Die Neukalener Gegend zur Slawenzeit

 

Wolfgang Schimmel

 

Aus der Gründungsurkunde der Stadt Neukalen ist bekannt, daß das vorher an dieser Stelle gelegene Dorf „Bugelmast“ genannt wurde. Das ist aber auch die einzige schriftliche Nachricht über unsere Gegend zur Slawenzeit, welche um 600 zur Zeit der Völkerwanderung begann und im 13. Jahrhundert nach der gewaltsamen Eroberung durch deutsche Einwanderer endete. Spätestens mit der Stadtgründung Neukalens 1281 gewannen deutsche Bürger, Handwerker und Bauern in unserer Gegend unter dem Vorwand der Christianisierung die Oberhand. Die verbliebene slawische Restbevölkerung mußte sich fügen, ließ sich mehr oder weniger freiwillig taufen und wurde nach und nach integriert. Sie gab im 14. Jahrhundert ihre eigenständige Sprache auf. In den Bruchstücken des ältesten Stadtbuches (1399 - 1448) finden sich noch einige slawische Personennamen.

Ich möchte hier den Versuch wagen, eine ungefähre Darstellung unserer Gegend zur Slawenzeit zu geben. Die anliegende Karte entstand als Interpretation der Fundplätze slawischer Altertümer, Flurnamen, Sagen und der natürlichen Bodenbeschaffenheit, wobei natürlich die eingezeichneten Grenzen zwischen Wasser, Sumpf und Wald nur eine Andeutung sein können. Es kann auch keine Vollständigkeit der Fundplätze vorausgesetzt werden, und die Möglichkeit einer zeitlichen Einordnung ist kaum gegeben. So müssen die dargestellten Hütten für kleinere Wohnplätze oder Dörfer nicht unbedingt zur gleichen Zeit existiert haben. Hierbei ist zu bemerken, daß es im Laufe der Slawenzeit sicherlich durch Kriege, Krankheiten, Naturkatastrophen, Klimaeinflüsse, unterschiedliche Wasserstände, Verlandungen, Abspülungen und anderes mehr so manche Veränderung gegeben hat. Zur damaligen Zeit lag der Wasserspiegel des Kummerower Sees 1) reichlich 1 Meter höher als heute. Der Wasserabfluß in die Ostsee war durch die großen Sumpfniederungen und Flußkrümmungen viel langsamer. Nur bei starkem Hochwasser, wenn die umliegenden Wiesen mit dem See und der Peene eine einzige Wasser- und Sumpffläche bilden, erhalten wir heute noch eine Vorstellung davon, wie es einmal rund um unsere Stadt ausgesehen haben mag.

Karte zur Slawenzeit

Karte der Neukalener Gegend zur Slawenzeit

 

Die Karte zeigt anschaulich die inselartige Lage, auf welcher sich die Slawen in Bugelmast angesiedelten hatten. Während im Osten der Kummerower See bis dicht an den Hügel heranreichte, füllte ein weiterer See die jetzige Wiesenniederung im Westen bis hin nach Karnitz und weiter aus. Dieser See wird in der Gründungsurkunde als Wutzelense - See 2) bezeichnet („in dem sehe Wutzelense“). Auf der Karte des Tileman Stella von 1552 ist dieser See noch eingezeichnet, und der angedeutete Wasserlauf wird „wustelennse fl:“ (fl: = Fluß) genannt. Von der „Peene“ sprach man damals noch nicht. Dieser Name für den jetzigen Flußverlauf ist erst vor reichlich zweihundert Jahren aufgekommen.

Im Laufe der Jahrhunderte, endgültig mit Stilllegung der Wassermühle, verlandete der „Wutzelense - See“. Auch im Osten verlandete die weite Sumpf- und Wasserfläche, und es bildete sich nun der Flußlauf der Peene voll heraus. Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme ist auch, daß in den Bruchstücken des ältesten Stadtbuches von Neukalen keine Flurnamenbezeichnungen dieser Wasser- und Sumpfflächen genannt sind, da sie landwirtschaftlich nicht genutzt wurden. Die Namen „Teichweide“, „Großes Moor“, „Kronswiese“, „Brahmwiese“, „Eberwiese“, „Bürgermeister-wiese“ u.a. sind noch nicht so alt. Die Verlandung des „Wutzelense – Sees“ muß aber rasch fortgeschritten sein, denn in der Fischereiamtsrolle von 1572 wird dieser See nicht mehr erwähnt.

