Die Molkerei in Neukalen
Wolfgang Schimmel
Die Verarbeitung der Milch zu Butter, Käse oder Quark erfolgte ursprünglich von den Einwohnern selbst, da die Rohmilch nur begrenzt haltbar war. Bei vielen Einwohnern, besonders bei den Ackerbürgern und Handwerkern, standen Kühe im Stall, die im Sommer auf die Weide kamen. Wer diese Möglichkeit nicht hatte, bezog die Milch von einem Ackerbürger. Auf den Gütern der Umgebung waren Meiereien zur Milchverarbeitung eingerichtet, die ihre Produkte auch verkauften.
Seitdem in Neukalen im 19. Jahrhundert die Einwohnerzahl gestiegen war und sich die Lebensverhältnisse verbesserten, war auch der Bedarf an haltbaren Lebensmittel größer geworden.
Dem Beispiel anderer Städte folgend, wurde der Aufbau einer modernen Verarbeitungsstätte für Milch gefordert. Die Menschen wollten gesunde, ausreichende und preiswerte Nahrungsmittel. Die bäuerliche Milchverarbeitung auf den Höfen wurde aber immer problematischer. Hygienische Anforderungen, Sortimentsvielfalt und Vermarktung konnten kaum noch mit der althergebrachten Hauswirtschaft aufrechterhalten werden.
Über die Initiative zur Gründung einer Molkerei - Genossenschaft in Neukalen erfahren wir im "Neukalener Wochenblatt" vom 5.4.1889:
"Neukalen, 2. April. In der gestern Abend in Kähler´s Hotel zwecks Gründung einer Molkerei - Genossenschaft hier anberaumten Versammlung legte der Vorsitzende, Herr Senator Reinhardt, zunächst die Liste über die auf Grund der Bestimmung in der letzten Versammlung, wonach das Ministerium der für die Molkerei anzumeldenden Kühe für einen Besitzer 4 betragen sollte, bei ihm gemachten Anmeldungen vor, wonach die Zahl der von einigen benachbarten Erbpächtern und von hiesigen Bürgern gezeichneten Kühe 206 betrug. Da jedoch die zum Eintritt in die Molkereigenossenschaft geneigten anwesenden Herren Gutspächter mit dem in der letzten Versammlung gefaßten Beschlusse, 4 Kühe als niedrigste Anmeldezahl anzunehmen, nicht einverstanden waren, vielmehr eine Mindestzahl von 8 Kühen als Bedingung für ihren Eintritt aufstellten, demnach aber sämmtliche hiesige Anmeldungen unberücksichtigt bleiben müßten, auch eine Einigung trotz mehrfach gemachter Vorschläge nicht zu erreichen war, - so ging die Versammlung ohne Resultat auseinander. Für dies Mal ist also das Project wohl als gescheitert anzusehen."
