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Das Kriegsende 1945

 

Nach einem mündlichen Bericht von Herrn Richard Rademacher

 

   Mein lieber Freund, ich bin gerne bereit, Dir zu erzählen, wie der letzte Tag der Naziherrschaft in Neukalen am 30. April 1945 aus meiner Sicht so verlaufen ist.

 

   Ich war damals im Landratsamt Malchin beschäftigt. Mein Büroleiter stand morgens am 30. April um 7.15 Uhr mit der Aktentasche in der Hand vor mir und sagte: "Wir müssen nach Malchin." Worauf ich ihm sagte: "Lieber Herr, gucken Sie mal in Richtung Malchin." Da stieg schon der Rauch über dem Wald auf. Die Russen hatten bereits Malchin angesteckt. Wir wußten zwar nicht, daß Malchin brannte, aber vor unseren Augen liefen bereits die fliehenden Soldaten vorbei. Wer Soldat gewesen ist, der wird wissen wie es aussieht, wenn eine Wehrmacht flieht. Es fuhren auch Lastzüge der Wehrmacht vorbei, auf denen Flüchtlinge saßen. Die Wagen waren teilweise aneinandergehakt, da der Brennstoff knapp war. Auf einem Mal kamen Jagdflieger. Ich stand mit Günter Groth bei uns auf dem Hof. Wir sahen, wie einige Bomben in Richtung des Schulhofes herunterfielen, eine Bombe fiel in Richtung der Scheunen, die rund um Neukalen standen, und eine Bombe fiel in die Wallstraße; wobei ein Soldat, dessen Identität nicht festgestellt werden konnten, da seine Papiere weg waren, ein Opfer des letzten Kriegstages wurde. Die Scheunen gerieten in Brand und brannten lichterloh. Die Feuerwehr war nicht hier, da der Feuerwehrchef mitsamt Auto geflohen war. Der Volkssturm war schon acht Tage vorher aufgelöst worden. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP war ebenfalls geflohen.

 

   Da tauchte plötzlich noch ein Hauptmann der Wehrmacht bei meinem Vater auf und fragte ihn, ob er Leute zusammentrommeln könnte, die bereit wären, die Neukalener Peenebrücke zu zersägen. Die Brücke bestand ja damals aus Holz. Sie sollte zersägt werden, damit die Russen nicht weiterkämen, wenn sie bis Neukalen heranrückten. Da schickte dieser Hauptmann mich mit dem Fahrrad zu einem Kommandeur nach Schlakendorf. Im Herrenhaus von Ahlers hielt der Wehrmachtsführer Oberst von Bülow sich auf. Ich sah aber, wie links und rechts von mir schon die Koffer weggetragen wurden und draußen vor der Tür ein Militärauto beladen wurde. Es sah direkt nach Flucht aus. Er schrie mich an, ich solle den Volkssturm zusammentrommeln. Ich sagte: "Herr Oberst, der Volkssturm ist nicht mehr da." "Dann rufen Sie den Ortsgruppenleiter." "Ist nicht mehr da." "Dann rufen Sie den Bürgermeister." "Der ist auch nicht mehr da." "Ja, dann müssen Sie sehen, daß die Brücke irgendwie zersägt wird. Wenn Sie das nicht erfüllen, laß ich die Artillerie auf Sie richten!" Ich muß hierzu bemerken, im Gartsbruch war ein Teil der deutschen Artillerie untergebracht. Der Ort war voller Flüchtlinge. Ich sagte dem Oberst: "Herr Oberst, in unserem Ort befinden sich über dreitausend Flüchtlinge. Sie können doch nicht verantworten, daß die Artillerie auf unseren Ort schießt." "Ja, das geht nicht anders, und wenn Sie nicht wollen ..." Dann schmiß er mich raus. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und überlegte, was ist nun zu tun. Während ich noch überlegte, was zu tun sei, sauste der Herr Oberst mit hoher Geschwindigkeit mit seinem Wehrmachtauto vom Typ "Horch" an mir vorbei. Da dachte ich, aha, der Herr ist abgehauen. Nun überlaß ich uns unserem Schicksal. Meinem Vater gelang es inzwischen, dem Hauptmann einige Schnäpschen einzuträufeln. Er wurde dann auch gesprächig und setzte sich mit dem Oberleutnant aus dem Gartsbruch auseinander, daß er die Artillerie nicht auf uns richten solle. Mit einem Mal stürmten viele Soldaten mit zerrissener Kleidung, Maschinengewehre und Gewehre auf dem Rücken, zu Fuß an uns vorbei. Durch Neukalen ging der Satz: "Steckt die weißen Fahnen raus." Ich weiß nicht, wer das rausgebracht hatte, jedenfalls lief es durch Neukalen: "Witte Bettlaken ruthängen!" Da tauchte am Kirchturm eine weiße Flagge auf. Wir hingen auch unser Bettlaken heraus. Auf einmal war Neukalen in weiße Flaggen gehüllt. Russische Jäger kamen an und drehten ab, wahrscheinlich haben sie die weißen Flaggen noch respektiert.