Neben den genannten Wasserflächen gab es zur Slawenzeit eine große Anzahl kleinerer Wasserlöcher oder sumpfiger Brüche. Auf den höher gelegenen sandigen Hügeln am Wasser befanden sich einzelne Hütten oder aber sogar kleinere Dorfstellen der Slawen. In der Nähe des heutigen Sportplatzes konnte eine slawische Siedlungsstelle nachgewiesen werden. Wie Verfärbungen im Ackerboden zeigten, haben hier einmal mehrere Hütten gestanden. Der zugehörige Bestattungsplatz wurde ebenfalls gefunden. Er befindet sich am Weg zur früheren Ziegelei. Von diesem Körpergräberfeld wurden zwei Skelette geborgen 3). 

Alle nachweisbaren Wohnplätze sind auf der Karte vermerkt. Oftmals finden sich bei den Spuren slawischer Siedlungen auch Eisenschlacke. Hier wurde also einst Eisenerz geschmolzen. Die dichten Wälder lieferten das Brennmaterial dafür.

Zwischen den Hütten und Dorfstellen bestanden Verbindungswege, von denen sich nur der Landweg nach Salem bis heute erhalten hat. Direkt durch den dichten Wald, den wir im Norden und Süden vermuten müssen, führten keine größeren Wege. Hier kann auch nicht mit dem Vorhandensein früherer slawischer Siedlungsplätze gerechnet werden.

Die Karte zeigt uns auch, daß es zur Überquerung der weiten Sumpf- und Wasserflächen im Osten und im Westen nur einen passablen Hügel gab, wenn man nicht weite Umwege in Kauf nehmen wollte. Hier befand sich der slawische Ort Bugelmast. Die Deutung des Namens ist sehr aufschlußreich. Bugelmast wird als „Brückenort mit Götzentempel“ übersetzt. Einmal geht daraus hervor, daß hier in einem Heiligtum eine slawische Gottheit angebetet wurde. Das Tempelgebäude war in erster Linie Wohnstätte eines Götzen, welcher durch ein hölzernes Schnitzwerk dargestellt war. Hier erfolgte auch die Aufbewahrung heiliger Geräte wie Schild, Schwert, Lanze o. ä. Der Tempel war von einem geweihten Raum umgeben, der nicht von jedem und nur unter bestimmten Bedingungen zu betreten war. Als Standort des Heiligtums wird allgemein der höchste Punkt, also der Platz, auf welchem heute die Kirche steht, vermutet 4). Der verehrte Götze, dessen Name nicht mehr bekannt ist, muß für die in der Umgebung wohnenden Slawen eine besondere Bedeutung gehabt haben, sonst hätte man den Ort nicht so benannt.

So etwa könnte das slawische Heiligtum in Bugelmast ausgesehen haben

So etwa könnte das slawische Heiligtum in "Bugelmast" ausgesehen haben.

 

Zum anderen sagt der Name Bugelmast aus, daß es hier eine Brücke gab. Diesen strategisch brisanten Übergang wußte man gewiß schon zur Slawenzeit, also vor mehr als achthundert Jahren, zu schützen. Leider lassen sich dazu keine konkreten Aussagen mehr machen. Es gibt aber indirekte Hinweise aus den überlieferten Orts- und Flurnamen. Für unterschiedliche Sperren und Anlagen benutzten die Slawen typische Bezeichnungen. Sie sind oft von den einwandernden Deutschen übernommen worden und blieben erhalten. Willy Bastian kommt 1966 in seiner Abhandlung "Neue Forschungen zur slawischen Befestigung" zu der Erkenntnis, daß u. a. folgende Namen auf slawische Sperren hinweisen:

 

"Die Brama, ein mit Tor und Schanze befestigter Ort. Die Voraussetzungen für die Anlage einer Brama sind ein kurzer, gerader, von sperrigen Ufern freier Flußabschnitt, in gleicher Weise geeignet als Furt oder für die Einrichtung eines Fährbetriebes, bei größerer Wassertiefe. Da jedoch der Name "Brama" in erster Linie ein "Tor" bezeichnet, dazu die "Schanze" als Sperre, muß an eine besondere Verstärkung des Durchlasses gedacht werden, wahrscheinlich auch an ein wirkliches Tor.

