefangene einquartiert, die bis Kriegsende blieben. Die Bewachung erfolgte durch einen Soldaten, der während der Arbeitszeit sowie des Nachts und am Wochenende für die Sicherheit der Gefangenen verantwortlich war. Diese Gefangenen kamen aus der Landwirtschaft und konnten alle landwirtschaftlichen Arbeiten erledigen; dieses zeigte sich bei allen Arbeiten auf dem Gut. Die Verpflegung erfolgte über die Leuteküche des Gutes. Außerdem bekamen die französischen Gefangenen Pakete aus ihrer Heimat über das Rote Kreuz mit Lebensmittel, Konserven, Süßwaren usw. für ihren eigenen Bedarf.
Im Laufe der Kriegsjahre lockerte sich die Bewachung, und so konnten die Gefangenen sich an Arbeitstagen und Wochenenden im Territorium frei bewegen. Der Tagelöhner Richard Salow war verantwortlich für das Ab- und Aufschließen der Unterkunft. Als Kinder hatten wir Kontakt zu den Gefangenen und freuten uns über ein Stück geschenkte Schokolade. Nach dem 1. Mai 1945 verließen die Franzosen den Ort Schlakendorf.
7. Das Leben der Tagelöhner
Tagelöhner als Diener des Gutsherrn, die alle Arbeiten auf dem Gut erledigen müssen, wohnen in Häusern, die dem Staatsgut gehören. Die Wohnungen haben eine Größe von zwei bis drei Zimmer, Küche, Speisekammer, Keller, Dachboden, und dazu gehört eine Stallanlage, wobei die Größe der Familie bei den Wohnungen keine Beachtung findet. Im Allgemeinen bestehen die Wohnungen aus einem Wohnzimmer von ca. 20 m2 als Durchgangszimmer zu den Schlafräumen von ca. 16 m2 . Diese Räume besitzen einen Kachelofen, und der Fußboden ist mit Brettern, teils auch mit Mauerziegeln ausgestattet. In der etwa 15 m2 großen Küche steht ein eingebauter Herd mit Backofen aus Ziegelsteinen. Dazu gehört eine Speisekammer mit Keller, ca. 10 m2 groß, in welcher, ebenso wie in der Küche, ein Fußboden aus Ziegelsteinen eingebaut ist. Alle Wohnungen besitzen Sprossenfenster in unterschiedlichen Größen aus Holz, die sich nur nach außen öffnen lassen. Außerdem sind Fensterläden aus Holz von außen angebracht. Eine einfache elektrische Anlage mit Zähler sorgt für die Beleuchtung der Wohnung. Die Räume der Wohnungen sind mit eingefärbten Kalkanstrich versehen, teilweise auch tapeziert, und für die Renovierung der Wohnung ist jede Tagelöhnerfamilie selbst verantwortlich. Die Möbelierung der Tagelöhnerwohnungen ist sehr differenziert und wird vom Einkommen und der Familiengröße bestimmt. Allgemein gehört ins Wohnzimmer ein Sofa, ein Tisch mit Stühlen, ein Vertiko, bzw. ein Kleiderschrank, Ende der dreißiger Jahre ein Radio (Volksempfänger); im Schlafzimmer Ehebetten der Eltern, Betten von den Kindern, ein Schrank, eine Waschkommode, bei einem dritten Zimmer nur Betten für die Kinder; in der Küche ein Schrank, bzw. Regal für Geschirr, ein Tisch mit Sitzbank und Stühlen für die Esseneinnahme der Familie sowie eine Bank mit zwei Wassereimern; ein Ständer mit Waschschüssel für die persönliche Pflege. Die Speisekammer, als Aufbewahrungsraum von Speisen, enthält Eingewecktes, Eingelegtes in Steintöpfen, Hilfsmittel usw. in Regalen und eine aufgebaute Zentrifuge für die Milchverarbeitung. Im Keller unter der Speisekammer lagern hauptsächlich Kartoffel für den täglichen Bedarf der Familie und der Fütterung der Haustiere; außerdem steht hier ein Regal für die Aufbewahrung von leichtverderblichen Speisen. Der Zugang zum Keller erfolgt von der Speisekammer durch eine Luke mit Leiter, und die Einlagerung der Kartoffeln geschieht von außen durch eine Kellerluke. Der Dachboden ist von der Küche über eine Leiter, später eine Holztreppe, erreichbar und mit einer Räucherkammer ausgestattet.
