Vom 10.2. bis zum 12.2.1962 weilte die Klasse 7b aus Neukalen in Franzensberg
Der Vorteil und das Wesen dieser außerschulischen Einrichtung besteht gerade in der Kombination von emotionalen Erlebnissen in der Gemeinschaft mit einer ungezwungenen nachhaltigen Aneignung von Grundlagenwissen. Bestimmte Erkenntnisse und viele Eindrücke können in der Ruhe und Besinnlichkeit der Schullandheimatmosphäre am gründlichsten und tiefsten verankert werden. Den besten Beweis dafür liefern die 9 - 11jährigen, die heute ins Schullandheim nach Franzensberg fahren, selbst, indem sie uns von Erlebnissen berichten, die schon ihre Eltern als Schüler hier hatten.
Somit hat sich die Einrichtung in 35 Jahren einen festen Stand bei den Schülern, ihren Schulen bis in die Familien des heimatlichen Einzugsgebietes erworben. Auch wenn Erlebnisse und verschmutzte Hosen sich in den drei Jahrzehnten ähneln, ist ein Unterschied in den Bildungs- und Erziehungszielen während dieser Zeit nicht zu übersehen. Die Schullandheimarbeit wurde in Deutschland nicht nur während des Dritten Reiches politisiert und für den nationalsozialistischen Geist mißbraucht. Auch die sozialistische Bildungspolitik drückte den Tagesabläufen und -inhalten ihren Stempel auf. Regelmäßige Fahnenappelle, politische Diskussionen und die Traditionen der Arbeiterbewegung gehörten zum Programm der Pionierstation. So gibt es im ersten Belegungstagebuch am 18.5.1961 zum Beispiel die Eintragung, daß dem Pionier Harry Krautwurst von der Oberschule Jürgenstorf vom Stationsleiter ein Tadel ausgesprochen wurde, weil er innerhalb eines Tages mehrere Male gegen die Heimordnung verstieß. "Er hörte nicht auf die Anordnung der Erzieher. Am schlimmsten war, daß Harry während der Nachtruhe gelesen hat, dabei einschlief und somit über Nacht das geborgte Buch beschmutzte. Die Pioniergruppe hat beschlossen, daß Harry das Buch ersetzen muß, denn dieses Buch kann keinem anderen Pionier mehr geliehen werden."
Zitat aus einem Bericht von den Schülerinnen Edith Zawadski und Iris Wienhöft.
Strenge Sitten, aber mit Abstand betrachtet ganz amüsant.
Ein Vergleich mit heutigen Verhaltensweisen und Erziehungsmethoden wird interessant und aufschlußreich.
Obwohl sich die Bezeichnung "Pionierstation" noch lange in den Köpfen hielt, gab es um 1970 die Umbenennung zur "Station Junger Touristen". Es war die in der DDR landesweit übliche Bezeichnung dieser außerschulischen Einrichtungen neben Pionierhäusern und Technikerstationen. Der Bereich der Touristik gewann in den 70ger und 80ger Jahren an Bedeutung. Touristikkommissionen wurden an allen Schulen ins Leben gerufen. Für die Schüler galt es, die Bedingungen für das Touristenabzeichen zu erfüllen. Während der Sommerferien wurden jährlich 2 Wanderrouten um den Kummerower und Malchiner See organisiert, wobei an bestimmten Schulen Wanderstützpunkte eingerichtet waren. Dies erforderte neben der laufenden Belegung einen recht großen organisatorischen Aufwand. Aber neben den Leitern der Einrichtung Herrn Marx (1961 - 1965), Herrn Stoeck (1965), Herrn Puttich (1965 - 1968), Herrn Ludwig ((1969 - 1982), Herrn Dobber (1983 - 1990) und Herrn Dettmann (ab 1991) gab es immer pädagogische und technische Mitarbeiter wie Frau Gall, Herr Masan, Frau Marx, Frau Stoeck, Frau Ludwig, Herr Fiek, Frau Wendeborn, Frau Möbius, Frau Flöring, Herr Burgholte, Frau und Herr Slobodinuk, Frau Vandrey und Frau Ulbricht, die zur Bewältigung der Aufgaben beitrugen.
Aus Erfahrung kann ich sagen, daß sich unsere Einrichtung in dieser exponierten Lage nur mit entsprechenden persönlichen Einsatz und einer guten Portion Idealismus erfolgreich betreiben läßt. Besonders die Kinder, die ja den größten Anteil an den Belegungszahlen haben, verfügen über ein natürliches Gespür, ob jemand nur eine Pflichtkür absolviert oder ob er sich voll hinter eine Sache stellt und dafür brennt. Dann kann Begeisterung ansteckend sein.
Bei allem Elan der Mitarbeiter ist jede Kindereinrichtung jedoch immer abhängig vom jeweiligen Träger und in diesem Zusammenhang auch vom Anerkennungsgrad in der Gesellschaft.