   Ich möchte bemerken, wir hatten bei uns vor der Tür das Pech, daß ein Wehrmachtswagen liegengeblieben war. Die Leute auf dem Wehrmachtswagen mußten sich nun selbst helfen. Er hatte zehn Fässer Benzin geladen, und diese Fässer hatte man bei uns in den Garten gerollt. Wir saßen vor Angst in unserem eingerichteten Luftschutzkeller. Da saß ich nun mit Günter Groth, Vater Kottke und Frau Stemmwedel mit ihrem kleinen Kind. Hinzu kamen später noch Luftnachrichtenhelferinnen. Die kamen zu uns und fragten meinen Vater aufgeregt: "Herr Doktor, was machen wir bloß? Unsere Höheren und unser Führer sind weggelaufen". Die Mädchen waren bei Kottke untergebracht und in Stich gelassen worden.

 

   Nun schickte mein Vater mich mit unserem alten DKW und einigen Mädchen in Richtung Schorrentin zu der Wache, die sich gegenüber von Schönkamp befand, um für die Mädchen noch schnell Bettwäsche, Matratzen und Decken zu holen. Und überall ballerte das schon. Das war ein furchtbares Gefühl, man würde beschossen. Ich kam mit dem DKW und den Mädchen aber unbeschädigt wieder bei uns an. Da stopften wir alle Mädchen in unser Wartezimmer. Sie wurden als alte Frauen verkleidet und bekamen alle Kopftücher um. Vor ihnen auf ein Bett wurde der alte Kottke gelegt und davor Frau Stemmwedel mit ihrem Säugling. Wir hatten noch sechs Soldaten bei uns, die in den letzten Stunden angekommen waren. Es war noch nicht dunkel, und sie sagten: "Was sollen wir machen? Wir haben gehört, die Russen kommen von Pisede aus rüber nach Neukalen. Die drüben am See bei Verchen stehen, werden wohl bei der Aalbude rüberkommen. Nun kommen wir allmählich in die Zange." Da hat mein Vater diese Soldaten in das Krankenhaus gebracht und hat ihnen Fieberspritzen gegeben, so daß sie aussahen, als wenn sie Typhus hätten. Einer von denen konnte auch russisch. Mein Vetter und sein Freund waren als Offiziere hier im Reservelazarett Malchin und wollten versuchen, sich nach Westen durchzuschlagen. Sie wollten sich nicht den Russen ergeben.

 

   Gegen Abend hatte sich die Lage sehr zugespitzt. Wir wußten nicht mehr, was wir machen sollten. Man sah ja draußen die Landser vorbeifliehen. Die gaben uns noch Zigaretten und Schnaps, was sie nicht schleppen wollten. Einige sagten, das habt ihr richtig gemacht, ihr wollt Euch nicht kaputtschießen lassen. Herr Specht kam mit der Lederjacke aus dem Haus: "Wat moken wi nu, Richard? Wo will'n wi nu hen, Dokter?" Ja, was sollten wir nun machen? Wir konnten nicht weglaufen. Wir hatten nur gehört, daß Schlachter Glasow abgehauen war mit dem Auto. Er ist nicht weit gekommen, wie wir später hörten. Das Auto haben die Russen geklaut. Auch Martin Bohn war abgehauen mit seinem DKW. Viele waren in die Judentannen geflüchtet, weil sie glaubten, da sind sie vor dem Krieg sicherer, als wenn sie in Neukalen blieben. Mein Vater brachte meine erkrankte Mutter nach Klein Markow. Er hatte noch Glück und kam durch. Er glaubte, daß Mutti auf dem Dorf besser untergebracht war, als in Neukalen. Das sollte sich später als großer Irrtum erweisen. Auf den Dörfern war man den Russen viel mehr ausgeliefert, als hier in Neukalen.

