Turnerfest im Gartsbruch 1925.
Entstehung der Turnhalle
Der Gastwirt Bernhard Lettow machte 1922 Pleite. Laut Beschluß der Stadtverordnetenversammlung vom 22.9.1922 wurde das Gebäude am folgenden Tag von der Stadt erworben. Ab 1.12.1922 stellte Lettow den Gastwirtschaftsbetrieb im “Deutschen Haus" in der Rektorstraße ein. Die Stadt ließ nun das Gebäude umbauen. Der Saal wurde als Turnhalle eingerichtet, das Dach neu gedeckt (1923) und im Haus erfolgte der Ausbau von zwei Wohnungen. Die Bühne blieb einstweilen noch erhalten. Bei der Chemnitzer Turngeräte - Fabrik Julius Dietrich & Hannak bestellte die Stadt am 12.1.1923 verschiedene Turngeräte. Der Männer - Turn - und Sportverein (Vorsitzender: Kaufmann Johannes Fischer, Schriftwart: Elsner) stellte seine Turngeräte ebenfalls in der neuen Turnhalle auf. Die Schule durfte diese mitbenutzen. Ende Februar 1923 war der Umbau fertig. Die Wohnungen konnten bezogen und die Turnhalle eingeweiht werden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Männer - Turn - und Sportverein immer noch im Saal des Gastwirt Tübbicke (Straße der Freundschaft 26) geturnt.
Turnhallenordnung vom 9.9.1924
“T u r n h a l l e n o r d n u n g
Die Turnhalle ist ein Unterrichtsraum der hiesigen Stadtschule und muß zu Beginn der täglichen Schulstunden bezgl. Ordnung und Sauberkeit den Anforderungen an einen Schulraum entsprechen.
Es sind darum
1) die Geräte und sonstigen Einrichtungen bei der Benutzung und der Bereitstellung schonend zu behandeln,
2) sämtliche Geräte und Gegenstände nach Benutzung an den dafür bestimmten und bezeichneten Platze zurückzubringen,
3) die beiden Reckstangen nach Benutzung in Reichhöhe einzustellen,
4) alle Mängel, die beim Turnen an den Geräten erkennbar werden, zwecks Beseitigung dem Schuldiener oder der Schulleitung mitzuteilen,
5) die Fußböden in der Halle und in den Nebenräumen vor Unsauberkeit durch gleichgültiges Fortwerfen von Papierresten zu schützen und zur Vermeidung der Staubentwickelung die Füße vor Betreten der Halle zu reinigen,
6) die Wände in den Räumen und die Einrichtungsgegenstände nicht zu beschmieren.
7) Das Rauchen in der Halle ist verboten.
2 Exemplare sind in der hiesigen Turnhalle zum Aushang zu bringen.
1 Exemplar ist Herrn Rektor Pagels zur Kenntnisnahme zu übersenden.
An den Turnverein hier:
In der Anlage übersenden wir 2 Exemplare der hiesigen Turnhallenordnung. Sie werden ersucht, diese Vorschriften genau zu beachten. Das eine Exemplar derselben haben Sie zu unterzeichnen, und hierher zurückzugeben.
N. 9.9.1924 D. R."
1926 wurde die Turnhallenordnung noch einmal überarbeitet:
“T u r n h a l l e n - 0 r d n u n g
1. Der Turnraum der Turnhalle darf von Schülern oder Turnern erst dann betreten werden, wenn Turnlehrer oder -lehrerin, Turnwart oder Vereinsleiter dazu auffordern. Das Licht in der Halle wird nur vom Schuldiener oder vom Leiter der Turnabteilung angezündet.
2. Jedes Üben an den Geräten, besonders am Rundlauf, ohne sachgemäße Aufsicht ist verboten.
3. Für nachweisbar mutwillige und nachlässige Beschädigungen und Beschmutzungen an der Halle oder deren innerer Einrichtung sind die Vereine für ihre Mitglieder, die Eltern für ihre Kinder haftbar.
4. Jede Vereinigung, die die Turnhalle benutzt, hat dem Rat vorher eine Person namhaft zu machen, die für die Ordnung in der Halle während des Turnens und nach demselben unbedingt zu haften hat. Insbesondere bezieht sich diese Haftung auch auf die Sauberhaltung der Aborte.
Nur der genannten Vertrauensperson steht auf Widerruf seitens des Rates die Führung eines Turnhallenschlüssels zu.