 

Die Klüß - Schlüssel zu einem Lande, Dorf. Die Klüß ist, was die Übersetzung sagt, eine "Schlüssel" - Stellung, und wer sie erobert, hat den Zugang "zum anderen Land bzw. Ort". Im Vergleich zu anderen Plätzen mit dieser Bezeichnung in Mecklenburg kann man feststellen, daß sich hier mehrere einfallende und sich gabelnde Landwege treffen und an dieser Stelle leicht gesperrt werden können.

 

Die Preseka - durchgehauener Weg, durchgehauene, gelichtete Stelle im Walde. Das "Lichten" ist die primäre Arbeit, die dem Bau von Waldsperren vorausgeht."

 

Es sind nun tatsächlich entsprechende Flurnamen auf der Neukalener Feldmark da. Östlich der Stadt gab es einmal einen "Brahmgraben", die "Brahmkavel" und eine "Brahmwiese" - alle hergeleitet aus dem slawischen Wort "Brama". Auf den Ursprung "Klüß" geht die Bezeichnung für den "Klüschenberg" zurück. Er befand sich in der Gegend der heutigen "Thomas - Müntzer - Straße". Ab dem 17. Jahrhundert wurde dieser Berg zur Lehmgewinnung abgetragen. Obwohl das Vorhandensein der beiden Bezeichnungen Brama und Klüß schon recht aussagekräftig ist und sie die Anlage eines befestigten Flußübergangs im Dorf Bugelmast belegen, gibt es sogar noch einen - allerdings recht vagen - Hinweis auf die Preseka. Der auffällig vorspringende Hügel am Westrand der sogenannten "Judentannen" soll im Volksmund auch als "Preisterkopp" bezeichnet worden sein. Lehrer Kliefoth schrieb 1909 in seiner Flurnamensammlung zum "Klostermorgen": "Acker rechts der Chaussee nach Warsow, vorm Hohen Priess". Der Name "Hohe Priess" ist sonst nirgends bekannt oder genannt, könnte aber irgendwie mit "Preisterkopp" - räumlich und namentlich - zusammenhängen. Vielleicht ist also mit "Priess" oder "Preisterkopp" eine zaghafte Erinnerung an Preseka erhalten geblieben?

 

Ob bei dem Dorf Bugelmast die Überquerung der Niederung durch eine Fuhrt, eine Fähre oder aber eine Bohlenbrücke möglich war, läßt sich nicht eindeutig aussagen. Es ist aber bekannt, daß die Slawen Meister im Brückenbau waren und daß bei der Sanierung der Straße zwischen Hafen und Peenebrücke 2018 etliche alte Holzpfähle im Erdboden festgestellt wurden. Wir können wohl davon ausgehen, daß hier in spätslawischer Zeit eine Bohlenbrücke vorhanden war. Ihr annähernder Verlauf ist auf der Karte eingezeichnet. Sie verlief etwa vom nördlichen Ausgang des "Forsthofes" in Richtung Denkmal 5) und in dieser Richtung weiter. Vielleicht gab es ein Tor, welches geschlossen werden konnte. Es war damals auch üblich, bei Gefahr Brückenbohlen abzunehmen, um einen Angreifer abzuwehren.

 

Die Bewohner kontrollierten und beherrschten an dieser Stelle den Nord - Süd - Verkehr. Durchziehende Händler mußten den Ort passieren, und daraus ergab sich die ideale Lage eines Handelsplatzes. Um diesen strategisch bedeutsamen Übergang zu sichern, war neben der Brücke in der Gegend des heutigen "Forsthofes" eine Befestigung angelegt, auf welcher ein slawischer Stammesfürst seinen Sitz hatte. Sein Name ist nicht mehr bekannt. Es könnte aber sein, daß die Gründungsurkunde Neukalens auch vom letzten in Bugelmast ansässigen Stammesfürsten mit unterzeichnet ist. Ganz verdächtig erscheint mir in dieser Hinsicht der zuletzt genannte „Hinrich Slau.. Wolmari“ zu sein. Ich denke, das soll bedeuten: Hinrich, der Slawe Wolmari 6). Alle vor ihm Genannten waren deutsche Ritter oder deutsche Bürger aus (Alt-) Kalen, er aber der einzige Slawe – deshalb wird er vielleicht auch erst zum Schluß genannt. Er hieß ursprünglich Wolmari, eine Variante des slawischen Vornamens Walmir, was soviel wie „der Friedliche“ bedeutet, und hatte sich später den deutschen Namen Hinrich zugelegt. Zu dieser Zeit waren Nachnamen noch wenig ausgeprägt. Vielleicht nannten sich später seine Nachkommen ihrem Herkommen gemäß mit Nachnamen "von Bugelmast" 7)?