 

    Mein Vater beschloß dann: "Ich bin Arzt, ich bleibe hier, ich geh nicht weg". Wir hatten noch Patienten im Krankenhaus. Mein Vater hatte auch einige Russen im Krankenhaus liegen, die er mit Hilfe der Schwester Katrin sowie der Gemeindeschwester Agnes aufgepäppelt hatte aus einem Gefangenenlager.

 

   Wir waren nun alle aufgeregt. Was sollen wir tun? Ich hatte mir Brot besorgt, in die Tasche gesteckt und gedacht, wenn die mich mitnehmen, habe ich wenigstens Brot. Dazu noch eine Wurst. Dann standen wir da auf der Straße. Mein Vater lief in seinem weißen Kittel herum, mit seiner alten Pfeife im Mund. Die Leute fragten: "Doktor, was sollen wir machen?" Bäcker Specht haute ab mit seinen Leuten in die Judentannen, andere auch. Wir blieben zu Hause und gingen in den Keller. So saßen wir nun zusammen mit den Mädchen, den Luftnachrichtenhelferinnen, bei uns im Keller, dazu die Familie Kottke, Günter Groth und ich. Wir hörten schon das Schießen der Kanonen, welches immer näher kam.

 

   Morgens um 4.00 oder 4.30 Uhr versuchte meine Schwester Carola mit einer Luftnachrichtenhelferin durch das Tor zur Bahnhofstraße zu gehen, um auf die Straße zu sehen. Und da kamen Russen. "Stoi ...", haben die bloß gesagt und die Mädchen verscheucht. Das war man gut, sie hätten ja auch etwas anderes machen können. Da kamen sie in den Keller und riefen: "Die Russen sind da!" Mensch, haben wir einen Schreck bekommen! Nun sind die Russen da! Was kommt nun? Greueltaten hatte man ja genug gehört, die die Russen gemacht hatten. Was kommt jetzt auf uns zu?

 

   Als es Morgen wurde, klopften die Russen an unsere Haustür. Mein Vater ging nach oben, Günter Groth und ich auch. Wir machten das Tor auf. Da standen halbbesoffene Kommissare vor uns mit Maschinengewehre. Wir mußten die Tür aufmachen. Vater mußte seinen Geldschrank öffnen, in welchem er Silberzeug von anderen Leuten hatte. Das haben die Russen dann mitgenommen.

 

   Das war das Kriegsende, aus meiner Sicht, in Neukalen. Mit dem Einmarsch der Roten Armee begann das Chaos. An diesem Tage liefen tausende Russen bei uns herum. Wir dachten immer, haben die denn gar keine Ordnung bei ihrer Wehrmacht? Verstehen konnten wir sie nicht. Unser Haus wurde gleich beschlagnahmt. Da wollten sie mit vierzig Personen feiern. Mich wollte eine Kommissarin vergewaltigen; sie werden lachen, aber es ist wahr. Mein Vater rief: "Hau bloß ab!" Da bin ich bei den Mädchen unter die Betten gekrochen. Die Kommissarin kam immer hinter mir her: "Wo ist junger Mann mit Brille?" Nun war ich aber verschwunden. Dann haben vierzig Offiziere unten und vierzig Unteroffiziere oben im Haus gefeiert und gesoffen. Da wir kein Licht hatten, stellten die Russen ein eigenes Aggregat zur Stromerzeugung auf. Wir haben Schnaps gemischt, also ich kann euch sagen, da war was los. Und dann standen sie nachts da mit ihren von der Wehrmacht geklauten Taschenlampen, die man mit einem Dynamo bedienen kann, im Wartezimmer: "Wo Matka ist, Matka ist?" Weil die Mädchen nun so verkleidet waren wie alte Frauen: "Nix gut, nix gut". Raus! Da waren wir sie erst einmal los.

 

   Nun begannen die Plünderungen. Die durchziehenden Truppen plünderten nicht so restlos, wie der nachfolgende Troß. Die Kampftruppen mußten ja weiter. Das merkten wir auch, als sie abzogen.

 

   Nun war einer der Soldaten, die mein Vater im Krankenhaus hatte, auf den Gedanken gekommen: "Doktor, schreib doch Typhus an! Die Russen haben Angst vor Seuchen." Da haben wir in russisch Typhusschilder gemalt und sie am Ortsausgang nach Dargun und Malchin aufgehängt. Da sind die Russen abgehauen. "Hier Seuche, weg, weg!" Da ließ man nur eine Kommandantur in Neukalen, und die meißten Russen waren wir dadurch los.