5. Alle Turn-, Hand- und Spielgeräte sind nach beendeter Übung an den zur Aufbewahrung bestimmten Platz zu bringen. Die Reckstangen sind beim Verlassen der Halle in Reichhöhe 1,50 m einzustellen.
6. Schüler und Turner sind darauf hinzuweisen, daß sie
a. die nähere Umgebung der Turnhalle nicht mutwillig beschmutzen,
b. beim Eintritt in die Halle die Füße vor den Stufen sorgfältig reinigen, um den schädlichen Staub von dem Turnraum möglichst fernzuhalten,
c. den Turnhallenraum nur durch die eigentliche Turnhallentür betreten und alle sonstigen Türen zur Halle nicht benutzen, beim Verlassen der Halle auch die Tür zum Ankleideraum abschließen,
d. sich nach Möglichkeit Turnschuhe beschaffen.
7. Die Turnhalle ist Unterrichtsraum der Stadtschule und darf von turnerischen Vereinigungen nur zu den vom Rat genehmigten Zeiten benutzt werden. Zu jeder Benutzung außerhalb der festgesetzten Zeit ist die Zustimmung des Rates rechtzeitig einzuholen.
8. Die leihweise Entnahme von Schulgeräten zur Benutzung außerhalb der Halle darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rates unter Zustimmung der Schulleitung geschehen. Für die unbeschädigte, pünktliche Rücklieferung der Geräte in die Halle ist der Entleiher haftbar.
9. Jeder Verein, der zur Benutzung der Turnhalle zugelassen ist, hat dem Rat die regelmäßigen und besonderen Turnzeiten mitzuteilen. Es wird dann ein Turnplan angefertigt und in der Halle ausgehängt.
10. Das Rauchen im Turnraum und Ankleideraum ist grundsätzlich verboten. Beide Räume dürfen mit brennenden Zigarren, Zigaretten und Pfeifen nicht betreten werden.
11. Für jede Unordnung in der Halle, die der Schuldiener oder der Turnleiter einer Abteilung in einer Übungsstunde feststellt, wird die Vereinigung zunächst haftbar gemacht, die vorher turnte oder die Halle benutzte.
12. Den Anordnungen der dem Rat mitgeteilten Vertrauensperson oder des Schuldieners ist bezüglich obiger Bestimmungen unbedingt Folge zu leisten. Unbotmäßigkeit soll zur Anzeige gebracht werden.
13. Ehrenpflicht eines jeden Turners ist, zur Erhaltung der Turnhalle und ihrer gesamten Einrichtung nach Kräften beizutragen.
14. Die Nichtbefolgung der Bestimmungen zur Turnhallenordnung kann zur Verhängung von Verweisen und bei wiederholten Verstößen zur Entziehung der Benutzungserlaubnis führen.
15. Aus dringlichen Anlässen steht es dem Rat frei, auch an Turnabenden über die Halle anderweitig zu verfügen.
16. Bezüglich Wartung, Heizung und Beleuchtung in der Turnhalle ergehen besondere Bestimmungen.
Neukalen, den 1. Dezember 1926 Der Rat
Kohfeldt"
Auf der Stadtverordnetenversammlung am 11.2.1927 wurde eine Turnhallenkommission gebildet und diese Turnhallenordnung vom 1.12.1926 genehmigt. Die Turnhallenkommission setzte sich so zusammen:
Stadtrat Kühl,
Stadtverordneter Lange, sen.
Stadtverordneter Fischer
Rektor Pagels
sowie ein von den einzelnen Vereinen zu wählendes Mitglied
Der Sportplatz bei den “Judentannen”
Der Turnverein mit seinem Vorsitzenden Rudolf Penzlin hatte bereits 1921 den Antrag gestellt, einen Platz zu bekommen, der als Sportplatz eingerichtet werden könnte. Ursprünglich war die sogenannte Apothekerwiese hinter dem Gartsbruch vorgesehen. Dr. Rademacher riet davon ab: “Geht lieber zu den Judentannen, dort ist die Luft besser". Am 5.8.1921 beschloß die Stadtverordnetenversammlung, dem Turnverein den gewünschten Platz bei den Judentannen zu überlassen. Auf Grund der Inflation unterblieb die Ausführung, bis man 1924 den Plan erneut aufgriff. Die Stadtverordnetenversammlung vom 24.10.1924 beschloß dann erneut: “Der Platz zwischen Böschung Judentannen und Hochspannungsleitung auf der Schwarzenerde soll als Sportplatz hergegeben werden. Die Ausführungsarbeiten, im besondere die Einebnung des Platzes wird dem Bauamt übertragen."