Zu jeder Wohnung der Tagelöhner gehört ein Stallraum, der hauptsächlich für die Viehhaltung der eigenen Versorgung und Lagerung von Brennmaterial dient. So wurden Ferkel gekauft und bis ca. 2 Zentner (100 kg) zum Schlachten, bzw. Verkauf gefüttert. Eine Hühnerhaltung von 10 bis 15 Stück für die Eigenversorgung mit frischen Eiern, und dieser Bestand wird durch das Ausbrüten von Küken ständig gehalten. Teilweise füttern die Familien auch Kaninchen für den eigenen Bedarf an Fleisch, die zum größten Teil von den Kindern betreut wurden. Allgemein erledigte die Tagelöhnerfrau die tägliche Versorgung und Betreuung der Viehhaltung. Eine Trockentoilette befindet sich am Stallgebäude.
7.1. Arbeit auf dem Gutshof
Arbeitstag im Sommer: Beginn 7.00 Uhr, Frühstück 9.00 - 9.15 Uhr, Mittag 12.00 - 13.30 Uhr, Kaffee (Vesper) 16.00 - 16.15 Uhr, Feierabend 19.00 Uhr.
Arbeitszeit im Winter: Beginn 8.00 Uhr, Mittag 12.00 - 13.30 Uhr, Feierabend 16.00 Uhr.
Vor Beginn der Arbeitszeit informiert der Statthalter jeden Tagelöhner über seine Arbeitsaufgaben, damit er das richtige Arbeitswerkzeug mitbringt, denn in einem Landwirtschaftsbetrieb sind die Arbeiten sehr umfangreich. Ebenfalls kündigt der Statthalter, bzw. Inspektor mit einer freistehenden Glocke am Holzgerüst, später Pflugschar und Klöppel, zehn Minuten vor Arbeitsbeginn des Morgens und Nachmittags die Arbeitszeit an, damit jeder Arbeiter pünktlich an seinem Arbeitsplatz erscheint. Allgemein sagte man dazu: "Die Klapper ruft zur Arbeit".
Einige Tagelöhner erledigen Arbeiten in den Viehställen (Pferde- und Kuhstall), bei denen die Arbeitszeit ca. zwei Stunden früher, wegen der Versorgung der Tiere, beginnt. Die Frauen der Tagelöhner waren nach Bedarf beim Melken der Kühe sowie in der Heu-, Getreide- und Hackfruchternte sowie beim Waschen der Wäsche vom Gutshaus tätig. Der Verdienst der Tagelöhner besteht aus der Tagesentlohnung und dem Deputat.
Tagesentlohnung:
im Sommer Arbeitszeit 10 Std. x 0,10 RM/Std. = 1,- RM Netto
6 volle Tage in der Woche 60 Std. x 0,10 RM/Std. = 6,- RM Netto
im Winter Arbeitszeit 6,5 Std. x 0,10 RM/Std. = 0,65 RM Netto
6 volle Tage in der Woche 39 Std. x 0,10 RM/Std. = 3,90 RM Netto
Die Lohnzahlung erfolgte alle zwei Wochen in bar, und jeder Tagelöhner holte sein Geld persönlich von dem Gutsherrn “Alert II" ab. Jeder hatte als Nachweis ein Lohnbuch.
Deputat:
- Wohnung frei, keine Mietzahlung
- 4 Liter Milch pro Tag oder selbst eine Kuh und eine Stärke halten, die in den Räumen von dem Gut betreut und mit Futter versorgt wird.