 

Wie weit das Einflußgebiet des Stammesfürsten reichte und welche Rechte er konkret ausübte, darüber kann nichts mehr gesagt werden. Für die Bewohner der umliegenden Anwesen war Bugelmast jedenfalls der maßgebende Treffpunkt für Zusammenkünfte, Absprachen, oder Handelsgeschäfte. Hier wurden Hochzeiten gefeiert, Beerdigungen vorgenommen, Streitigkeiten geklärt und Recht gesprochen. Man konnte landwirtschaftliche Produkte, Vieh und Fische zum Tausch oder Verkauf anbieten. So hatte das Dorf Bugelmast als strategischer, kultureller und verwaltungspolitischer Mittelpunkt eine große Bedeutung.

 

Mit dem Beginn der verstärkten kriegerischen Auseinandersetzungen wurden die einzelnen unbefestigten Streusiedlungen, die von Großfamilien bewohnt waren und auf der Karte nach Funden aus der Slawenzeit eingezeichnet sind, verlassen. Die größeren Dörfer boten mehr Sicherheit. Auf unserer Stadtfeldmark haben am Ende der Slawenzeit wohl nur noch zwei Orte bestanden: Bugelmast und Rossow. Jedenfalls haben sich nur diese beiden Ortsbezeichnungen erhalten. Die anderen kleinen Dorfstellen in der Nähe waren längst eingegangen und verlassen. Keiner kannte mehr ihre Namen. Außerhalb unserer Stadtfeldmark gab es dann die aus slawischer Zeit stammenden naheliegenden Dörfer Salem, Schlakendorf, Karnitz, Warsow, das untergegangene Madesin 8), Schorrentin und Trebelin 9).

 

Vom zentral gelegenen Dorf Bugelmast gingen folgende Wege aus:

1. Weg nach Salem, von diesem abzweigend ein Weg nach Rossow.

2. Weg zur Burganlage Teterow über Schlakendorf und Karnitz. Dieser Weg zweigte vom Weg nach Salem in die westliche Richtung ab (früher als "Grüner Weg" 10) bezeichnet und heute nicht mehr vorhanden). Er führte an der später angelegten Ziegelei vorbei in Richtung Schlakendorf und verlief also weiter südlich als die heutige Landstraße. Die sumpfige Niederung um Neukalen und das große "Gartsbruch" verhinderten eine kürzere Verbindung. Erst später - u.a. wohl auch mit dem Bau einer Brücke 11) - konnte ein kürzerer Landweg, welcher etwa den Verlauf der heutigen Landstraße hatte, genommen werden.

3. Weg zur Burganlage Dargun über Warsow, etwas weiter östlich der heutigen Landstraße nach Dargun.

4. Weg nach Madesin, Schorrentin und Trebelin 12); abzweigend davon führen Wege zu den kleineren Wohnplätzen.

Diese Wege sind auf der beigefügten Karte eingezeichnet. Zur Erklärung muß noch bemerkt werden: 

Die heutigen Landstraßen nach Malchin und Lelkendorf gab es zur Slawenzeit noch nicht. Ebenso ist die Straße nach Schorrentin - Gnoien viel später entstanden, da das „Heidalsbruch" ein großes Hindernis bildete, Schönkamp noch nicht bestand und das slawische Dorf Schorrentin weiter westlich lag.

 

Das Dorf Rossow lag versteckt und gut geschützt auf einer halbinselartigen Landzunge in der großen Sumpfniederung südöstlich von Bugelmast. Der Flurname „Rossow – Werder“ wird schon in den Bruchstücken des ältesten Stadtbuches genannt und war bis vor einiger Zeit älteren Einwohnern noch gut bekannt 13).

