Veranstaltungstipps

 

Der Laubfrosch

 

Dr. Helge Nagel

 

   Natürlich habe ich in den vergangenen Jahrzehnten viele verschiedene Tiere gesehen.

   Nur wenige Arten habe ich gezielt gesucht. Meist waren die Beobachtungen rein zufällig.

   Nicht so bei der Sumpfdeckelschnecke, der Sumpfschildkröte und, man sollte es kaum glauben, auch beim Laubfrosch. Diese drei Tierarten habe ich über Jahrzehnte auf dem Gebiet zwischen Erzgebirge und Ostseeküste vergeblich gesucht.

   Bei den beiden Erstgenannten leuchtet das noch ein. Bei einem Frosch, könnte man einwenden, ist das recht verwunderlich. Überall hüpfen in den Wiesen und an Gewässern Frösche umher, daran ist doch nichts Besonderes.

   Und hier geht es schon los mit den Unterschieden. Der allen bekannte „Wetterfrosch“ gehört nämlich nicht zu den gängigen Rana - Arten, also den echten Fröschen, die an allen Tümpeln zu finden sind, sondern zur Familie der Baumfrösche (Hylidae).

   Mein lang gesuchter Hyla arborea laicht zwar auch im Wasser ab und entwickelt sich über die Zwischenstufe der kiemenatmenden Kaulquappe zum lungenatmenden Fröschchen. Aber damit enden, bis auf die Nahrungsaufnahme, die Gemeinsamkeiten.

   Das Interessante an diesem relativ kleinen Frosch, er wird nicht größer als maximal fünf Zentimeter, ist seine Haut. Sie ist lederartig und gewährleistet im Gegensatz zu den Ranidae einen hohen Verdunstungsschutz. So ausgestattet und in Verbindung mit kleinen Haftscheiben an Fingern und Zehen ist der Laubfrosch ein wahrer Kletterkünstler unter den heimischen Lurchen. Bei Hochdruckwetterlagen, daher die frühere Verwendung als Wetterfrosch, macht er seiner Familie, den Baumfröschen, alle Ehre.

   Auch wenn man jahrelang sucht, ganz ohne Zufall geht es selten bei Tierbeobachtungen. Wie kam es nun zur ersten Begegnung mit einem Laubfrosch?

   Es war am 28. März 2007. Das Wetter hätte schöner nicht sein können, eben ein richtiges Laubfroschkletterwetter.

   Auch uns, meine Frau und mich, hatte das liebliche Frühlingswetter ins Freie gelockt. Um dem noch recht frischen Ostwind zu entgehen, wanderten wir zur einer beschaulichen Stelle am Rande eines Wäldchens, wo man im Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen so richtig genießen kann. Dieses Fleckchen haben wir in all den Jahren gern aufgesucht. Kein Wunder also, dass sich dort auch die Geschichten „Der Schmetterling“ sowie „Die Rehe auf der Lichtung“ abgespielt haben.

   Der Weg dahin schlängelt sich an einer Böschung entlang, die nach nur wenigen Metern an einem Feld endet und ebenfalls nicht vom Ostwind erfasst wird. Schon von Weitem sahen wir etwas Grünes leuchten. Da haben doch die Kinder wieder einmal irgendwelches Plastikspielzeug einfach in die Botanik geworfen, entrüsteten wir uns. So unnatürlich blankgeputzt hellgrün schimmerte uns dieser Farbpunkt aus dem zu dieser Jahreszeit noch durchweg braunen Abhang entgegen.

   Die Entrüstung schlug jedoch in helle Begeisterung um, als wir unmittelbar davorstanden. „Ein Laubfrosch!“, rief ich überglücklich. Es war der erste überhaupt, den wir zu Gesicht bekamen. Dabei kann man uns beide getrost, wie es heutzutage heißt, zu den Uhus zählen.

   Er saß in 30 Zentimetern Höhe über dem dürren Laub auf einem Ast und sonnte sich. Das war wirklich kein Frosch wie wir sie sonst kannten. Mit seiner glänzenden, glatten Haut und der leuchtend hellgrünen Farbe sah er tatsächlich aus wie ein Spielzeugtier aus Kunststoff. 