- 1 Morgen (120 Ruten) Kartoffel, Anbau selbst, und Bearbeitung erfolgt durch das Gut, Ernte ca. 120 Zentner erledigt jede Tagelöhnerfamilie selbst.
- 4 rm Brennholz in einem Meter Länge bis vor die Haustür vom Gut geliefert.
- ein Garten, 60 Ruten groß
- ... Zentner Getreide pro Monat
- Stroh nach Bedarf
- Urlaub 12 Tage im Jahr
Zusätzliche Tätigkeiten der Viehpfleger außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit werden pauschal, bzw. mit 0,10 RM/Std. entlohnt, und die Tagelöhnerfrauen verdienen 0,10 RM/Std. für ihre Tätigkeiten auf dem Gut.
Bemerkung: Beginn und Ende der Arbeitszeit im Winter nach der Helligkeit des Tages.
7.2. Ablauf in der Tagelöhnerfamilie
Der Tagelöhner hat einen sehr langen Arbeitstag, denn er erledigt teilweise auch hauswirtschaftliche Arbeiten vor Beginn und nach der offiziellen Arbeitszeit, aber seine Hauptaufgabe ist die Arbeit auf dem Gut. Die Frau als Hauptperson in der Familie erledigt die hauswirtschaftlichen Aufgaben sowie die tägliche Versorgung der Familie und teilweise auch der Haustiere.
Umfangreiche Aufgaben muß die Hausfrau täglich erledigen. Als Erste jeden Morgen in der Küche warmes, bzw. heißes Wasser auf dem Kochherd sowie das erste Frühstück vorbereiten, damit jeder Familienangehörige pünktlich zur Arbeit, bzw. in der Schule erscheint. Das warme Wasser dient zur persönlichen Pflege, und jeder wäscht sich in einer Schüssel. Zum Frühstück gibt es als Getränk aufgebrühten Malzkaffee, und die Kinder trinken Milch, bzw. gemischte Natursäfte. Ebenfalls Vorbereitung von Stullen zum Mitnehmen für das zweite Frühstück. Dafür zu sorgen, daß die Kinder pünktlich in der Dorfschule im Ort Schlakendorf zum Unterricht erscheinen, der in der warmen Jahreszeit von 7.00 - 12.00 Uhr und in der kalten Jahreszeit von 8.00 - 13.00 Uhr erfolgt. Die Versorgung der Haustiere mit Futter und die erforderlichen Vorbereitungen, indem Kartoffeln auf dem Küchenherd als Futtermittel gekocht werden. Vorbereitung der einzelnen Mahlzeiten, aber besonders wichtig ist, daß das Mittagessen pünktlich auf dem Tisch steht für die Einhaltung der Mittagspause der Tagelöhner. Dazu gehört auch die Versorgung der Kinder nach der Schulzeit und die Kontrolle der Hausaufgaben von der Schule. Wäsche von der Familie nach Bedarf mit der Hand in einer Wanne waschen und in einem Kessel auf dem Küchenherd abkochen. Nach dem Trocknen der Wäsche im Freien mit einem Kohlebügeleisen bügeln, das mit glühender Holzkohle gefüllt und dadurch die Bügelplatte erwärmt wird. Während der kalten Jahreszeit die Kachelöfen heizen, aber aus Sparsamkeit vorrangig nur das Wohnzimmer.
Jede Familie deckt den größten Bedarf an Lebensmittel aus der eigenen Versorgung. Außerdem benötigt man weitere Produkte wie Brot und Zutaten, die bei den Händlern aus der Stadt Neukalen gekauft und mit dem Fahrrad oder zu Fuß geholt werden. Diesen Einkauf erledigen teilweise die älteren Kinder nach der Schulzeit, bzw. in den Ferien mit dem Fahrrad. Außerdem kommt aus Neukalen ein Lebensmittelhändler und ein Bäcker mit Pferd und Wagen einmal in der Woche nach Schlakendorf mit einem kleinen Warenangebot. Zwei Tagelöhnerfamilien im Ort verkaufen Getränke und Tabakwaren als Unterhändler von Geschäftsleuten aus Neukalen.
