Neukalener Badeanstalt, Ostern 1932.
Die städtische Badeanstalt wurde jährlich verpachtet. Die Einnahmen laut Badetarif gehörten dem Pächter. Erster Pächter und Badewärter war 1928 Erich Heiden. Er erhielt monatlich 110 RM. 1929 wurde er nicht als Badewärter eingesetzt, da gegen ihn ein Strafverfahren wegen Urkundenfälschung lief. Deshalb war Otto Sänger Badewärter, ebenfalls für 110 RM. monatlich.
1930 wurde der Badetarif vom Magistrat verändert:
"Badetarif für die städtische Badeanstalt in Neukalen.
--------------------------------------------------------------------------
a. Dauerkarten
Einzelkarte für Erwachsene ....... 4,00 RM.
" " Kinder ................. 2,00 RM.
Karte für Ehepaar ...................... 5,00 RM.
b. Monatskarten
für Erwachsene ...........................1,50 RM.
" Kinder ....................................0,75 RM.
c. Einzelbäder
Erwachsene mit Zelle .................0,20 RM.
" ohne Zelle ............0,10 RM.
Schüler mit Zelle ........................0,10 RM.
" ohne Zelle ....................0,05 RM.
bedürftige Kinder, wo mindestens
3 Kinder vorhanden sind, welche
baden, zusammen ...................... 0,10 RM.
Zuschauer als Begleiter
kleiner Kinder .................................. frei
im übrigen ................................... 0,10 RM."
1930 bis 1932 war der Arbeiter Erich Heiden wieder Pächter der Badeanstalt. Er zahlte eine jährliche Pacht von 100 RM und hatte dafür die Einnahmen laut Badetarif. So lautete sein Pachtvertrag:
"Zwischen der Stadt Neukalen, vertreten durch den Rat einerseits und dem Arbeiter Erich Heiden in Neukalen andererseits wird der nachfolgende Pachtvertrag geschlossen.
§ 1.
Die Stadt Neukalen verpachtet die städtische Badeanstalt für die Zeit vom 1. Juni d. Js. bis zur Beendigung der Badesaison an den Arbeiter Erich Heiden gegen einen Pachtpreis von 100,- RM.
§ 2.
Der Pachtpreis ist in 4 gleichen Beträgen erstmalig am 1. Juli d. Js., sodann am 1. August, 1. September und 1. Oktober d. Js. zu entrichten.
§ 3.
Der Pächter hat für die ordnungsgemäße Benutzung der Badeanstalt Sorge zu tragen. Für Beschädigungen, welche nicht durch den gewöhnlichen Gebrauch entstanden sind, hat Pächter Schadensersatz zu leisten.
§ 4.
Dem Pächter ist es verboten, alkoholische Getränke auszuschenken. Gestattet ist ihm der Ausschank von alkoholfreien Getränken und der Verkauf von Zigarren, Zigaretten und Früchten pp.
§ 5.
Befindet Pächter mit einer Pachtzinsrate sich länger als 2 Wochen im Verzug, so ist die Stadt berechtigt, den Pachtvertrag ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist sofort zu kündigen. Ein sofortiger Kündigungsgrund ist ferner gegeben, wenn Pächter gegen die Bestimmung des § 4 Satz 1 des Vertrages verstößt.
§ 6.
Die Stadt behält sich vor, den Badebetrieb und die Tätigkeit des Pächters jederzeit zu überwachen.
§ 7.
Die Verstempelung des Vertrages übernimmt die Stadt.
Neukalen, den 30. Mai 1931.
Als Verpächterin:
Der Rat der Stadt Der Pächter:
Ziegler Erich Heiden"
Im Winterhalbjahr 1932/33 und 1933/34 wohnte der arbeitslose Bäcker Otto Penzlin in dem Badeanstaltshäuschen. Er führte als Miete für diese Notunterkunft kostenlos Stadtarbeiten aus. Am 5.6.1934 mußte er die Wohnung räumen. Für den Sommer 1933 war der Arbeiter Otto Sänger als Badewärter angestellt.
Badeunfall 1933
"Unfall Bericht in der Badeanstalt während der Badesaisson 1933
Am 17. Juni 1933 wurden beim Baden 5 Kinder durch Schnittwunden verletzt.
