Junioren 1959 in Röbel.
Hinten von links: Hans Brandt, Klaus Langer, Peter Wendlandt, Horst Jürß, Günter Schäfer, Roland Volkmann, Fred Metzele, Detlef Ebert, Herrmann Ullrich;
vorne von links: Heinz Werner, Gerd Kühnel, Willi Palisch, Erwin Tonhäuser, Günter Plagens.
Für die Jungs der damaligen Zeit war Fußball alles. Die wöchentlichen Höhepunkte waren das gemeinsame Training und die sonntäglichen Spiele. Außerdem war der Vorstand stets bemüht, das drum her rum abwechslungsreich zu gestalten. Spontanität war angesagt; so geschehen 1959. Bei einem Punktspiel in Neustrelitz (es kann auch Penzlin gewesen sein) kamen nach dem vormittäglichen Sieg im Punktspiel einige der Spieler auf die Idee, als Belohnung einen Abstecher ins nahe Berlin zu machen. Dort fand nämlich am Nachmittag das Länderspiel DDR - Luxemburg statt. Siegfried Sabeike und Erwin Henke mußten tief schnaufen bei diesem Vorschlag, fanden ihn aber angemessen und machten sich an die Organisation. Siegfried, der Fußballchef, nahm dies in die Hand. Ein paar kurze Gespräche mit einigen Eltern (die zwei oder drei mit Telefon mußten Bescheid geben), einem längeren mit dem Chef von der MTS Lelkendorf, und sie hatten die Erlaubnis. Wofür? Für eine Fahrt auf blauen Dunst nach Berlin, denn Eintrittskarten hatten sie ja nicht. So fuhr der H3A, gelenkt vom "Herrn der Landstrassen" Otto Golz (später fuhren dieses wunderbare Fahrzeug auch die Sportfreunde Mamerow und Ludwigs) Richtung Hauptstadt. Mit dem Mecklenburger Glück im Nacken bekamen sie noch die begehrten Tickets und sahen einen ungefährdeten Sieg der DDR-Elf. In ihr spielten Größen wie Heinsch, Fräßdorf, Nöldner, Urbanczyk, Seehaus und Unger. Unter den Jungs war auch Horst Jürß, ein jetzt schon guter Mittelstürmer; den interessierte das Spiel nicht so sehr. Er überlegte mehr wie er den Berlintrip für einen kurzen Abstecher Richtung Westberlin nutzen konnte. Der Weg zu seiner dort lebenden Tante war zu weit (man hätte noch ein paar Mark abzweigen können), und so fuhr er nach Spielschluß mit der U-Bahn zur Station Gesundbrunnen im Westteil. Weit bevor die von Siegfried vorgegebene Freizeit verstrichen war, war Horst wieder zurück. Im Gepäck hatte er eine Schachtel Zigaretten und zwei seiner geliebten Schmöker (Wild West Romane). Günstig erstanden. Das sah auch "Chef" Siegfried und hätte auch zu gerne eine Schachtel "Westzigaretten" gehabt. Horst kannte sich aus, und so nahm er den Weg ein zweites Mal in Angriff. Neben den beiden kamen noch Alois Ostwald, Detlef Ebert, Günter Schäfer und Thomas Metzele mit. Letztgenannter machte seine ersten "Erfahrungen" mit einer U-Bahn. Es soll lustig gewesen sein. Auf jeden Fall kamen sie wieder glücklich und dem Geldbeutel nach gut versorgt zum H3A. Wie sich die Zeiten doch gleichen. Am späten Abend kamen die Burschen wohlbehalten in Neukalen an.
1960 schaffte Traktor Lelkendorf zum zweiten Mal den Bezirksmeistertitel. Eine gesunde Mischung zwischen vielen jungen Spielern, einigen gestandenen und so manchem Oldie (das war man damals schon mit 25 Jahren). So waren Werner Doll, Karl-Heinz Waschk, Eberhard Zingelmann, Werner Ahlgrimm, natürlich Erwin Henke und noch einige andere immer wieder da, wenn der Verein sie rief. Und diese Unterstützung war im Bezirksligajahr 1961 sehr von Nöten. Die NVA, wie schon drei Jahre zuvor, lockte wieder mit Geld. Die Einführung der Wehrpflicht (01.01.1962) lag in der Luft und wer jetzt zur Armee ging, bekam statt der späteren 80 Mark jetzt 300 Mark. Ein nachvollziehbarer Schritt, und so fehlten nach und nach Spieler wie z.B. Udo Markowski, Helmut Schürer, Horst Daum, Max Göbel, Willi Palisch, Josef Tonhäuser, Hansi Böhme (Lehrlingswohnheim Warsow) und Torwart Bernd Kessler. Er war der dritte bekannte Fußballer aus der Lelkendorfer Schule (seit 1958 im Verein), der es bis in die 2.Liga der DDR schaffte. Nach seiner Grundausbildung kam er in die Sportgruppe und spielte beim ASK (Armeesportklub) Vorwärts Perleberg. Hier und auch nach seiner Versetzung in Wittenberge (zusammen mit dem Malchiner Heinz Lüdemann) stand er im Kasten der Zweitligamannschaften. Danach spielte er noch bis 1965 in Lelkendorf, ehe er mit seiner Frau Hannelore nach Malchin ging und dort wieder mit seinem Armeekumpel Heinz die gegnerischen Stürmer zur Verzweiflung trieb.