Spielplätze für die Kinder gibt es nicht. Die Kleinen spielen direkt am Haus, und die Großen nutzen Feld- und Waldwanderungen während ihrer Freizeit oder halten sich in den Scheunen des Gutes auf. Im Winter kann man Schlittschuhlaufen (Hackenreißer) auf dem gefrorenen Eis der Teiche oder bei Schnee mit dem Schlitten fahren, vorrangig auf dem Maschinenberg im Ort (Abstellplatz für Maschinen). Gesellschaftsspiele gehören - besonders in der kalten Jahreszeit - fast in jede Tagelöhnerfamilie. Auch wird das Schützenfest (Königschuß) und der Herbstmarkt in Neukalen besucht, um etwas zu erleben sowie Karussell zu fahren.
Allgemein leben die Tagelöhnerfamilien sehr sparsam und eingeschränkt.
7.3. Milchverarbeitung
Die tägliche, selbst gemolkene Milch von der eigenen Kuh, morgens und abends, oder 4 Liter Milch (Deputat) abends, verarbeitet jede Tagelöhnerfamilie. Eine Zentrifuge, betätigt mit einer Handkurbel, trennt die Kuhmilch in Sahne und Magermilch. Die weitere Verarbeitung der Sahne erfolgt mit einer Buttermaschine per Handkurbel oder einem Butterfaß durch Stampfen zu Butter und Buttermilch. Die Butter wird hauptsächlich als Brotaufstrich sowie zur Zubereitung von Speisen verwendet. Die Butter- sowie Magermilch dient als Getränk und für die Zubereitung von Speisen, z. B. Milchsuppen mit Gries, bzw. Mehlklöße oder als dicke Milch mit geriebenem Brot und Zucker für Kaltschale.
7.4. Garten
Die allgemeine Größe der Gärten beträgt ca. 60 Quadratruten. Jede Tagelöhnerfamilie entscheidet selbst über die Bepflanzung entsprechend dem eigenen Bedarf. Teilweise sind die Gärten mit Obstbäumen, Stachel- und Johannisbeersträuchern sowie Himbeeren und Erdbeeren bepflanzt, aber vorrangig baut man Kartoffeln und Gemüse für den eigenen Bedarf an. Bevor der Garten mit dem Spaten umgegraben oder teilweise mit Pferden gepflügt wird, erfolgt die Einbringung von Dung aus dem Bestand der eigenen Tierhaltung. Für den Transport des Dungs dient eine flache Schiebkarre. Die Anpflanzung, Bearbeitung und Pflege ist Arbeit nach Feierabend sowie eine Aufgabe der Frauen und Kinder der Tagelöhner.
7.5. Heiz- und Brennmaterial
Jede Familie benötigt Brennmaterial für das tägliche Kochen und das Heizen der Kachelöfen in der kalten Jahreszeit. Dafür wird aus Kostengründen hauptsächlich Holz genutzt. Das Deputat - Brennholz transportiert das Gut mit Pferdefuhrwerken bis auf einen Platz in der Nähe jeder Wohnung. Außerdem erfolgt eine Eigenwerbung von Holz durch die Tagelöhner, indem sie an Wochenenden mit Axt und Handsäge auf Anweisung des Försters im Wald Baumkronen von gefällten Bäumen aufarbeiten. Der Transport geschieht mit Pferdefuhrwerk vom Gut. Nun erledigen Familienangehörige das Zerkleinern der Holzstämme je nach Feuerstätte. Die Holzstämme von einem Meter werden auf einen Sägebock gelegt, mit der Handsäge in bestimmte Längen eingekürzt und anschließend mit der Axt auf dem Hauklotz zerkleinert. Oder - bei guter finanzieller Lage - kann man den Holzschneider bestellen (Penzlin von Neukalen), der das Holz mit einer transportablen Bandsäge, angetrieben durch einen Verbrennungsmotor, auf die vorgegebenen Längen sägt (Kochherd kurz, Kachelöfen etwas länger). Das zerkleinerte Holz wird in Mieten, bzw. mehreren Schichten zum Trocknen im Freien gestapelt und nach einer Zeit der Trocknung im Stall, bzw. Hausboden eingelagert. Einige Tagelöhner kaufen auch geringe Mengen Braunkohlenbriketts.