Der eigentliche Sandhügel, der „Rossow Werder“, ist auf der Schmettau - Karte von 1788 noch deutlich zu erkennen. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde er zu Dammbauten am Peenekanal und in den Wiesen abgetragen. Dabei sollen zahlreiche slawische Scherben gefunden worden sein. Richard Pagels 14) war fest davon überzeugt, daß hier einmal ein Dorf gestanden hat. Er hat dort viele einfache (frühslawische?) Scherben gefunden, die allerdings verloren gingen. Ich fand 1963 im nördlichen Teil am Rand des abgegrabenen Hügels schwarze, an Kohle erinnernde Stücke (sicherlich Brandschutt) dicht unter der Oberfläche und unbedeutende Keramikscherben.

Es gab hier auch eine Wasserquelle und einen kleinen Teich mit klarem Wasser. Nach 1990 sind die Unebenheiten des abgegrabenen Hügels glatt geschoben worden, und so ist heute in der Wiesenfläche nichts mehr zu erkennen.

 

 

Slawische Scherbenfunde vom Rossowwerder

Slawische Scherbenfunde vom "Rossow - Werder"

 

 

Der Rossow - Werder auf der Schmettaukarte von 1788

Der "Rossow - Werder" auf der Schmettaukarte von 1788

Zeichnung des abgegrabenen Rossow - Werder (1962)

Zeichnung des abgegrabenen "Rossow - Werder" (1962)

 

 

Der Rossow - Werder (1959)

Der "Rossow - Werder" (1959)

 

 

Der Rossow - Werder bevor alles abgeräumt und glatt geschoben wurde (April 1989)

Der "Rossow - Werder" bevor alles abgeräumt und glatt geschoben wurde (April 1989).

 

Die Flächen nördlich und südlich von Bugelmast waren zur Slawenzeit größtenteils mit Wald bestanden. Für das Ackerland zwischen der Straße nach Lelkendorf und dem Bahndamm gibt es viele Flurnamen, die auf ehemaligen Waldbestand hinweisen: „Radeland“ (von roden), „Ackerholz“, „Hölten“ und „Hasselbusch“.

 

Der Ort Bugelmast war als Mittelpunkt der Umgebung gut besiedelt. Hier lebten viele Handwerker: Zimmerleute, Töpfer, Schmiede, Weber und andere. Durch das umgebende Wasser- und Sumpfgelände war ein natürlicher Schutz da. Man mag das Dorf auch durch eine hohe Dornenhecke, eine stärkere Umzäunung, eine Palisade oder Plankenwand geschützt haben; eine sichere Verteidigung war aber dadurch nicht gewährleistet. Da der Ort mit seinen zahlreichen Bewohnern für einen burgähnlichen Ausbau einfach zu groß war, richtete man in einiger Entfernung beim sogenannten „Vogelsang“ eine gut versteckte Fluchtburg ein, in welche man sich bei Kriegszeiten mit Vieh und Hausrat zurückziehen konnte. Konkret ist es der „Weig - Berg“ bei den „Judentannen“. Richard Pagels war wohl der erste, der den bewußten Hügel als slawische Fluchtburg einschätzte.

 

Hier zeigen sich keine aufgeworfenen Wälle, angelegte Schutzgräben, Brandschutt oder Pfahlgruben; Funde aus alter Zeit sind bisher nicht gemacht worden, was aber wohl aussagt, daß es sich hier wirklich nur um eine Fluchtburg handelt, die von den in der Nähe wohnenden Slawen selten und nur für kurze Zeit genutzt wurde. Ein geschützter Platz ist es allemal. 