1924 begann nun der Turnverein, einen Sportplatz nach seinen Vorstellungen auf dem Brachland einzurichten. Auch ein Sporthaus wurde gebaut, wozu Christian Ketelhahn in Erinnerung an seinen verstorbenen Sohn sehr viel Geld beisteuerte. Das Haus gehörte dem Männer - Turn - und Sportverein. Der Weg zu den “Judentannen” mußte 1925 verbreitert werden. Im August 1926 wurde der Sportplatz bei den “Judentannen” dann endlich eingeweiht. Hier waren zwei Ehrenpforten mit 8 Fahnen errichtet worden, und es fanden sportliche Veranstaltungen statt. Viele Zuschauer hatten sich zur Einweihung eingefunden.
Größter Sportverein war 1926 die “Deutsche Turnerschaft, Männer- Turn- und Sportverein Neukalen i.M”, welcher die Tradition des 1892 gegründeten Männer - Turn - Vereins fortführte. Er hatte 1927 etwa 130 Mitglieder und turnte in 8 Riegen. Zum Vorstand gehörten:
Rudolf Penzlin - Vorsitzender
Elsner - Schriftwart
Th. Klentzer - Kassenwart
G. Kabel - Turnwart
Es turnten dienstags von 17.00 bis 18.00 Uhr Frauen und Schülerinnen, von 20.00 bis 22.00 Uhr Männer, Zöglinge und Schüler, mittwochs von 20.00 bis 22.00 Uhr junge Mädchen und freitags von 20.00 bis 22.00 Uhr Zöglinge und Schüler.
Mitglieder des Männer- Turn- und Sportvereins am 28.1.1927:
“a. Ehrenmitglieder.
1. Albrecht, A. F.
b. Mitgl.ehrenhalb.
1. Grohskurth, J.
c. Mitglieder.
1. Tübbicke, W.
2. Klentzer, Th.
3. Storrer, H.
4. Schulz, E.
+ 5. Waterstradt, P.
6. Thielkow, Dr.
7. Schulz, R.
8. Penzlin, R.
+ 9. Albrecht, K.
10. Kottke, K. jnr.
11. Nielen, Fr.
12. Fischer, J.
13. Hohmann, Pastor
14. Schmidt, Rob.
15. Seemann, Fr.
+ 16. Wittenburg, W.
17. Wiechert, E.
18. Borchardt, K.
19. Lange, A.
20. Hinzpeter, E.
21. Burgwedel
+ 22. Hilbricht, O.
+ 23. Seedorf, H.
24. Stein, Aug.
25. Broder, E.
26. Glasow, G.
27. Fehlhaber, G.
28. Elsner, W.
29. Stüdemann, A.
+ 30. Aey, O.
31. Tietz, P.
+ 32. Meinke, E.
33. Bollhagen, H.
34. Benduhn, W.
+ 35. Steinborn, G.
+ 36. Federow, R.
37. Voth, H.
+ 38. Kabel, G.
+ 39. Kabel, A.
+ 40. Henke, K.
+ 41. Burmeister, Fr.
+ 42. Schäffer, A.
d. Zöglinge.
+ 1. Rost, Fr.
+ 2. Reichardt
+ 3. Krüger, E.
+ 4. Losehand, R.
+ 5. Hoff
+ 6. Rost, W.
+ 7. Rost, G.
+ 8. Lange, W.
+ 9. Lüders, O.
+ 10. Gamm, W.
+ 11. Krüger, G.
+ 12. Schmidt, W.
+ 13. Peterson, W.
+ 14. Rachow, E.
+ 15. Burmeister, A.
+ 16. Federow, A.
+ 17. Hilbricht
+ 18. Schacht, E.
+ 19. Griebahn, P.
+ 20. Schacht, W.
e. Schüler.
+ 1. Tübbicke, W.
+ 2. Stöcker, W.
+ 3. Lorenz, H.
+ 4. Seemann, W.
+ 5. Schmidt, H.
+ 6. Russow, H.
+ 7. Russow, O.
+ 8. Krüger, Fr.
+ 9. Becker, Fr.
+ 10. Lipstreuer, H.
+ 11. Hilbrecht, P.
+ 12. Voth, J.
+ 13. Voth, U.
+ 14. Pankow
+ 15. Griebahn, W.
+ 16. Urbaneck, H.
