Franz Ziegler als Offizier im II. Weltkrieg.
Anfang September 1939 wurde mein Vater zur Wehrmacht eingezogen. Für die Familie änderte sich während des Krieges auch vieles. 1942 wurde unsere Großmutter mütterlicherseits in Rostock ausgebombt und blieb von nun an ganz bei uns in Neukalen. Im Herbst desselben Jahres kam eine Tante aus Berlin mit ihren drei kleinen Kindern (4 Jahre und Zwillinge von 1/2 Jahr) wegen der ständigen Luftangriff zu uns. Ihre Eltern waren im gleichen Jahr auch in Rostock ausgebombt. Sie blieb eineinhalb Jahre in Neukalen und siedelte dann in ein Wochenendhaus ihrer Eltern auf dem Fischland über. Zu dieser Zeit Ende 1944 kamen bereits die ersten Flüchtlinge mit einem Treck, eine Familie aus der Rominter Heide im äußersten Ostpreußen. Ab Januar kamen bereits Flüchtlingszüge. In diesem eiskalten Winter waren sie schon wochenlang in Güterwagen unterwegs. Wir als BDM Mädchen mußten beim Ausladen helfen. Halb erfrorene Menschen, dazwischen Sterbende, Säuglinge usw. Die Eindrücke haben sich mir so eingeprägt, daß mir beim Schreiben heute noch die Tränen in den Augen stehen. Aus einem dieser Flüchtlingszüge kam ein sehr alter Herr mit drei Töchtern aus Elbing zu uns, weiter eine junge Frau mit Kind und ihren Eltern aus Stettin. In den letzten Kriegstagen kam noch die Familie eines Bauern vom Stettiner Haff. Meine Mutter stellte zusätzlich in der Waschküche noch eine sogenannte Kochhexe auf und bog damit Differenzen ab. In der Not hielten die Menschen auch viel mehr zusammen.
In den letzten Kriegswochen wurde in unserer Ziegelei das Heeresbekleidungsamt Stettin ausgelagert, und die Bewachung hatte sich in den letzten Apriltagen abgesetzt. Unter Tieffliegerbeschuß holte sich dann die Bevölkerung von dort Stoffballen (feinste Tuche), Leinen, Fallschirmseide, Leder und viele andere Dinge und transportierte diese auf Handwagen ab.
Am Abend des 30. April 1945 lag eine unheimlich Ruhe über der Stadt. Die letzten durchziehenden Soldaten waren verschwunden, und plötzlich zeigten sich in den ersten Fenstern weiße Bettlaken, bald danach in fast jedem Haus. Die Angst vor den Russen war unendlich groß, und viele Neukalener zogen sich in den Wald und den Schilfgürtel am Kummerower See zurück. Dort haben sich in dieser letzten Nacht schreckliche Dinge abgespielt, da viele Menschen selbst ihrem Leben ein Ende setzten.
Am 1. Mai 1945 morgens um 4.00 Uhr betraten die ersten Russen unser Haus, in dem sich nur noch meine Mutter, Großmutter, Bruder und ich mich befanden. Alle Flüchtlinge hatten unser Haus verlassen, da sie sich in den Dörfern sicherer glaubten. Über diese ersten Stunden, Tage und Wochen möchte und kann ich nicht berichten. Sie waren von Todesangst geprägt. Ein viertel Jahr lang sind wir nicht aus den Kleidern gekommen, da wir immer auf dem Sprung zur Flucht waren. Im Juli 1945 kamen der damalige Bürgermeister Werner Westphal und Otto Sänger, beides alte Kommunisten, zu meiner Mutter, um ihr zu sagen, daß man das Haus als Volkshaus nutzen wolle und ob sie bereit wäre Möbel zur Ausstattung dort zu lassen. Wir bekamen dann eine Wohnung in der Bahnhofstraße bei dem ehemaligen Gutspächter Stroth zugewiesen. Hier wohnten wir vier Wochen, als die gesamte Bahnhofstraße ab Ecke Fritz - Reuter - Straße von den Russen für ein Lazarett beschlagnahmt wurde. Innerhalb von zwei Stunden war zu räumen. Nachdem wir abends noch nicht wußten, wo wir bleiben sollten, wurden uns in der Post zwei Zimmer der Dienstwohnung des Postmeisters, der mit seiner Frau Selbstmord verübt hatte, zugewiesen. In die übrigen zwei Zimmer zog im Herbst 1945 ein neuer Postmeister Frehse mit seiner Frau aus Schwerin, ein arroganter Mann.