Im "Neukalener Wochenblatt" vom 10.4.1889 lesen wir:
"Neukalen, 9. April. Es verlautet, daß, da die Gründung einer Genossenschafts - Molkerei sich vorläufig zerschlagen hat, die Anlage einer Privatmolkerei in den Speicherkellerräumen des C. Brandtschen Hauses geplant ist." [heute: Straße des Friedens 7]
Einige Jahre später kam es dann aber zur Gründung einer Molkerei GmbH, die am 29.12.1897 in das Handelsregister Folio 21 unter Nr. 52 eingetragen wurde. Gesellschafter waren:
Oscar Kirchner, Gutspächter in Gülitz,
Ernst Deichmann, Gutspächter in Retzow,
Hartwig von Levetzow, Rittergutsbesitzer auf Lelkendorf und Carnitz,
Paul Mussaeus, Gutspächter in Schöncamp,
Alfred Viereck, Rittergutsbesitzer auf Schorrentin,
Wilhelm Stüdemann, Ackerbürger in Neukalen,
Heinrich Sonntag, Ackerbürger in Neukalen,
Ernst Seemann, Ackerbürger in Neukalen,
Georg Schönfeldt, Erbmühlenbesitzer in Neukalen,
Rudolf Brinkmann, Bäckermeister in Neukalen,
Wilhelm Seemann, Ackerbürger in Neukalen,
Wilhelm Mamerow, Ackerbürger in Neukalen,
Heinrich Zingelmann, Ackerbürger in Neukalen,
Carl Zingelmann, Ackerbürger in Neukalen,
Heinrich Gütschow, Ackerbürger in Neukalen,
Rudolf Fischer, Ackerbürger in Neukalen,
Heinrich Schefoth, Ackerbürger in Neukalen,
Fritz Krüger, Ackerbürger in Neukalen,
Fritz Voß, Büdner in Warsow,
Robert Zingelmann, Ackerbürger in Neukalen,
Eduard Blohm, Büdner in Warsow,
Fritz Schröder, Büdner in Warsow,
"Gegenstand des Unternehmens ist nach § 2 des Vertrages die gemeinschaftliche Verwerthung der von den Mitgliedern in ihren Wirthschaften producirten Milch und Sahne auf bestmöglichste Weise. - Das Stammcapital beträgt 47 100 Mark und ist voll eingezahlt.
Der Vorstand besteht aus den folgenden 6 Personen und führt als solcher die Geschäfte der Gesellschaft:
Kirchner, Oscar, Oeconomierath in Gülitz,
Ernst Deichmann, Gutspächter in Retzow,
Paul Mussaeus, Gutspächter in Schöncamp,
Gustav Weckmann, Inspector in Lelkendorf als Vertreter des Herrn Rittergutsbesitzers von Levetzow auf Lelkendorf,
Rudolf Brinkmann, Bäckermeister in Neukalen,
Paul Lindemann, Bürgermeister in Neukalen.
Der Vorstand zeichnet verbindlich für die Gesellschaft, indem zu der Firma derselben die persönliche Namensunterschrift mindestens zweier Vorstandsmitglieder hinzugefügt wird.
Neukalen, den 29. December 1897.
Großherzogliches Amtsgericht."
Zum Bau eines Molkereigebäudes kaufte die Molkerei GmbH Neukalen im April 1898 die Gärten mit den Nummern 102 a,b,c,d; 103 a,b und 104 a von Schuhmachermeister A. Stein, Ackersmann Fritz Zingelmann, Klempner Stein´sche Erben, Schlachterfrau Frieda Berger, geb. Heincke, Schuster W. Fehlhaber´sche Erben und Juliane Schröder, geb. Stein auf.
Im Februar 1898 wurde mit dem Bau der Molkerei in den "Schüttlandsgärten" (westlich der Darguner Straße) begonnen, und bereits am 10.10.1898 konnte die Molkerei den Betrieb aufnehmen.
Als erster Molkereiverwalter war Karl Friedrich Bernhardt Ludwig Ehlers (geb. 21.1.1871 in Bellin) bis 1936 hier tätig. Er kam am 3.8.1898 nach Neukalen.
In den 1920er Jahren baute man ein Wohnhaus für den Molkereiverwalter an.
Am 24.5.1905 wurde nördlich vom alten Schulgebäude auf der sogenannten Bleiche eine ab 1904 neu errichtete Molkerei in Betrieb genommen. Sie wurde von der "Molkerei-Genossenschaft e.G.m.b.H." erbaut und diente hauptsächlich den kleineren Bauern zur Abnahme der Milch. Im Volksmund bezeichnete man sie im Gegensatz zur anderen ("großen" oder "alten") Molkerei als "kleine" oder neue" Molkerei.
Molkereiverwalter war zuerst Georg August Theodor Louis Schwarz, ab 1909 Franz Friedrich Johann Wilhelm Bauer (geb. 28.1.1883 in Dölitz, gest. 17.8.1960 in Dargun).