7.6. Hausschlachtung
Die Hausschlachtung für die Eigenversorgung der Familie betrachtet man als Schlachtefest, denn es ist ein besonderes Familienereignis mit großem Arbeitsaufwand und bekannten Hilfskräften. Dieses bedarf einiger Vorbereitungen, so den Einkauf der benötigten Zutaten (Gewürze) für die Verarbeitung und eine große Menge heißes Wasser, das in der Küche auf dem Kochherd in einem großen Waschkessel für das Brühen und Entfernen der Schweineborsten vorbereitet wird.
Schlachter Schwarz aus Neukalen, der nur Hausschlachtungen durchführt, erledigt einen Teil beim Schlachtvorgang: Betäubung, Abstechen, Brühen mit Borstenentfernung sowie Aufbrechen, die inneren Organe herausnehmen und Reinigen. Nachdem das ausgenommene Schwein ausgekühlt ist, zerlegt der Schlachter das Schwein nach Bedarf in einzelne Stücke (Speckseiten, Schinken) für die weitere Verarbeitung. Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die Herstellung von verschiedenen Sorten Wurst, Schmalz usw. Dazu gehört das Probieren, ob die jeweilige Wurstmischung den richtigen Geschmack hat, aber auch ein kleiner Schluck aus der Schnapsflasche. Schinken und Speck sowie einige Fleischstücke werden in einem Holzbehälter eingesalzen und nach einer Lagerungszeit in der Räucherkammer auf dem Hausboden mit hartem Holz geräuchert. Dieses geschieht ebenfalls mit verschiedenen Wurstsorten, um eine lange Haltbarkeit zu erreichen. Mit einem gemeinsamen Essen und Umtrunk sowie etwas Gemütlichkeit läßt man das Schlachtefest ausklingen.
8. Erntefest
Nach dem Abschluß der Getreideernte gestaltet der Gutsherr in jedem Jahr für alle Dorfbewohner ein Erntefest. Eine Erntekrone aus allen Getreidearten binden Tagelöhnerfrauen, die in jedem Jahr am Ende des Dorfes bei dem Tagelöhner Mack im alten Dorf oder im neuen Dorf bei Friedland stationiert wird. Von dort beginnt der Ummarsch durch das Dorf. Als erstes die Erntekrone, aufgehängt an einer Holzstange und von zwei Arbeitern mit Erntegabeln getragen. Danach folgt die Kapelle mit Marschmusik, und nach dem Vorbeimarsch an jeder Haustür ordnen sich die Bewohner in den Festzug ein. Alle machen mit und marschieren zum Melkenkeller auf dem Gutshof, der als Festsaal ausgestattet ist. Hier stehen lange Tischplatten auf Böcke als Kaffeetafel und Sitzbänke für alle Bewohner einschließlich Kinder. Die Erntekrone wird im Saal an der Decke aufgehängt, und die Kapelle nimmt auf dem Podium Platz. Während der Kaffeezeit spielt die Kapelle Unterhaltungsmusik, und danach wird der Saal als Tanzfläche umgestaltet. Die Tischplatten werden von einigen Arbeitern entfernt und die Bänke als Sitzgelegenheit an den Wänden des Saales aufgestellt. Abendessen nehmen die Bewohner zu Hause ein, dafür gibt es vom Gutsherrn eine kostenlose Portion Bockwurst oder etwas Fleisch. Ab 19.00 Uhr spielt die Kapelle zum Tanz. So wird getanzt und gesungen. Es gibt Freibier, und alle sind lustig bis in die Morgenstunden. Während des Krieges fand kein Erntefest statt.