Zurück ins Jahr 1961. Diese Konstellation war die Chance für die jungen Burschen (Foto Röbel 1959). Ihre Stunde schlug in Malchow. Das Vorspiel der zweiten Mannschaften gewann Lelkendorf souverän mit 0:2. Und als eine Stunde später die "Erste" 2:0 zurück lag, reagierte Trainer Henke und brachte auf "Wunsch" der Zuschauer mit Detlef Ebert, Horst Jürß und Günter Schäfer die jungen Stützen der "Zweiten". Diese halfen das Spiel noch zu drehen (2:5), und so gingen sie mächtig kaputt zum zweiten Mal an diesem Tag als Sieger vom Platz. Von nun an waren sie dabei. Die positiven Höhepunkte blieben rar, denn die Gegner waren oft zu stark. An einige sei aber noch erinnert. Da war zunächst das legendäre Spiel in Röbel. 5:0 lag Lelkendorf zur Halbzeit zurück. In Röbel gab es, wie auch heute noch, immer ein buntes Programm über das Stadionmikrofon. Aus dem dröhnte zum Pausentee der alte Song "Laßt doch die Köpfe nicht hängen…" und das war Motivation genug. Der Gast war in der 2.Hälfte nicht wieder zu erkennen. Sie drehten das Spiel und schafften zum Schlußpfiff ein verdientes 5:5. Auch für den souveränen Tabellenführer TSG Neustrelitz wurde Lelkendorf zum Stolperstein. In der Fremde gelang ein 1:1, und zu Hause wurden die hoch Gelobten mit 2:1 zurück in die Residenzstadt geschickt. Unvergessen bleiben auch die nächtlichen Kontrollgänge der Herren Sabeike und Henke durch die Gaststuben der Kleinstadt, um eventuell "falsch verstandene Vorbereitungen" zu unterbinden oder um zu wissen, mit wem am nächsten Tag nicht zu rechnen ist. Um so galanter war ihre Einstellung nach dem Spiel. Höhepunkte dieser Saison waren auch die Lokalderbys. Denn mit Zweitliga-Absteiger Einheit Teterow und Lok Malchin gab es zwei weitere Vertreter aus der Mecklenburger Schweiz. Diese Vergleiche zeichneten sich immer durch eine hohe Anzahl an Zuschauern (ca.1000) aus. Spannung war garantiert. Die Resultate gegen Malchin sind nicht mehr bekannt, die gegen Teterow schon. Im Hinspiel gab es in der Bergringstadt ein 1:1 und nach dem Rückspiel am 01.10.1961 in Neukalen stand der Lelkendorfer Abstieg in die Bezirksklasse fest. Aber es gab auch ein Wiedersehen mit Richard Gnefkow.
