Die Peene vom Kummerower See bis zum Teterower See
Dr. Helge Nagel
In der Nacht war es recht kalt gewesen. Auch jetzt, in den Morgenstunden, liegt noch dicker Nebel über den Neukalener Moorwiesen. Ohne Anstrengung schleife ich das fertig aufgeblasene Schlauchboot über das glattschnasse Gras und lasse es über die Rasenkante ins Wasser rutschen. Mit einem extra für derartige Einsätze gebauten Erdanker befestige ich das Boot provisorisch am Ufer. Dann verlade ich Motor, Tank und alle weiteren Dinge, die für eine Erkundungsfahrt nötig sind.
Im Laufe der Jahre hat sich eine Standardausrüstung bewährt, bei der auch das auf den ersten Blick nebensächlich anmutende, ausreichend dicke Schaumstoffkissen nicht fehlen darf. Dieses hatte sich als durchaus nützlich erwiesen. Schließlich verbringt man bei derartigen Unternehmungen den ganzen Tag sitzend auf kleinem Raum. Nachdem alles auf seinem Platz liegt, verschließe ich das Auto und steige ins Boot. Die vor Nässe tropfenden Schuhe kommen vorerst in eine Kunststofftüte. Im Laufe des Tages werden sie dann in der Sonne getrocknet. Doch im Moment sieht es nicht nach Sonne aus. Es ist immer noch aprilmäßig kalt.
Langsam fahre ich peeneaufwärts. Nach einer Reihe Bootsschuppen erreiche ich den Hafen. Bei diesem Wetter ist so früh noch niemand auf den Beinen. Der dicke Nebel erzeugt eine bleierne Ruhe. Selbst die Verkehrsgeräusche der Stadt dringen nur wie durch Watte zu mir herüber. Nach dem Hafen queren zwei niedrige Brücken die kanalartig wirkende Peene, die aber für ein kleines Boot kein Hindernis darstellen. Es folgt wieder eine Reihe Bootsschuppen, hier allerdings auf beiden Uferseiten. Die alte Eisenbahnbrücke ist an deren Ende so etwas wie eine äußere Stadtgrenze. Dann gibt es nur noch Natur.
Nach 1500 Metern biege ich in einen Dränagegraben ein. Es ist 9.00 Uhr, Zeit für das Frühstück. Der hohe Wasserstand im Frühjahr macht es möglich. Der Graben ist dadurch bis 500 Meter ins Land hinein befahrbar. Er endet abrupt vor einem Damm. Hier ist er so schmal, dass ich das Boot kaum wenden kann. In dieser kleinen Nische mache ich an einigen vergilbten Pflanzen des Vorjahres fest. Früher gab es den Damm nicht und man konnte ungehindert bis zu jenem weltvergessenen Torfgewässer fahren, das ich schon in der Geschichte vom Laubfrosch erwähnt habe. Später wurden an einigen Stellen Dämme angelegt, um der Landwirtschaft einen besseren Zugang auf die Grasflächen zu ermöglichen.
Das Frühstück gestalte ich mir auch bei diesem Wetter so angenehm es geht. Gegen die Kälte schützen dicke Füßlinge und ein gefütterter Nylonanorak. Der Kaffee wärmt mich von innen und der Becher meine Hände von außen.
Heute, am 25. April 1999, habe ich mir nun endlich die Erkundung der Teterower Peene von Neukalen bis zum Teterower See vorgenommen. Das war schon lange geplant, aber nie etwas geworden. Dabei hat die Verbindung zwischen Kummerower – und Teterower See eine Besonderheit, die es zum Malchiner See nicht gibt. Kurz vor dem Teterower See befindet sich nämlich ein Wehr, das man nicht so einfach überwinden kann. Wie es genau dort aussieht weiß ich nicht. Mal sehen wie der Tag weiterhin verläuft.
Nach einer Stunde fahre ich weiter. Das Wetter ist unverändert. Vom Dränagegraben biege ich nach links auf die Peene ein und tuckere gemütlich weiter flussaufwärts. Nach vier Kilometern erreiche ich kurz nach Karnitz das Lelkendorfer Wäldchen. Hier sieht es zumindest auf der rechten Seite sehr urwüchsig aus. Große Eichen stehen bis dicht ans Ufer. In der Tiefe des Waldes sind einige Bäume umgebrochen, andere strecken noch ihre dürren Äste in den Himmel. Es ist ein richtiger, wenn auch kleiner, Urwald der Niederung. Dass der Peeneabschnitt, von Neukalen bis hierher, durchgehend von Schilfrändern gesäumt ist, muss nicht extra betont werden.