Bei zwei Verletzte war die Anlegung eines Verbandes notwendig und eine ärztliche Behandlung ratsam. Beide Mädchen, die 11jährige Tochter des Schlossers Gatzke und die wohl 8jährige Tochter des Kaufmanns Jander erhielten stark blutende Wunden an den Fusssohlen.
Mit Hilfe eines badenden Schuljungen habe ich die Unfallstellen, die im Bereich für Nichtschwimmer sind, abgesucht. Es wurden auch an den Stellen, die von den Verletzten angezeigt waren, folgende Gegenstände gefunden: zerbrochene Flaschen und Gläser sowie scharfe Bleche u. a. Sachen. Gefundene gegenstände habe ich aufbewahrt.
Bemerkung: Da die gefundenen, gefährlichen Sachen von Hausgeräte, Spielzeuch u. a. Gebrauchsgegenstände herrühren, ist anzunehmen, dass die Kinder der in der Badeanstalt einst gewohnten und noch wohnenden Leute, diese Gefährlichen Sachen achtlos im Wasser geworfen haben.
Neukalen d. 19. Juni 1933
Otto Sänger
(Badewärter)"
Das Baden außerhalb der Badeanstalt war verboten
Personen, die außerhalb der Badeanstalt badeten, zeigte der Badewärter an, da sie seine Einnahmen schmälerten. Es gab Verwarnungen und Bestrafungen deshalb:
"An den Rat der Stadt Neukalen
Neukalen, den 12. Juni 1934
Heute nachmittag gegen 4 1/2 Uhr traf ich folgende junge Leute beim Baden im Hafenbecken an:
1. Fritz Becker
2. Herbert Wiechert
3. Wilhelm Hinneberg
4. Paul Possehl
Auf Befragen erklärten die jungen Leute, daß sie vom Bademeister Erich Heiden die Erlaubnis erhalten hätten.
Außerdem badeten noch mehrere schulpflichtige Jungens im Hafenbecken. Es dürfte angebracht sein, eine Verbotstafel in der Nähe der Feldbrücke anzubringen.
Kasch
Ratswachtmeister
Neukalen, den 9. Juli 1934
Es erscheint der Badewärter Erich Heiden von hier und trägt vor:
Am Sonnabend, dem 7. ds. Mts., abends gegen 9 1/4 Uhr, badeten ausserhalb der Badeanstalt in der Peene hinter der Eisenbahnbrücke folgende Personen:
1. Karl - Friedrich Gültzow
2. der Landhelfer bei Gültzow.
Ich machte die betr. Personen noch ausdrücklich darauf aufmerksam, dass das Baden dort verboten sei, doch gaben sie mir zur Antwort, dass sie in der Badeanstalt nicht baden könnten.
Ich bitte, Gültzow u. Gen. zu bestrafen.
V. g. u.
Erich Heiden"
Polizeiwachtmeister Ohde sollte nun die Personalien feststellen und den Vorfall untersuchen:
"Der Landhelfer Peter Schmitz, geb. 28.7.1914 in Köln a/R. zur Zeit bei dem Fischhändler Fritz Gültzow hier in Arbeit, zu der umstehenden Anzeige befragt sagt aus:
Ich fuhr am fraglichen Tage mit dem Sohn des Fischhändlers Gültzow Karl Friedrich in einem Kahn in der Peene, in der Höhe der Eisenbahnbrücke. Plötzlich kam mir der Gedanke zu baden, weil ich von der Arbeit so staubig war. Ich zog mich hierauf aus und wusch mich ab und bin dann wieder in den Kahn gestiegen. Wenn ich gewußt hätte, daß dies nicht gestattet sei, hätte ich es nicht getan. Da ich noch niemals bestraft bin und meinen Verdienst restlos an meine Eltern abschicke, bitte ich um Niederschlagung der Strafe.
Der Räucherlehrling Karl Friedrich Gültzow, geb. 13.8.1919 zur Sache befragt sagt aus:
Ich bestreite ganz entschieden in der Peene gebadet zu gaben. Ich habe nur in unserm Kahn gesessen, während der Landhelfer Schmitz sich gewaschen hat. Weitere Angaben habe ich nicht zu machen.