Dieser hatte im ersten Bezirksligajahr 1956 im Auftrage des DTSB die Lelkendorfer Trainer unterstützt. Sein Vater war Schustermeister in Teterow. Ihm zuliebe lehnte er auch zunächst ein Sportstudium an der DHfK in Leipzig ab und fing, um in der Nähe des Vaters zu bleiben, beim DTSB-Kreisvorstand als hauptamtlicher Mitarbeiter an. Die Kontakte nach Neukalen stellte Manfred Faber her. Dieser hatte als Angestellter beim Finanzamt Teterow öfter mit Richard zu tun, und er wußte somit von den Fähigkeiten dieses doch recht jungen Mannes in Sachen Fußball. So lotste er ihn nach Neukalen und ließ ihn nach dem Training bei sich oder bei Boni Clasen in der Bahnhofstraße übernachten, um ihn dann morgens wieder mit in die Nachbarstadt zu nehmen. Diese Zusammenarbeit endete mit dem Abstieg. Mit einigen Spielern entstand eine Freundschaft. Besonders erinnert er sich an Detlef Ebert und Heinz Harder ("was für ein Schrank"). Er selber spielte für Einheit Teterow und trat dann doch ein Fernstudium an. 1958 stieg Teterow in die Bezirksliga Staffel1 auf. Es wurde ein Durchmarsch. Am 25.Oktober 1959 machten die Bergringstädter in einer "Modderschlacht" durch einen 4:2 Erfolg über Malchin den Staffelsieg in der Bezirksliga perfekt ohne die Tabellenführung auch nur einmal abgegeben zu haben. In den Entscheidungsspielen standen sie Dynamo Löcknitz gegenüber. Das Hinspiel verlor man in Löcknitz unglücklich mit 1:0. Mit einem 2:1 Sieg eine Woche später im Rückspiel vor 1800 Zuschauern auf dem Sportplatz "Grüner Weg" erzwangen sie ein Entscheidungsspiel. Dieses gewann Einheit vor 2500 Zuschauern im Neubrandenburger Harder-Stadion unter Leitung von Trainer Willy Mau mit 2:0 und stand als Aufsteiger für die 2.Liga Nord fest. Dafür suchten sie natürlich nach Verstärkungen. Richard erinnerte sich an einen Jungen aus seiner Neukalener Zeit und dessen Entwicklung man nie aus den Augen verloren hatte. Günter Czech, der gute Fußballer und Partylöwe, wurde gefragt und er sagte ja. Mit mehr Stolz als Ärger ließ Lelkendorf ihn ziehen. Günter machte für Teterow 21 Spiele und schoß 5 Tore in der Liga und 10 in weiteren Spielen. An ihm lag es also nicht, daß Einheit ein Jahr später, wie schon erwähnt, wieder auf Traktor Lelkendorf in der Bezirksliga traf. Interessant sind noch zwei Spiele im Trikot der Teterower, eines Anfang Februar und sein Letztes am 09.10.60. Beide haben eine Geschichte. Da wir in diesem Jahr auch den 50. Karneval feiern, paßt die erste besonders. Günter bildete nämlich zusammen mit der Kindergärtnerin (und seine spätere Frau) Ilse Schoknecht aus Peenhäuser das 3. Prinzenpaar. Als der Karnevalssonntag kam, hieß es, der Prinz wäre auf dem Markt und beim Umzug nicht dabei. Wo war er? Natürlich Fußball spielen. Neukalen setzt zur Faschingszeit kein Spiel an, aber Günter spielte in Teterow und das in der 2.Liga. So mußte er an diesem Sonntag nach Güstrow zu einem Vorbereitungsspiel (2:2). Der NCC ließ sich was einfallen, sein Freund Wilfried Reiß sprang für ihn ein und rettete die Veranstaltungen am Nachmittag. Am Abend und den darauf folgenden tollen Tagen stand Günter seinen Mann als Prinz. Nach den guten Erfahrungen übernahmen in den folgenden Jahren viele Fußballer die kurze Regentschaft über die Stadt. So folgte ein Jahr später der schon geübte Wilfried Reiß mit Ortraut Kliem, 1962 waren es Günter Schäfer und Renate Warnitz und 1964 folgten Peter Heinzel und Hannelore Trapp. Bei Günter Schäfer gab es einen ähnlichen Zwischenfall, hier mußte Heinz Strempel kurzfristig einspringen.
Bei seinem letzten Spiel für Einheit Teterow stand Günter Czech nur noch auf dem Spielberichtsbogen und das mit dem Vermerk "Nicht aufgelaufen". Was war passiert? Günter hatte am Freitag zuvor nach dem Training ein längeres Gespräch mit Trainer Willy Mau und teilte ihm mit, daß er die Fahrt zum sonntäglichen Auswärtsspiel zu Lichtenberg 47 zusammen mit seiner Freundin zur Ausreise aus der DDR nutzen wollte. Mau akzeptierte diesen Entschluß und versprach sein Schweigen. Doch bat er Günter, nicht mit der Mannschaft nach Berlin zu reisen, um etwaige Verdächtigungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. So fuhren Günter und seine Prinzessin bereits am Sonnabend und verließen zusammen ihre Heimat Richtung Westberlin. Dort hörte Günter am Sonntagabend im Radio auch das Ergebnis seiner Mannschaft. Teterow erreichte ein 3:3 gegen Lichtenberg. Er fand dort gute Arbeit, spielte auch noch einige Jahre Fußball und ist bis heute ein glücklicher Berliner.
Richard Gnefkow war bald wieder als Trainer gefragt. Da Willi Mau plötzlich und viel zu früh verstarb, wurde er bis 1968 Spielertrainer. Dann hing er die Schuhe an den berühmten Nagel und widmete sich noch sehr viele Jahre der Jugendarbeit. Den Neukalener Fußball hat er auch heute noch unter Beobachtung.