Was wäre eine Erkundungsfahrt auf einem nicht schiffbaren Gewässer ohne Überraschungen? Das erbringt erst den Expeditionscharakter, der solchen Unternehmungen eine gewisse Dynamik verleiht. Und da ist sie auch schon, die erste Überraschung des Tages. Die Natur hält sich an keine Grenzen. Nicht nur im Inneren des Waldes sind Bäume umgebrochen, sondern auch am Ufer. Eine dicke Eiche liegt quer über dem Fluss. Mir fällt das Herz in die Hosentasche. Sollte etwa meine Fahrt hier schon zu Ende sein? Da habe ich mich nun bei dieser Kälte in aller Herrgottsfrühe aufgerafft, das Schlauchboot aufgebaut und dann so etwas.
Der Baum hat sich mit den unteren Ästen tief im Schlamm verkeilt. Wie das aussieht gibt es kein Weiterkommen. Wer sollte den Baum auch beseitigen. In dieser verlassenen Gegend interessiert sich kaum ein Mensch dafür, ob der Wasserweg frei ist oder nicht. Niemand scheint den Fluss als Zugang zum See zu nutzen. Trotzdem fahre ich erst einmal dicht heran, um die Sache genau zu untersuchen. Annähernd in der Mitte ist unter dem Baum ein wenig Platz. Durch diese Lücke strömt das Wasser, wegen des Düseneffektes schneller als sonst. Zum Grund hin gibt es glücklicherweise keine behindernden Äste. Ein wenig Hoffnung keimt in mir auf. Mit Motor einfach unter dem Stamm hindurchzufahren ist unmöglich. Das Schlauchboot an sich würde durchpassen. Ich lege mich so ziemlich flach auf die Bodenbretter und ziehe das Boot unter den Baum, aber der Motor eckt an. Also das Ganze wieder zurück. Nun kippe ich den Motor hoch und versuche es erneut. Auch in dieser Lage ragt er immer noch fünf Zentimeter zu weit über das Boot. Meine anfänglich schwache Hoffnung schwindet wieder dahin.
Aus der Ferne betrachtet, biete ich sicherlich einen kläglichen Anblick, so eingeklemmt unter dem Baum. Um mich herum gurgelndes Wasser. Ein kleines Stück tiefer müsste der Antrieb noch, dann könnte es klappen. Zu meiner großen Freude lässt sich der Motor über die höchste Rastenstellung hinaus noch etwas weiter anheben – eben gerade um die noch fehlenden fünf Zentimeter. Mit den Beinen halte ich den Motor und mit den Händen ziehe ich das Boot unter dem Stamm hindurch. Geschafft! Das war Maßarbeit.
Nachdem ich ausreichend Abstand zum Baum habe, kippe ich den Motor wieder ins Wasser und fahre weiter. Das hatte mit Ach und Krach gerade so geklappt. Bei dem Gedanken allerdings, der Wasserstand könnte im Laufe des Tages aus irgend einem Grund nur um fünf Zentimeter steigen, beschleicht mich ein ungutes Gefühl.
Die kleine Brücke, die Karnitz mit Lelkendorf verbindet, ist schnell erreicht. Wie immer blubbere ich nur mit Standgas darunter hindurch. Unter Brücken ist wegen Steinen prinzipiell Vorsicht geboten. Danach komme ich wieder gut voran. Auf der rechten Seite in Fahrtrichtung geht der Sumpfwald weiter. Links dehnen sich Wiesen aus.
Allmählich bessert sich das Wetter. Zum ersten Mal guckt die Sonne schüchtern durch die Wolken. Die Zeit für meine nassen Schuhe ist gekommen. Mit den Sohlen nach oben lege ich sie zum Trocknen auf den Sperrholzboden, daneben die umgekrempelte Plastiktüte. Es ist ein unbekanntes Gewässer auf dem ich heute unterwegs bin. Ständig habe ich Angst vor Grundberührungen, aber nichts geschieht.
Nach zwei Kilometern endet die Bruchlandschaft. Nun gibt es zu beiden Seiten des Flusses nur noch Wiesen. Eine weitere Brücke kommt in Sicht. Sie verbindet Pohnstorf mit Groß Markow. Dahinter verändert sich das Landschaftsbild nicht wesentlich. Allerdings geht die Wiese auf der linken Seite nach und nach in eine Sumpfregion über – daher wahrscheinlich auch das „t“ in Pohnstorf.
Nach reichlich einem Kilometer gabelt sich plötzlich der Fluss. Geradeaus müsste es, nach meinem Atlas, eigentlich in Richtung Tetero-wer See weitergehen und rechts zum Klein Markower See. Hier gibt es die zweite Überraschung des Tages. Die Weiterfahrt zum Tetero-wer See ist durch eine flache Fußgängerbrücke versperrt. Wegen des hohen Pegelstandes liegt sie derart niedrig über dem Wasser, dass es auch mit allen Kunstgriffen kein Durchkommen mehr gibt. Um die Fahrt fortzusetzen, wäre ein Umtragen, mit allem was dazu gehört, notwendig. Das muss ich mir nicht antun. Auch eine Erkundungsfahrt sollte nicht in Arbeit ausarten. Also biege ich in den nach rechts abzweigenden Peenearm ein. Vielleicht ist der Klein Markower See ganz interessant. Zumindest auf der Karte hat es den Anschein, als könnte man ihn mit dem Boot erreichen.