 

    Die Plünderei an sich dauerte mehrere Tage. Ich mußte einen Russen zur Apotheke bringen. Da sah ich, wie bei Frau Wagenknecht die Lebensmittel durch das Fenster flogen. Pudding, Zucker - alles, was so gehortet war, flog auf die Straße. Bei Martin Bohn standen die Deutschen mit den Russen auf dem Ladentisch und klauten die Klamotten. Da beobachtete ich etwas Lustiges: Während sich ein bekannter Neukalener bei Martin Bohn auch Sachen besorgte, sah ich wie die Russen aus seinem Haus mit einem Sack herauskamen. Da hatten sie auch geklaut.

 

   Ich mußte also zur Apotheke gehen, aber der Apotheker Creutz hatte sich schon das Leben genommen. Den hatten die Russen so geschlagen, weil sie Alkohol haben wollten. Da hat der Mann Gift genommen und alle seine Tiere, Hunde und Rehe, welche er im Hause hatte, mitgenommen in den Tod. Die fanden wir alle und mußten dort aufräumen.

 

   Die Russen kamen zu uns in das Haus mit drei Generalärzten und drei Dolmetscherinnen. Sie fragten meinen Vater: "Warum du hier?" "Ich bin Arzt." "Wir nicht glauben, daß Du Doktor. Überall, wo wir gewesen, kein Arzt! Nicht Stavenhagen, nicht Malchin." Hierzu möchte ich bemerken, der Doktor Rottmann in Malchin hatte sich das Leben genommen, die anderen waren geflüchtet. Nun fanden die Russen zum ersten Mal einen Arzt. Da mußte mein Vater, ob Sie es glauben oder nicht, sein zweites Staatsexamen ablegen. Das dauerte von morgens um 9.00 Uhr bis mittags um 13.00 Uhr - vier Stunden. Ich bin dabei gewesen. Mich fragten sie: "Was Du machen?" "Ich bin Sanitäter." Da mußte ich verbinden - so tun als ob. Mein Vater wurde nach allem Möglichen gefragt: Nach Tabletten, wieviel Arten von Typhus er kennt, ob er Röntgenbilder lesen könne (wir hatten ein Durchleuchtungsgerät) usw. Wie sie fertig waren mit meines Vaters Prüfung, da sagten sie: "Wir nicht verstehen. Deutsche Arzt - alles wissen. Wir nur Kopf, Bauch oder Füße." Sie waren nur Spezialisten. Einen Allgemeinarzt kannten sie nicht. Da bekam mein Vater einen großen Stempel für das Haus. Das Papier, mit dem russischen Stempel so groß wie ein Kochtopf, mußten wir ankleben. Wir haben dann einen Soldaten geholt, der uns das übersetzte. Es hieß auf dem Papier, daß mein Vater im Namen der Roten Armee hier tätig sein dürfe.

 

   Plötzlich hörte ich, daß Werner Westpfahl Bürgermeister werden soll und Otto Sänger Bürgermeister werden soll und Hans Getzin und Piepkorn und Hermann Iben und andere. "Oha," dachten wir, "wat nu woll kümmt."

 

   Dann hörte das Plündern allmählich auf. Es wurde eine Kommandantur eingerichtet in der Gestalt, daß das Neukalener Rathaus geräumt werden mußte. Das wurde alles im Hotel Seemann untergebracht. In Seemanns Gaststube war der Arbeitsraum für den Magistrat mit dem Einwohnermeldeamt und allen Schreibtischen. In das Rathaus zog der russische Kommandant mit seinen Leuten ein. Vor dem Rathaus stellten die Russen zwei Sessel auf, da saßen sie drin. Uns kam das komisch vor, daß Soldaten da herumsitzen. Auf den geklauten Schallplattengeräten ließen sie den ganzen Tag das Lied abspielen: "Wir fahren gegen Engeland." Das war für uns natürlich ein komisches Gefühl. Dann haben die Russen uns auch die Fahrzeuge geklaut. Mit meinem Motorrad fuhren sie gegen das Rathaus, da war es kaputt. Auch mein Fahrrad wurde geklaut, das Schloß wurde einfach abgehauen. Sie haben jedenfalls alles mitgenommen, was nicht niet- oder nagelfest war. Sehr scharf waren sie auf Eisenbahnerhosen, weil diese rote Biesen hatten. Wenn die russische Artillerie durch die Stadt fuhr, dann saßen die Soldaten zwischen den Kanonen auf Sessel, die sie geklaut hatten. Das kam uns ja alles komisch vor. Vor allem die Uhren - Uri, Uri, Uri - wurden überall geklaut. Wir hatten ja keine Uhren mehr. Ich hatte meiner Mutters goldene Armbanduhr in die Regentonne geschmissen. Nach Monaten haben wir sie wieder herausgeholt - sie lief noch. Außer der Kirchturmuhr haben die Russen wohl alle Uhren in Neukalen geklaut.

