Autogramme auf der Starterliste zur Internationalen Harzrundfahrt 1958.
Nun aber wieder zurück zu den Anfängen. Ein sehr großes Problem in den ersten Jahren war die Materialfrage. Trotz aller Erfolge der DDR bei der Friedensfahrt, die Ausstattung der Radsportler in der Breite war doch sehr mangelhaft. Das änderte sich erst als Schur und Eckstein Weltmeister wurden und ab 1961 auch der „Westberliner Markt“ nicht mehr erreichbar war. So mußten die Jungs zusammen mit Max und Hans viel improvisieren und „Flickschustern“. Das fing an bei den Schläuchen und hörte beim Lenker auf. Die Jugend fuhr noch ohne Gangschaltung. Da war es wichtig, hinten einen 17er - Kranz und vorne einen 50er - Kranz zu haben; gab es aber nicht, es waren nur 48er - Kränze zu bekommen. Das bedeutete einen Nachteil im Rennen. Und diese waren auch noch mächtig teuer. Mindestens 10 Mark, für einen Sattel mußte man 20 und für einen Schlauchreifen 10 Mark auf bzw. unter den Tisch legen. Letztere zu bekommen war besonders schwierig. Daher benutzten die Lelkendorfer zunächst normale Reifen, wo Schlauch und Reifen getrennt waren und die auch keine Rennbereifung besaßen. Bei den neuen Schlauchreifen sind Decke und Schlauch zum Reifen vernäht, und die Naht ist mit einem Abdeckband abgeklebt. Das Rennrad hatte eine Flachbettfelge. Da es das selbstklebende Felgenband nur in Westberlin gab, wurden die Reifen mit Schlauchreifenkitt der Marke „Renania“ an der Felge befestigt. Ein Ersatzschlauchreifen mußte immer mit dabei sein, denn diese zu flicken war nur mit großem zeitlichen Aufwand möglich. Wolfgang hatte z.B. 1957 das Glück während einer Fahrt zu seiner Tante nach Dassow bei einem „Boxenstopp in Güstrow zwei tschechische Schläuche (3. Wahl) für a 20 Ostmark zu erwerben. Diese waren zwar nur 27 Zoll groß, doch mit ein bißchen Isolierband wurden sie dem deutschen 28er - Zollrad „angepaßt“.
Das Geld für alle diese Sachen mußten sich die Jungs erst einmal verdienen. Das hieß neben Schule, Freizeit, Hausarbeit und Training einen bezahlten „Nebenjob“ zu finden. Von Wolfgang Voth ist bekannt wie er das anstellte. Die MTS Lelkendorf übernahm damals auch Lohnarbeiten für die noch privaten Bauern. Wenn die Männer von der MTS am Nachmittag Lust auf ein Bier hatten, war Wolfgang zur Stelle und setzte sich auf den Traktor (meist der von Georg Wright). Dafür bekam er 1,36 Mark die Stunde, so daß er mit Trinkgeld so um die 5 Mark pro Nachmittag hatte. 1957 nahm er sich mit seinem ebenfalls radsportbegeisterten jüngeren Bruder Uli zwei Morgen Rüben. Für das Ausheben und alles was dazu gehört, bekamen sie stattliche 160 Mark. Ein Haufen Arbeit fürs Hobby.
Genauso oder ähnlich machten es auch die anderen Burschen. So war Schorrentin, Peters Geburtsort, schon LPG und hier gab es auch Geld zu verdienen. Sei es bei den Rüben, der Getreideernte und beim Kartoffeln sammeln (3 Mark pro Einsatz). Auch die Eltern der meisten ließen sich nicht lumpen und unterstützten das Hobby ihrer Kinder; wenn auch nicht mit Geld, so doch mit Verpflegung und viel Liebe.