Um die Familie versorgen zu können, hatte meine Mutter eine Nähstube in der Mühlenstraße eröffnet, nachdem sie während der Feldarbeit in der Rübenernte infolge eines schweren Herzfehlers zusammengebrochen war. Ich nahm Arbeit als Helferin im Kindergarten an und entsinne mich noch der vielen Entlausungsaktionen, da bei den Kindern Kopfläuse zur Normalität gehörten. Ebenso gab es viele Kleiderläuse. Durch diese kam es zu massenhaften Erkrankungen an Flecktyphus sowie auch Diphtherie. Beide Epidemien forderten hohe Opfer, besonders bei den durch die Flucht ausgemergelten Flüchtlingen, aber auch viele Opfer bei den Einheimischen. Zu den Opfern gehörte auch die Gemeindediakonisse Schwester Agnes 4).
Im November 1945 stand eines Abends plötzlich mein Vater vor uns. Auch er hatte seit Kriegsende von uns nichts mehr gehört und sich nach Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft auf die Suche gemacht, war also über die “grüne Grenze” gekommen, als er uns bei den Verwandten in Hamburg nicht fand. In die große Freude des Wiedersehens mischte sich für meine Mutter die Sorge, was tun jetzt die Russen, hatten wir doch durch sie zahlreiche Verhöre in jeder Form hinter uns, obgleich wir auch nichts vom Vater wußten. Nun erinnerten sich einige der Kommunisten an das Ereignis während des Manövers 1937. Sie berichteten dem russischen Kommandanten hierüber, und so wurde mein Vater nur noch zweimal zum Verhör geladen und wurde nicht mehr inhaftiert.
Mein Vater war durch Hunger in der Gefangenschaft stark abgemagert, so daß er zunächst keine feste Nahrung zu sich nehmen konnte. So begannen wir mit Wasser - später mit Milchsuppen ihn aufzupäppeln. Mehl und Grieß hatte meine Mutter gegen Gardinen eingetauscht.
Mein Vater wurde nun als Waldarbeiter eingesetzt. Es mußten Eichen und Buchen im Akkord mit einer Bandsäge gefällt werden. Da diese Arbeit zu diesem Zeitpunkt für ihn noch zu schwer war, ging ich für ihn in den Wald. Als dann noch der Postverwalter bei den Behörden vorstellig wurde, daß es nicht vertretbar sei einen “ehemaligen Faschisten und Militaristen” in einer Dienstwohnung wohnen zu lassen, wurde meinem Vater dann ein Zimmer bei dem Fischer Köhne zugewiesen. Dieses war nur über einen Taubenboden zu erreichen. Diese Zuweisung war der Racheakt eines Vaters, dessen Tochter bei uns als Haushaltshilfe “lange Finger” gemacht hatte.
Durch zwei verlorene Kriege, die sein Leben nicht unwesentlich geprägt hatten, den Verlust der Existenz und nicht zuletzt diese Demütigungen war mein Vater seelisch am Ende. Zu diesem Zeitpunkt, noch in den letzten Dezembertagen des Jahres 1945 holten Verwandte ihn nach Rostock. Sie hatten eine Suppenküche eingerichtet, und dort machte mein Vater zunächst die Buchführung, später wurde er von deren Verwandten, die aus dem Sudetenland kamen, als Umschüler in deren Klavierfirma angestellt. Ende April 1946 war es auch uns möglich nach Rostock zu übersiedeln. Zunächst wurden wir von den Verwandten aufgenommen, Eltern und Bruder bei der Großmutter väterlicherseits, die Großmutter mütterlicherseits und ich bei anderen Verwandten, bis wir dann im Herbst 1946 zwei Zimmer mit Veranda zugewiesen bekamen. Die Küche war ein ehemaliges kleines Badezimmer im Keller des Hauses, jetzt mit einer Kochhexe ausgestattet. Da es hier fast immer warm war, saßen wir vorwiegend in diesem Raum um den Küchenherd versammelt. In den Stunden der Stromsperre gab uns das Feuer in der Kochhexe etwas Licht; dann erzählten wir und erinnerten uns an alte Zeiten.
Entbehrt und manchmal auch gehungert haben wir in den ersten Jahren oft, und so denken wir heute noch dankbar an die Menschen, die uns in dieser Zeit halfen, wie z.B. der Ackerbürger Krüger aus der Bahnhofstraße in Neukalen oder das Ehepaar Bohn, welches uns monatlich einmal ein Paket mit zwei Broten schickte. Dann erhielt jeder abends vor dem Schlafengehen eine Scheibe Brot extra. Einmal hatte eine Ratte die Hälfte eines Brotes gefressen; der Rest wurde abgeschnitten und hat uns trotzdem geschmeckt. Einmal fuhren mein Vater und ich auf Fahrrädern mit Hartgummibereifung von Rostock nach Neu - Panstorf bei Teterow. Hier hatte ein Kriegskamerad einen Bauernhof. Wir bekamen Mehl, Brot und Kartoffeln. Oder wir beide gingen mit dem Ziehwagen zu Fuß von Rostock nach Schwaan (40 km hin und zurück). Wir erhielten vier Zentner Kartoffeln von einem Patienten, den ich als Schwester in der Klinik gepflegt hatte. So ging auch z. B. die ganze Familie in den Wald zum Himbeeren pflücken, oder wir sammelten Korn oder Zuckerrüben, um Sirup zu kochen, auch Holz wurde in der Heide geschlagen.