+ 17. Schacht, K.
f. Damen.
+ 1. Ladwig, Anna
+ 2. Richter, Ina
+ 3. Brandt, Else
+ 4. Francke, Berta
+ 5. Westphal, Ella
+ 6. Koch, Hilda
+ 7. Martens, Marg.
+ 8. Wendland, Grte
+ 9. Losehand, Else
+ 10. Pegler, Lotte
+ 11. Wiechert, Hilde
+ 12. Frl. Seemann
+ 13. Frl. Wilken
+ 14. Frau Seemann
+ 15. Frau Keding
+ 16. Frau Benduhn
+ 17. Frau Klentzer
+ 18. Frau Penzlin
+ 19. Frau Grohskurth
g. Schülerinnen.
+ 1. Broder, Gerda
+ 2. Klentzer, Thea
+ 3. Wagner, Edith
+ 4. Lorenz, Liselotte
+ 5. Hohmann, Gertrud
+ 6. Hohmann, Elfriede
(Die mit einem + bezeichneten Personen sind aktive Turner).”
Die Möglichkeit, in der Turnhalle und auf dem neuen Sportplatz Sport zu treiben, führte zu weiteren Vereinsgründungen. So gab es um 1926 auch noch den Sportverein ,,Wacker", welcher sonnabends von 20.00 bis 22.00 Uhr in der Turnhalle übte. Vorsitzender war Walter Benduhn. Es gab auch einen Fußballclub, der aber 1927 wegen ungenügender Beteiligung aufgelöst wurde. Die restlichen Mitglieder traten dem Fußballclub Dargun bei. Ab 1926 existierte ein Arbeiter - Turn - Sportverein, dessen Vorsitzender 1926 Gustav Becker, Rohrplage 13, war. Dieser Verein nutzte die Turnhalle montags und donnerstags von 19.00 bis 22.00 Uhr. Der Arbeiter - Turn - und Sportverein nannte sich ab 1928 im Stempel “Freie Turnerschaft Neukalen". 1928 wird als 1. Vorsitzender des Arbeiter - Turn - Vereins der Arbeiter Otto Sänger, Klosterstraße 13, genannt und als Turnwart Alfred Schröder.
1929 gab es zuerst nur noch 2 Sportvereine: den Männer- Turn- und Sportverein (Leiter: Kaufmann Rudolf Penzlin) sowie den Arbeiter - Turn - und Sportverein.
Am 24.11.1929 wurde der ,,Neukalener Sport - Verein" gegründet, dem 35 Mitglieder beitraten. Vorsitzender war H. J. Hinneberg, Schriftführer Koch. Die Turnhalle wurde am Mittwoch und Sonnabend von 20.00 bis 22.00 Uhr benutzt.
Da der Männer- Turn- und Sportverein das Lichtgeld für die Turnhalle nicht bezahlte, wurde dem Verein die Turnhalle ab 1.1.1930 gesperrt. Nach einigen Streitigkeiten bezahlte der Verein im Juni 1930 das Geld.
Die Geselligkeit hatte immer einen festen Stellenwert bei den Sportvereinen. So lesen wir 1930:
“Männer - Turn - und Sport - Verein Neukalen.
Der unterzeichnete Verein wird in diesem Jahre seine Wandertour am Himmelfahrtstage (am 29. Mai) nach Waren und Umgebung unternehmen und laden wir alle aktiven und besonders auch die passiven Mitglieder sowie Freunde des Vereins zur Teilnahme ein. Abmarsch von der Turnhalle 8,45 Uhr pünktlich. Antreten ebenda 8,30 Uhr. Fußmarsch bis Malchin. Abfahrt nach Waren 9,15 Uhr in Malchin. Abends Abfahrt Waren 7,10 Uhr.
Für Jugendliche bis zum 20. Lebensjahr kostet die Hin- und Rückfahrt 1,- Mark. Dieser Betrag ist bis zum 25. Mai mittags beim 1. Vorsitzenden Herrn Penzlin einzuzahlen. Bei späterer Zahlung kann eine Fahrtvergünstigung nicht berücksichtigt werden.
Alle übrigen Teilnehmer haben 33 1/3 % Fahrtermäßigung und kostet die Reise für Hin- und Rückfahrt bis Malchin nur 1,40 Mark. Diese Teilnehmer lösen sich Ihre Karten selbst in Malchin.
Der Vorstand des Männer-Turn- und Sport - Vereins Neukalen.”