In Urkunden und Schriftstücken aus früheren Zeiten findet der Hügel keine besondere Erwähnung. Sein volkstümlicher Name „Preisterkopp“ (nach der rundlichen Form) ist nirgends verzeichnet. Die südlich vom „Weig - Berg“ liegende Fläche wird 1727 „Auf der Weige“ genannt und als Acker benutzt. Auf der Schmettau - Karte von 1788 heißt diese Fläche „Vogelsang“. Das gesamte Wald- und Feldgelände zwischen dem Warsower Weg, der Bungalowsiedlung und den „Judentannen“ wird oft bei Ackerbeschreibungen genannt, so z.B. 1585 „Vogelckensange“, „Vögelken Sange“, 1640 „beim Vogelsangen“, 1647 „im Vogelkensange“, 1652 „im Vogelkensange“, 1731 „im Vogelsange“, 1775 „im Vogelsang“ oder 1788 „Vogel Sang“. Die westlich daran gelegene Wiese ist die „Vogelsangswiese". Der Name „Vogelsang“ kommt in Mecklenburg häufig vor. Er hängt meistens an kleinen Gehölzen mit Unterholz und Stellen, die in frühgeschichtlichen Zeiten eine besondere Bedeutung hatten.

 

Die Bezeichnung „Weig - Berg“ könnte vielleicht von einer unbekannten Sage über eine versunkenen Wiege herrühren, so wie derartige Sagen in Mecklenburg häufig an Orten vorkommen, die zur Slawenzeit eine Bedeutung hatten. Eine Sage jedoch blieb über den Berg erhalten. Sie berichtet von einer untergegangenen Burg. Vielleicht hat diese Sage mehrere Jahrhunderte überdauert und in ihrem Kern die Erinnerung an die slawische Fluchtburg wachgehalten?

 

Der heutige „Warsower Weg“ zu den „Judentannen“ ist der ursprüngliche und einzige Weg zu dieser Fluchtburg. Er führte zur Slawenzeit nicht weiter nach Warsow, da damals dieses Dorf nur in der Nähe der Straße nach Dargun lag. Der frühere Name „Knüppeldamm“ weist auf die Überquerung einer sumpfigen Stelle, dem Zugang zu dem inselartigen Gelände, hin. 

 

Noch heute ist der frühere Verlauf des Weges bis zur westlichen Seite des Berges zu erkennen. Er verläuft im typischen Uhrzeigersinn um die westliche halbkreisförmige Bergspitze herum und scheint dann auf den Berg zu führen 15). An der südlichen Seite des Berges könnte es vielleicht eine schützende Palisade gegeben haben.

Auf einer Karte von 1812 ist zu erkennen, daß im mittleren Teil des Berges Sand abgebaut wurde. Hier befindet sich auch heute noch eine Senke.

Bis 1901 war der „Weig - Berg“ noch Ackerland, dann wurde die Fläche  neu aufgeforstet mit Kiefern „unter Hafer“, wie es hieß.

Eine weitergehende Aufklärung zur Bedeutung des „Weig - Berges“ in der Slawenzeit können nur Funde oder Ausgrabungen bringen.

 

 

1) In ältester Zeit noch „Verchenpenz“ - das Verchensche Wasser - genannt.

 

2) Das slawische Wort „wustelense“ bedeutet so viel wie „Wüste“ oder „Ödland“, also unbrauchbares Gebiet.

 

3) Siehe Jahresheft des Neukalener Heimatvereins 2000.

 

4) Im nördlichen Mauerwerk des Kirchenschiffes befinden sich zwei herausragende Feldsteine, die keinerlei Funktion oder bauliche Notwendigkeit aufweisen. Ich vermute, daß man hier zwei besondere Steine aus dem ehemaligen slawischen Heiligtum einsetzte, um der slawischen Restbevölkerung ein positives Zeichen zu geben.

 

5) Als 1930 das Denkmal 1914-1918 errichtet wurde, stieß man bei den Erdarbeiten auf zahlreiche alte Pfähle in der Erde.

 

6) In den beiden Abschriften der Gründungsurkunde aus dem Jahre 1623 ist bei dem Namen „Hinrich Slau.. Wolmari“ die Endung von Slau.. unleserlich; wahrscheinlich aber soll es „Hinrich Slauus Wolmari“ heißen.

 

7) 1336 werden in alten Urkunden die Brüder Janeke und Ludolph von Bugelmast mit Besitz in Groß Bützin genannt.