N. 23.7.1934 Ohde
Polizeiwachtmeister"
Neukalen, den 25. Juli 1934
Es erscheint der Badewärter Erich Heiden von hier und trägt vor:
Am Dienstag, dem 24. ds. Mts., nachmittags gegen 5 Uhr, badete der Sohn des Brotfahrers Erdmann Vagt zusammen mit dem Sohn des Arbeiters Albert Peters und dem Pflegesohn von Eduard Schubert in der Peene bei dem Garten von Vagt. Ich habe die betr. Knaben oft gewarnt, doch baden sie immer wieder in der Peene. Ich bitte dieselben zu bestrafen.
V. g. u.
Erich Heiden
Die von Heiden benannten Personen sind schriftlich zu verwarnen.
N. d. 25.7.34 d. Rt. Ziegler"
Bemühungen zur Einrichtung einer Badeanstalt am Kummerower See
Ab 1934 bemühte sich der Männer - Turn - und Sportverein um die Einrichtung einer Badeanstalt am Ufer des Kummerower Sees:
"Deutsche Turnerschaft
Männer-Turn-und Sportverein Neukalen i. M.
Neukalen, den 15. September 1934
An den Rat der Stadt Neukalen
Betrifft Schaffung einer Bade- und Schwimmanstalt am See.
Die Abwickelung der Reichsschwimmwoche hier in Neukalen vom 18. - 24. Juni 1934 hat ergeben, daß die Belange zur Abhaltung eines Schwimmfestes in der vorhandenen Badeanstalt bei weitem nicht ausreichen. Es mußte daher die Verlegung in den Hafen erfolgen. Wenn für die Zukunft etwas Zuverlässiges und auf Generationen hinaus geschaffen werden soll, möchten wir empfehlen nunmehr auch mit Tatkraft und Entschlossenheit eine Schwimmanstalt zu schaffen, welche den Zeitverhältnissen entspricht und wohin auch jeder Schwimmer und Wassersportler sich sehnt.
Die Wasserverhältnisse der jetzigen Badeanstalt sind unerträglich, mit Widerwillen wird sie nur noch benutzt man sieht hier nur Jugendliche, selten oder garnicht aber Erwachsene, von Familien schon garnicht zu sprechen. Bei einer Nachprüfung wird der Rat selbst zu dem Ergebnis kommen, daß weitere Geldaufwendungen für die jetzige Badeanstalt zwecklos sind.
Was sich andere Städte geschaffen haben, sollten doch wohl auch wir fertig bringen, warum wollen wir nicht auch den Fremdenverkehr so fördern, daß Fremde unsere Schwimmgelegenheiten hier am See aufsuchen. Bei gutem Willen läßt sich auch bei den schwierigsten Verhältnissen am See eine Badeanstalt schaffen und gleichzeitig läßt sich diese Gelegenheit für den übrigen Wassersport ausbauen. es ist in anderen Orten auch nicht so glatt abgegangen, um nur mal Dargun anzuführen, welche Sandmassen haben die Erbauer des Seebades woran auch der Turnverein beteiligt war, in den See geworfen, bevor der Strand so geschaffen wurde?!!! - Ich könnte noch mehr Orte anführen.
Es muß nur von einer Seite die Initiative ergriffen werden, die Förderung des Gedankens und die weiteren Ideen für diesen Plan müssen sich nach und nach entwickeln und daher empfehle ich auch einen Ausschuß zu berufen, der sich mit dem ganzen Plan befaßt. Jedenfalls möchte ich warnen vor weiteren Experimenten, welche nur Kosten verursachen und trotzdem nichts Ganzes sind.
Ich brauche nur zu erinnern, welche Summen verschlungen wurden von den Badeanstalten, welche bisher im Moorboden als Schwimmbecken geschaffen wurden, also sind derartige Gedanken von vorherein zu verwerfen, man würde wieder im Versuch stecken bleiben.