1958 bekam Wolfgang einen lukrativen Ferienjob auf der Ziegelei. Dort verdiente er richtig gutes Geld, und wie er das zum Teil in sein Rad investierte, ist berichtenswert. An einem Tag im August 1958 beschlossen Wolfgang, Peter und Max mit dem Fahrrad nach Berlin zu fahren. Die beiden Jungs hatten ihre letzten Ferien, und Max nahm sich einfach Urlaub. Morgens um 3.00 Uhr, in noch stockdunkler Nacht, machten sie sich auf den über 200 km langen Weg. So ging es über Malchin und Neubrandenburg auf die heutige B96, dann durch Oranienburg nach Ostberlin. Allein die Fahrt durch den Osten der Stadt war schon ein Erlebnis. In den frühen Nachmittagsstunden erreichten sie ihr Quartier. Es war das Hotel „Hozpiz“ in der Nähe des Bahnhofes Friedrichstrasse. Hier kostete die Übernachtung bloß drei Mark pro Person (im „Vier Tore“ in Neubrandenburg waren es zur gleichen Zeit fünf Mark). Für den Tag hatten sie genug geleistet. Die Fahrräder wurden im Keller geparkt. Nach einem ordentlichen Imbiß und einer kurzen Stadtbesichtigung gingen sie müde ins Bett. Am nächsten Tag gingen die drei dann „rüber“ zum Einkaufen. Es galt, sich für die Juniorenklasse die nötige Ausrüstung zu besorgen. Auf dem Wunschzettel stand eine Renax-Gangschaltung, ein Überwerfer für das Doppelblatt vorne, Bremsklötze, Lenkerband und einiges mehr. Ob nun französisches Fabrikat oder ostdeutsche Exportware, es gab alles zu kaufen und der Zettel wurde restlos abgearbeitet. Da noch Geld übrig war, gab es auch noch Schokolade, einen Petticoat für Tante Ida und noch ein paar Kleinigkeiten. Danach nutzten sie die Zeit noch zu einem ausgiebigen Bummel durch West-Berlin, besuchten Sehenswürdigkeiten und kehrten am Abend zufrieden und voll gepackt zu ihrem Quartier zurück. Am nächsten Morgen wurde alles sicher verstaut und man fuhr wieder Richtung Heimat, wo sie am Abend wohlbehalten wieder ankamen. Hut ab vor dieser Leistung.
Kommen wir zum Thema Training. Trainiert hat unter der Woche jeder für sich selber. Bestimmte Marschrouten oder Pläne hatten Max und später auch Jochen Peters und … Krüger nicht vorgegeben. Individuelles Training ist typisch für den Radsport, denn zuerst bist du Einzelkämpfer und dann kommt die Mannschaft. Das soll aber nicht heißen, daß sie kein Team waren, denn das waren sie voll und ganz. Das war auch der Grundtenor in den Gesprächen, die ich führen durfte. Die Rennen fanden meist am Sonntagvormittag statt, was übrigens immer ein frühes Aufstehen und oft einen langen Anreiseweg nach sich zog. Wenn rennfrei war, wurde gemeinschaftlich trainiert; meist ging es Richtung Teterow oder Malchin, weil sie hier die besten Straßenverhältnisse vorfanden. Auch bei den Trainingsmethoden gab es interessante Varianten. Wolfgang fuhr zum Beispiel immer, wenn es das Wetter halbwegs zuließ, mit dem Fahrrad zur Berufsschule nach Malchin, und wenn danach noch Zeit war, ging es mit Hermann Trebbin (ebenfalls dort Berufsschüler) noch eine Runde um die Kreisstadt und dann wieder Richtung Neukalen. Peter Rathfisch hatte sein eigenes Trainingsgelände. Er trainierte auf seinem „Hausberg“ in Schorrentin, quasi auf der Koppel. Dort nahm er immer die obersten Schlete aus dem Koppelzaun und los ging es. Berg runter auf dem Rad und vor jedem Hindernis absteigen, Rad auf die Schulter und drüberspringen, wieder auf den Sattel und weiterfahren. Berg hoch hieß soweit wie es ging fahren, den Rest Rad wieder über die Schulter bis nach oben. Das mehrmals hintereinander war gutes schweißtreibendes Training, und das zahlte sich bald aus.