1950 bekamen wir dann die erste eigene Wohnung zugewiesen. Zu dieser Zeit hatte mein Vater durch Vermittlung eines guten Bekannten eine Stelle als juristischer Mitarbeiter bei einem alten Rechtsanwalt antreten können. Dieser hatte eine Anwaltspraxis eröffnen dürfen, da er mit einer Jüdin verheiratet gewesen war und unter den Nationalsozialisten sehr gelitten hatte. Auf Grund seines hohen Alters benötigte er daher einen juristischen Mitarbeiter. Bis zum Jahre 1952 führte er seine Anwaltspraxis weiter, um dann zu seiner Tochter nach Hamburg zu übersiedeln. Mein Vater wurde von ihm beauftragt alles aufzulösen. Wieder einmal stand die Frage für ihn, was wird nun? Inzwischen war aber auch bekannt, welch großes juristisches Fachwissen er besaß und dies vor allem in seinen Schriftsätzen zur Geltung bringen konnte, während das Wort ihm weniger zu Gebote stand. War er doch gerade in den letzten Jahren immer stiller und verschlossener geworden. Nun erhielt er von einem Volkseigenen Betrieb (VEM Schiffselektrik) das Angebot die Stelle als Justitiar zu übernehmen, später kam ein weiterer Betrieb (Isolier- und Kältetechnik) hinzu und schließlich der gesamte VVB Schiffbau. Man schätzte wohl seine Arbeit, da er den Betrieb oft vor der Zahlung von Millionenbeträgen (z.B. Verzugszinsen) bewahrte, weitere Anerkennung blieb ihm versagt, ebenso blieb auch das Gehalt stets niedrig. Die Juristen waren eben nur zwangsläufig gelitten, zumal mein Vater auch kein Genosse war. Da meine Mutter gut und sparsam wirtschaftete, kamen wir auch mit dem geringen Gehalt meines Vaters aus, und ich trug mit meinem Gehalt als Krankenschwester zum Familienunterhalt bei. Für uns war entscheidend, daß wir als Familie eng zusammenhielten. Mein Bruder und auch ich konnten von dem umfangreichen Wissen unseres Vaters viel profitieren, und wir diskutierten gerne mit ihm. Meinem Bruder war es auch möglich, die Oberschule zu besuchen und 1955 das Abitur abzulegen. Dann aber war die soziale Herkunft ein Hemmschuh für die Aufnahme eines Medizinstudiums. So begann er eine Maurerlehre und wurde vom Baubetrieb an eine Bauhochschule delegiert. 1957 wurde eine schwere Herzoperation notwendig, die nur in Westberlin vorgenommen werden konnte. Meine Eltern hielten sich mit Wissen des Betriebes dort auf, wurden jedoch nach ihrer Rückkehr von der Staatssicherheit aufgesucht. Sie wurden von meinem Vater aus der Wohnung gewiesen. Wieder einmal stand von nun an die Familie im Blickfeld eines Geheimdienstes. Nach der geglückten Operation wurde dann ein Wechsel von der Bauhochschule zum Medizinstudium möglich, da schwere körperliche Belastung verboten wurde.
1955 wurde meine Tochter als erstes Enkelkind meiner Eltern geboren. Mein Vater war trotz seines ernsten Wesens ein sehr liebevoller Großvater. Er las seinem Enkelkind Geschichten vor, saß abends, wenn sie nicht einschlafen konnte, an ihrem Bett, fuhr sie im Kinderwagen spazieren und zeigte ihr später die Stätten seiner Kindheit in der Rostocker Altstadt, obgleich diese zu 60 % zerstört waren. Die Bindung meiner Eltern zu meiner Tochter wurde noch enger, als ich mit dreißig Jahren nach einer Sonderreifeprüfung noch mit dem Medizinstudium begann und nur wenig Zeit für mein Kind hatte. Sie waren es, die ihr die ersten Wege in der Schule ebneten, sie pflegten, wenn sie krank war. In diesen Jahren war es dann auch möglich in eine größere Wohnung zu ziehen, zumal unsere Großmutter bis zum 92. Lebensjahr noch bei uns wohnte. Mein Vater arbeitete noch bis zu seinem 73. Lebensjahr und ging dann in den wohlverdienten Ruhestand. Er nahm unserer Mutter kleine Besorgungsgänge ab, ging täglich mit einem neuen Hausgenossen, einem allerliebsten Pudel, spazieren, half mir im Garten, las sehr viel, wurde aber im Alter immer ruhiger und stiller, war stets zufrieden und bescheiden. Bis zu seinem Tod am 21.11.1976 war er geistig völlig klar.
In Neukalen ist er nie mehr gewesen, obwohl er in seinem Innersten immer mit Wehmut an die Zeit dort zurückdachte. Gesprochen hat er jedoch mit der Familie nie darüber.