Haus des Ackerbürgers Clasen
in der Chausseestraße Nr. 35, um 1920.
1936, mein Bruder Hartwig war gerade 7 Jahre und ich 10 Jahre geworden, starb meine Mutter. Dies war für unsere Familie ein großer Verlust. Wir haben unsere Mutter sehr geliebt.
Mein Vater heiratete zwei Jahre später Elsbeth Thürkow, verwitwete Rohde, Tochter des Domänenpächters Thürkow aus Dargun. Aus diese Ehe stammt mein Bruder Helmuth. Meine zweite Mutter hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Ihr Verlobter war im 1. Weltkrieg gefallen und ihr erster Ehemann nach einer längeren Krankheit verstorben. Sie hatte sich dann in Rostock zur Krankenschwester ausbilden lassen und war in der Krankenpflege tätig. Sie war geprägt durch ihr Christentum und hat sich für ihre Jungens aufgeopfert. Mein Bruder Hartwig und ich hätten keine bessere neue Mutter bekommen können.
Im Geschäft half nach dem Tod meiner Mutter Wally Schubert aus Neukalen. Sie hatte bei meinem Vater gelernt und war zuletzt Prokuristin: intelligent, charmant und geschäftstüchtig.
1939 brach der 2. Weltkrieg aus. Mein Vater wurde am Schluss des Krieges mit anderen Neukalenern zum Volkssturm eingezogen, kam in russische Gefangenschaft nach Graudenz, das er als junger Soldat vom 1. Weltkrieg kannte, wurde entlassen und wurde zusammen mit meinem bereits erwähnten Onkel Ulrich Fischer, seinem besten Freund, dem Lehrer Robert Schmidt, und 16 anderen Neukalener Bürgern, unter anderem August Burmeister und Fritz Thürkow, ins KZ Neubrandenburg und später nach Buchenwald gebracht. Manche starben. Mein Vater und Onkel Ulrich hatten das Glück, nach fünf Jahren 1950 entlassen zu werden.
Das Geschäft hatten bis dahin Wally Schubert und mein Bruder Hartwig, der ebenfalls Kaufmann gelernt hatte, weitergeführt. Mein Vater verpachtete es nach seiner Rückkehr an die BHG in Neukalen. Er selbst arbeitete als Angestellter zunächst in Dargun, später in Malchin und zuletzt bis zum Rentenalter bei der Firma Oevermann in Neukalen. Inhaberin der Firma Oevermann war seine Klassenkameradin Ilse Oevermann geb. Stein.
Mein Bruder Hartwig Fischer ging nach der Rückkehr meines Vaters nach Hamburg zur Firma Alfred C. Toepfer, einem der großen Im- und Exportunternehmen. Er war, wie mein Vater, mit Leib und Seele Kaufmann.
Einige Jahre lang arbeitete er in der Filiale der Firma Toepfer in London und hatte als Prokurist zeitweise in Sumatra zu tun. Zuletzt war er Geschäftsführer der Firma Hansa Melasse GmbH. Auf seiner Hochzeit meinte sein Chef, Herr Toepfer, über ihn: „Er ist ein richtiger Mecklenburger. Die Mecklenburger haben einen Büffel im Wappen. Er ist ein sehr guter Kaufmann.“
1979, im Alter von 50 Jahren, starb mein Bruder Hartwig an einem Gehirnschlag. Für die Familie war es furchtbar. Die Kinder hatten noch keine abgeschlossene Ausbildung. Meine zweite Mutter, die einige Monate vorher einen Schlaganfall erlitten hatte, der sie sehr beeinträchtigte, fing plötzlich an zu sprechen und war ganz verzweifelt. Mein Vater litt besonders unter dem Tod seines Sohnes, denn er war auf Hartwigs Werdegang besonders stolz. Für ihn gab es nichts Größeres als ein erfolgreichen Hamburger Kaufmann zu sein.
Einige Monate später starb meine zweite Mutter. Mein Vater war nun allein. Er hatte jedoch viele geistige Interessen. Ihn interessierte die Geschichte Neukalens und die Geschichte der Familie. Besonders freute er sich, dass der älteste Sohn meines Bruders, Martin, in die Fußstapfen seines Vaters trat und eine kaufmännische Lehre bei der Firma Toepfer machte. Martin Fischer wurde ebenfalls ein sehr erfolgreicher Kaufmann, hatte schließlich die Stelle seines Vaters bei der Firma Hansa Melasse inne und ist heute wieder zur Firma Toepfer zurückgekehrt. Von allen lebenden Kindern und Enkeln ist bisher kein anderer als Kaufmann tätig. Es scheint, als wenn Martin Fischer der letzte Kaufmann der Familie Fischer bleibt.
Mein Bruder Helmuth Fischer war in der früheren DDR geblieben. Er wurde Ingenieur, wohnt in Dresden und ist heute in Rente.
Ich selbst habe nach dem 2. Weltkrieg bei der Firma Oldörp & Jürgens in Lübeck Kaufmann gelernt, danach aber Jura in Göttingen studiert. In Göttingen bin ich heute als Anwalt in einer Sozietät tätig, zusammen mit einer Anwältin und Notarin und einem Juniorpartner. Das Notariat habe ich von Gesetzes wegen aus Altersgründen aufgeben müssen. 35 Jahre lang habe ich zunächst privat und später an der Georg-August-Universität in Göttingen Wiederholungskurse für Jurastudenten gegeben und wurde zum Honorarprofessor ernannt.
Nahezu in jedem Jahr fahren meine Frau und ich nach Neukalen und treffen uns mit alten Freunden. Es ist immer wieder schön, in der Heimat zu sein. Mit dem Rest meiner alten „Sexta 36“ des Realgymnasiums Malchin treffe ich mich ebenfalls einmal im Jahr. Viele früheren Freunde, darunter mein Freund Paul Harder, sind aus dem 2. Weltkrieg nicht zurückgekehrt, manche inzwischen verstorben.
Nun zum Schluss. Alle Ahnen, die Eltern und auch wir Brüder wuchsen in Neukalen auf in einer Gemeinschaft, die gab, was für das weitere Leben jedes einzelnen entscheidend war: Wärme, Vertrauen, seelische Stabilität, Humor, Kenntnis des Mitmenschen, Freundschaft – Grundlagen dafür, auch in der Fremde bestehen zu können. Alle erlebten auf engstem Raum, was Fleiß und Bürgersinn bedeuten.
Dafür sei an dieser Stelle meiner Heimatstadt Neukalen herzlich gedankt. Zu danken habe ich auch Herrn Schimmel und allen Mitarbeitern der Jahreshefte des Neukalener Heimatvereins dafür, dass sie mit ihren hervorragenden Beiträgen alles tun, um die Erinnerung an Neukalen und unsere Heimat zu bewahren. Mögen sich künftige Generationen daran ein Beispiel nehmen.