 

8) Ein Dorf Madesin gibt es nicht mehr. Ich vermute seine ehemalige Lage in der Nähe des Lelkendorfer Bahnhofs. In den Urkunden des 12. Jahrhunderts wird dieses Dorf (der Name deutet auf slawischen Ursprung) im Lande Kalen mehrmals genannt. Da im ältesten Stadtbuch ein Medesin Berg genannt wird (1399 „Medezyner berch“, 1414 „montem Medesin“ und 1447 „Medezin“), liegt die Vermutung nahe, daß hinter diesem Berg das Dorf Madesin lag (ähnlich wie Salem hinter dem früheren Salemer Berg – dem heutigen Mühlenberg). Die Bezeichnung ist längst nicht mehr üblich, weil das Dorf einging. Jedenfalls ist der Berg an der Lelkendorfer Chaussee vor dem Lelkendorfer Bahnhof gemeint.

 

9) Das Dorf Trebelin lag in der Nähe von Sarmstorf und ging um 1680 ein.

 

10) Ein früherer Weg, welcher vom Salemer Weg kam, den Malchiner Weg kreuzte und weiter in westlicher Richtung bis an die Feldmarkgrenze zu Schlakendorf („Beerbomstieg“) führte (auch als Kreuzweg bezeichnet). Er ist heute nur noch als Weg von der Straße nach Malchin zur ehemaligen Ziegelei und ein kleines Stück von der Straße nach Malchin in östlicher Richtung vorhanden, alles andere ist Acker. Bereits 1401 "viridam viam" und 1414 "via virida" genannt, was "grüner Weg" bedeutet. In der Grenzbeschreibung aus dem Jahre 1705 geht der "Grüne Weg" noch über die Grenze der Neukalener / Schlakendorfer Feldmark hinaus weiter in Richtung Schlakendorf.

 

11) Evtl. erinnert der Flurname „Auf den Pfählen“ an der Straße nach Schlakendorf noch an eine ehemalige Brücke? Vielleicht gab es hier noch Pfahlreste im Ackerboden?

 

12) Diesen ehemaligen sogenannten „Sarmstorfer Weg“ von der Dargunerstraße kommend, die Straße nach Lelkendorf querend und in Richtung Sarmstorf weiter verlaufend, gibt es heute nicht mehr. Über den Fuhrtsbach (auf Schorrentiner Gebiet "Schorenbach" genannt) gab es eine Fuhrt. 1730 wird sie noch genannt: "Zarmstorffer alten fort".

 

13) Im ältesten Stadtbuch von Neukalen (1399 bis 1448) wird der Name mehrmals genannt (1414 „Rossowes borne“, (Born = Quelle); 1415 „Rossower bruke“, bruke = Bruch). Im 18. Jahrhundert finden wir folgende Benennungen: 1715 „Roßerwerder“, 1727 „Roßauer werder“, 1785 „hinter dem Roßer Werder“ oder 1800 „Roßerwarder Damm“. 

 

14) Rektor an der Schule in Neukalen von 1924 bis 1945.

 

15) Der einzige Zugangsweg (evtl. Knüppeldamm?) verlief so um die Anlage herum, daß angreifende Krieger sich nur schlecht schützen konnten. Normalerweise hielt man den Schild in der linken und das Schwert in der rechten Hand. Durch diese Wegführung waren die Krieger ziemlich hilflos gegenüber den sich verteidigenden Slawen. An der südlichen Längstseite der Burg führte der Weg scheinbar durch ein Tor oder eine Sperre, denn hier ist noch eine kleine Erhöhung erkennbar.

 

 

Literatur: „Die Slawen in Deutschland“, Akademie-Verlag Berlin, 1985

Der Weig - Berg auf der Karte von 1727

Der "Weig - Berg" auf der Karte von 1727

 

 

Der Weig - Berg auf der Karte von 1812

Der "Weig - Berg" auf der Karte von 1812

 

 

Zeichnung vom Weig - Berg bei den Judentannen (1962)

Zeichnung vom "Weig - Berg" bei den "Judentannen" (1962)

 

 

Querschnitt A - B

Querschnitt A - B

 

 

Querschnitt C - D

Querschnitt C - D

 

 

Der Weig - Berg (1977) (1)

Der "Weig - Berg" (1977)

 

 

Der Weig - Berg (1977) (2)

Der "Weig - Berg" (1977)

 

 

Der Weig - Berg bei den Judentannen (2011)

Der "Weig - Berg" bei den "Judentannen" (2011)