Man wird stets in der Mitte eines Flußbettes klaren Boden finden, während sich an den Seiten und am Ufer Dreck und Schlamm ablagern, wievielmehr geschieht es erst dann, wenn sich am Ufer ein Becken befindet und noch eine größere Vertiefung aufweist als das eigentliche Flußbett. Dies waren die natürlichen Ursachen, welche unsere Badeanstalten unbrauchbar machten. Die Stadtkasse war also ein Versuchskaninchen, anscheinend für gewisse Bauinteressenten, aber nicht im Interesse der Allgemeinheit. Von Fachleuten konnte gewiß keine Rede sein, bei der Schaffung der bisher gewesenen Badeanstalten. Es sollen bei der Entwicklung derartiger Ideen auch gewisse Ideale eine Rolle spielen. Der Sportgedanke und der Sportgeist können nur Grundlage sein, aber nicht der nüchterne Geschäftsgeist.
Von diesem Gesichtspunkt muß sich der zu gründende Ausschuß ausschließlich leiten lassen und Fachleute sollen die Fingerzeige geben, welche erforderlich sind, etwas Zuverlässiges zu schaffen.
Es liegt zweifellos im Sinne der Dienststellen welche die Anregung zu den Schwimmwochen gaben, solche Schwimmgelegenheiten in allen Orten zu schaffen, welche auch den Erfordernissen entsprechen.
Wir haben vorzuschlagen:
1.) Unserem Antrage im Sinne unserer Ausführung zu entsprechen
2.) Einen Ausschuß aus allen Sportkreisen der Stadt unter Hinzuziehung geeigneter Fachleute zu bilden.
3.) Zu einer Besprechung alle Beteiligten zu berufen.
4.) Alsdann einen Zeitpunkt zu bestimmen, daß wir geeignete Plätze am Ufer des Sees besichtigen, welche auch nach Lage den sportlichen und Wirtschaftlichen Ansprüchen genügen.
5.) Sofort mit den Arbeiten und Bodenbewegungen zu beginnen.
6.) Die Rohrflächen durch Zementmischungen abzudrosseln.
7.) Das Badehaus hier in Neukalen abzubrechen und am See in größerem Maßstabe zu errichten.
8.) Die Badeanstalt und den Sprungturm nach dem Muster einer modernen Schwimmanstalt zu bauen.
9.) Grünanlagen durch reichlichen Baumbestand zu schaffen.
10.) Fachleute zu hören!
Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß der Rat sich unserem Antrage im Interesse der Jugendpflege und dem Wunsche des Reichsministeriums nicht verschließen wird!
Ulrich Fischer Penzlin
Vertrauensmann des D.T. Vereinsführer
Reichssportführers"
Dieser Vorschlag wurde auf der Ratssitzung am 11.10.1934 beraten, einstweilen aber die Entscheidung verschoben. Er ist auch später nicht verwirklicht worden.
Die Badeanstalt an der Peene in den Jahren 1934 bis 1940
Im Sommer 1934 war die Badeanstalt an der Peene so stark verschlammt, daß nur noch wenige badeten. Der Magistrat bemühte sich im Frühjahr 1935 bei der Firma Carl Nicolai in Wismar, einen Saugbagger zu bekommen. Nicolai antwortete am 15.4.1935, daß er kein Interesse für die fraglichen Arbeiten hätte. Am 10.4.1935 besichtigte der Oberbaurat Dr. Havemann vom Landeskulturamt in Schwerin die Badeanstalt. Der Untergrund wurde dann im Rahmen der Notstandsarbeiten mit der Hand abgegraben und Kies hineingeschüttet.
Am 8.1.1936 schrieb Stadtrat Glöckner:
"Der Arbeiter Erich Heiden, bisheriger Badewärter, war im Besitz eines Schlüssels zur Badeanstalt und ging dort ein und aus. Der Schlüssel ist ihm abgenommen und befindet sich auf der Registratur.
Heiden hat im Haus der Badeanstalt noch ein Ruhebett und verschiedene Kahnutensilien abgestellt. Ich bitte Heiden aufzufordern diese Gegenstände sofort zu entfernen.
Wir tun sicher gut daran uns für die Zukunft nach einem anderen Badewärter umzusehen."
Während bis 1935 Erich Heiden als Badewärter angestellt war, vergab die Stadt den Posten ab 1936 bis 1939 an Karl Hering. Letztmalig war die Badeanstalt 1940 offiziell unter Aufsicht des Rentners August Hinzpeter geöffnet. Dann verschlammte und verfiel die Anlage vollkommen. In den Kriegsjahren und nach Ende des Krieges gab es weder Geld noch Material zu ihrer Erhaltung.