Nicht immer gab es da rosige Zeiten für Franzensberg. Der anfängliche Schwung und Enthusiasmus, mit dem die Station errichtet und betrieben wurde, flaute zu Beginn der siebziger Jahre ab. "Sind im Kreis Malchin Pioniere Stiefkinder?" heißt es in einem "Freie Erde" - Artikel von 1975. Plötzlich schienen sich Fuchs und Hase in Franzensberg wieder "Gute Nacht" zu sagen. Die Station lag "verwaist, gesperrt von der Hygienekommission des Kreises. Der Grund: Schlechter Zustand der sanitären Anlagen ...
Wie konnte es überhaupt zu diesem "Notstand" kommen? Die "Station Junger Touristen" war alljährlich im Volkswirtschaftsplan des Kreises mit ausreichenden Mitteln für die Werterhaltung vermerkt, 1974 z. B. mit 10600 Mark. Doch in keinem der letzten vier Jahre wurde die Geldsumme vollständig verbraucht und nur selten für die geplanten Reparaturen angelegt. Statt des Daches wurde der Zaun instand gesetzt, an Stelle der Heizung die Kellertreppe. Der Grund: fehlende Baukapazität. So verfiel die Pioniereinrichtung Franzensberg von Jahr zu Jahr mehr".
Besagter Notstand konnte dann endlich 1983 durch eine beherzte Anbaumaßnahme beseitigt werden. Es entstanden zwei Waschräume mit Dusche. Spültoiletten ersetzten fortan die bisherigen Freiluftplumpsklos. Einigen ganz fanatischen Romantikern standen diese allerdings noch einige Jahre zur Verfügung.
Die Wasserversorgung war in Franzensberg ein ständiges Problem. Da es keinen Anschluß an eine zentrale Versorgung gibt, mußte man ständig in die eigene Hauswasserversorgung investieren. Dies erfolgte in beträchtlichem finanziellen Umfang. 1982 und 1987 ließ der damalige Rat des Kreises Brunnenbohrungen vornehmen. Mit diesen Investitionen hatte man sich von Seiten des Kreises endgültig für Franzensberg als außerschulische Einrichtung entschieden. Erfreulicherweise änderte sich nach der politischen Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands nichts an dieser wohlwollenden Einstellung der nachfolgenden Kreisverwaltung als neuen Träger und auch des Kreistages der Malchiner. Obwohl sich eine Reduzierung der Personalstellen von sechs auf drei nicht vermeiden ließ, konnte die Attraktivität der nun als "Waldschulheim" bezeichneten Einrichtung u. a. durch weitere Investitionen ständig verbessert werden.
Bedeutende Maßnahmen waren dabei die 1991 erfolgte Umstellung auf Gasheizung, der Bau einer vollbiologischen Kläranlage 1992, die Entlastung unseres Energiebedarfs durch eine Solar- anlage 1993 und der Einbau neuer Fenster 1994. Nach der Kreisgebietsreform im Sommer 1995 erfolgte die Umbenennung des Waldschulheimes in "Schullandheim Franzensberg". Der Landkreis Demmin trat die Rechtsnachfolge an und übernahm mit der Trägerschaft auch die schwierige Aufgabe, die durch versäumte Grundbucheintragungen nach der Bodenreform vom 5. September 1945 entstandenen Eigentumsprobleme im Sinne des Schullandheimes zu klären. Zum Ende des Jahres 1995 gab es endlich ein Aufatmen in dieser existenziellen Alles - oder - Nichtsfrage dank der Bemühungen der Mitarbeiter der Kreisverwaltungen Malchin und Demmin mit Unterstützung der Schullandheimleitung. Damit könnte das Signal für die Zukunft des Schullandheimes auf Grün stehen. Nicht nur die hohen Belegungszahlen und langfristige Vorbuchungen sprechen für den Bedarf unserer Kinder und Jugendlichen nach Freiräumen, schulalternativer Bildung, kreativer Freizeitgestaltung sowie sozialer und ökologischer Nischen in der Gesellschaft. Das bedrohliche Ansteigen der Jugendkriminalität und der zusehendliche Verlust an Mitmenschlichkeit und Wertachtung sind akute Zeichen, gegen die nicht als Feuerwehrmaßnahme mit mehr Justiz und Polizei gehandelt werden muß, sondern prophylaktisch besonders auch im Grundschulalter unserer Kinder. In diesem Sinne haben wir seit der Wiedervereinigung die Möglichkeit an alte wahre Schullandheimtraditionen anzuknüpfen. Unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen sollten Kinder in Franzensberg immer die Möglichkeit haben zum Singen, Spielen, Tanzen, Backen, Basteln, Wild zu beobachten, Frösche und Kröten zu schützen, Nistkästen anzubringen und auch zur Besinnung und Erholung.