Nach circa 800 Metern erhebt sich vor mir die Straßenbrücke zwischen Groß Markow und Alt Sührkow. Vorsichtig fahre ich darunter hindurch. Hier gabelt sich erneut der Wasserlauf. Zum kleinen See muss ich mich rechts halten. Die Peene wird nun sehr schmal und die Fließgeschwindigkeit nimmt stark zu. Aufmerksam dirigiere ich das Schlauchboot mit 5 km/h gegen die starke Strömung. Das reicht aber zum Vorwärtskommen nicht aus. Ich muss noch etwas Gas geben.
Das Flüsschen ist jetzt nicht viel breiter als heute Morgen der Dränagegraben. Rings um das Boot flüchten Fische. Nach beiden Seiten ist nur noch ein halber Meter Platz. Und wieder drängt sich mir ein Vergleich mit Sachsen auf. Ich habe den Eindruck, auf dem Auenbach in meiner ehemaligen Heimat zu fahren. Zum Glück fehlen die dort vorhandenen Steine.
Nun kommt die dritte Überraschung des Tages, ich finde mich vor einem großen Betonrohr wieder. Irgendwie deprimierend, der ganze Fluss passt durch eine Röhre. Den kleinen See, den ich mir schon in Gedanken für die Kaffeestunde auserkoren hatte, gibt es nicht mehr. Wieder einmal werde ich unangenehm daran erinnert, dass mein Wasserwanderatlas bereits 1978 gedruckt wurde. Es hilft alles nichts, ich muss umkehren. Vor dem Rohr ist eine breitere Stelle. Dort kann ich wenigstens ohne Probleme wenden.
Auf dem Rückweg addieren sich Fließgeschwindigkeit und Fahrt durchs Wasser. Die Ufer rasen vorbei, mit Standgas bleibt das Boot verlässlich steuerbar. Einen kurzen Abstecher unternehme ich noch in den Sührkower Scheidebach. Auch hier muss ich nach wenigen hundert Metern aufgeben, um nicht im Schilf steckenzubleiben. Ein wenig missgestimmt fahre ich zurück, unterquere die Straßenbrücke und erreiche kurz danach wieder die niedrige Fußgängerbrücke.
Den rechten Erfolg hat es heute nicht gegeben. Der kleine See ist verschwunden und die letzten drei Kilometer bis zum Teterower See bleiben weiß auf meiner geistigen Landkarte. Bis auf diese drei Kilometer kenne ich nun den Verlauf der Peene zwischen Kummerower – und Teterower See. Damit bin ich aber nur einigermaßen zufrieden. Unschlüssig verharre ich in der Flussgabelung auf der Stelle. Wie soll es heute weitergehen? Der umgestürzte Baum fällt mir wieder ein. Sogleich ist auch das ungute Gefühl zur Stelle. Es könnte mir der Rückweg abgeschnitten sein, wenn das Wasser um wenige Zentimeter gestiegen ist.
Zügig trete ich daher den Heimweg an. Die Kaffeestunde wird auf dem Kummerower See stattfinden – so richtig schön mit Ausblick und so. Mit der Strömung komme ich gut voran. Nur die umgestürzte Eiche hält mich noch einmal auf. Der Wasserstand hat sich in der kurzen Zeit nicht verändert, ich überwinde sie mit der gleichen Prozedur wie am Morgen.
Über die zwei Kilometer von Neukalen bis zum See gibt es nicht viel zu berichten. Lediglich die letzten 200 Meter fallen, im Gegensatz zum Wiesenabschnitt, etwas interessanter aus.
Auf dem See biege ich schon vor den Tonnen ab und steuere eine meiner Lieblingsstellen an – die kleine Bucht rechts vorm Naturschutzgebiet. Hier habe ich nun alles was man zum Verweilen in der Natur braucht, ein ruhiges Plätzchen und einen schönen Ausblick. Sogar das Wetter meint es gut mit mir. Es ist sonnig und angenehm warm geworden. Den restlichen Nachmittag verweile ich geruhsam in dieser kleinen Bucht.
Wie man auf den Gewässern von Mecklenburg / Vorpommern auf angenehme Weise die Zeit verbringen kann, habe ich bereits an anderen Stellen hinreichend beschrieben.
Unter dem Strich kann ich nach der heutigen Fahrt feststellen, dass für Naturfreunde eine Reise von Teterow bis zum Kummerower See durchaus zu empfehlen ist. Allerdings müsste sie wegen des Wasserstandes und der Tendenz zum Verkrauten im Frühjahr sein. Das Boot sollte, um auf unvorhergesehene Hindernisse reagieren zu können, nicht zu groß ausfallen.