   Verstohlen blickten wir uns um. So nahe am Weg, wenn er nun von Passanten entdeckt wird? Aber keiner der hinter uns Kommenden hatte einen Blick für die Natur. Alle gingen, ohne das kleine Tier zu beachten, vorbei. Am späten Nachmittag schauten wir auf dem Rückweg wie nebenbei zu „unserem“ Laubfrosch. Er saß noch immer an gleicher Stelle auf dem dürren Ast.

   Das Wetter blieb weiterhin schön und wir wanderten auch die nächsten Tage zu unserem windgeschützten Waldrand. Ein kurzer Blick im Vorübergehen bestätigte uns: „Der Laubfrosch ist noch da.“ Nach zwei Tagen saß er immer noch gut sichtbar dicht am Weg. Um ihn nicht mit den Fingern berühren zu müssen, warf ich ihn vorsichtshalber mit einem vorjährigen Brennnesselhalm behutsam von seinem Ast. Das zeigte Wirkung. Am nächsten Tag haben wir den kleinen „Grünling“ beinahe nicht mehr gefunden. Er war hangaufwärts geklettert und lugte nun nahe dem Feldrand aus dem dürren Gras. Wir waren zufrieden. Dort saß er ausreichend getarnt.

   Nach fünf Tagen kippte die Hochdruckwetterlage. Das nutzte ich für die letzten Arbeiten am Boot. Es sollte, wie jedes Jahr, so schnell wie möglich ins Wasser. Nicht weit von unserem Städtchen stand es in einer Scheune und träumte schon von sonnigen Sommertagen.

   Die kurzen Fahrten zum Boot sind immer wieder schön. Ganz wie man sich ein Anwesen in Mecklenburg / Vorpommern vorstellt, liegt das kleine ehemalige Bauerngehöft fern der Hauptverkehrswege verträumt zwischen den Welten. Weithin sichtbar ragt eine hochgewachsene Pappel aus dem Hof.

   Von der wenig befahrenen Straße abgewandt, schließt sich hinter dem Wohnhaus ein romantischer Garten mit einem Bienenhaus an. Ein an das Bienenhaus grenzendes Wäldchen rundet das Idyll ab. Dahinter befindet sich ein in Verlandung begriffenes Kleingewässer mit vielen in Mecklenburg vorkommenden Wasservögeln. Dass hier Schalenwild, Fuchs und Hasen zuweilen dicht am Garten stehen, bzw. durch den Garten wandern, möchte ich nur der Vollständigkeit halber erwähnen.

   Wie das so ist, wenn man oft am Boot arbeitet, ich kam mit den Besitzern dieser Oase ins Gespräch und platzte auch gleich mit dem entdeckten Laubfrosch heraus. „Laubfrösche sind doch nicht selten, die haben wir hier überall im Garten“, war die Antwort. Ich war sprachlos.

   Da sucht man nun sein halbes Leben nach dem kleinen Klettermax und hier gibt es ihn gleich in Massen. Sogar aus den oberen Ästen des großen, im Hof stehenden Nussbaumes, ist im Sommer ihr Quaken zu hören, wurde mir berichtet. Selbst vor Häuserwänden machen sie nicht halt. Einer überwand sogar die Glattflächen des Fensters und guckte am nächsten Morgen zutraulich aus dem Blumentopf.

   Wieso hatte ich in den letzten 50 Jahren keinen Laubfrosch gesehen, wenn er so häufig vorkommt? Hier konnte nur noch der „Stresemann“, Teil „Wirbeltiere“, weiterhelfen. Der Laubfrosch, steht dort geschrieben, ist in Deutschland in allen Landschaften verbreitet, aber nicht überall gleich häufig.

   Aha, nun wusste ich Bescheid, warum ich ein halbes Menschenleben lang nie einen Laubfrosch zu Gesicht bekam. An der ungleichen Häufigkeit hatte es also gelegen.

Warsower Weg - auf diesem Hang saß 2007 der Laubfrosch

Warsower Weg - auf diesem Hang saß 2007 der Laubfrosch.

 

 

Aus der Nähe betrachtet wirkt er tatsächlich wie ein Spielzeugtier aus Kunststoff

Aus der Nähe betrachtet wirkt er tatsächlich wie ein Spielzeugtier aus Kunststoff.