 

   Leider muß ich nun auch die ernsten Sachen erzählen. Viele Neukalener und Flüchtlinge sind aus Angst und Verzweifelung in den Freitod gegangen. Einige hätten es nicht nötig gehabt, wie man hinterher weiß. Aber wer weiß das schon. Ich weiß auch, daß ein Bauernehepaar, welches in der Chausseestraße wohnte, in den See gegangen ist.

 

   Mein Vater hat bei vielen Frauen, die von Russen vergewaltigt worden waren, Küretten vorgenommen. Die Vergewaltigungen unserer Mädchen und Frauen waren das Schlimmste; die gingen bis zur Großmutter, da kannten die nichts. Das war schlimm - sehr schlimm. Mein Vater hatte uns, mir und meiner Schwester, und sich selber Giftkapseln zugesteckt. "Wenn es ganz schlimm kommt, dann beißt rein." Es war wirklich schlimm, denn wir hatten ja niemanden, der uns beistand.

 

   Nachdem sich die schlimmen Vergewaltigungen und Plünderungen beruhigten (die Russen hatten einige Tage Plünderungsrecht), kam die Einrichtung der Kommandantur, und das Leben begann sich zu normalisieren. Die Bürger gingen wieder auf die Straße. Man sah sich wieder gegenseitig. Wir hatten uns ja tagelang vor Angst gar nicht sehen lassen.

 

   Dann kamen die Russen bei meinem Vater an und wollten behandelt werden. Sogar russische Generäle aus Stettin kamen hier an. "Warum wollt ihr von mir behandelt werden?" "Ja, Gefangene sagen, dicker Doktor choroscho." Das muß ich noch erwähnen: Die Russen haben sofort am 1. Mai alle Gefangenen, Polen und Russen, antreten lassen. Die sechs aus dem Krankenhaus fielen auf, da sie gut ernährt waren. "Wo ihr gewesen?" Da haben diese natürlich erzählt, der dicke Doktor hier hat uns gepflegt. Dadurch hatte mein Vater bei den Russen ein Stein im Brett, wie man so sagt. Aus unserem Sprechzimmerbereich wurde nichts gestohlen. Nachdem mein Vater geprüft war, war er anerkannt und durfte sogar Russen behandeln.

 

   Es passierte natürlich in diesen Tagen neben dem Traurigen auch manches Lustige in Neukalen. Man lachte darüber, was die Russen für Mist gemacht haben. Einige konnten kein Fahrrad fahren. Sie wußten nicht, wie sie sich d'raufsetzen sollten, sie saßen auf dem Lenkrad oder sonst wo. Ja, es ist wahr, man lacht heute darüber. Sie wußten es nicht. Beim Uhrmacher Haacker erlebte ich, daß Russen hereinkamen, die auf dem linken Arm zehn Armbanduhren hatten und zu dem alten Haacker, der ganz verzweifelt war, sagten: "Du reparieren, Maschinist kaputt." Haacker mit seiner Lupe untersuchte die Uhren, "ja, ja, ich werde versuchen, die Uhren heil zu machen." Als die Russen raus waren, sagte Haacker zu mir: "Die Uhren sind bloß nicht aufgezogen." Auch das muß man erzählen, denn es gehört zu dem Gesamtbild dieser Zeit. Martin Bohn mußte den Russen zeigen, wie Auto gefahren wird mit seinem DKW. Dann haben sie ihn rausgeschmissen und fuhren mit seinem Auto ab.

 

   Der Kommandant soff so gerne und hatte morgens immer einen Kater. Er kam bei meinem Vater an und wollte Tabletten dagegen haben. Da sagte mein Vater, daß die Leute nichts zu essen hätten. "Faschisten nix essen," schimpfte der Kommandant. Er hat dann aber unterschrieben, daß wir wenigstens ein halbes Pfund Butter und Brot für die Woche bekamen. So hatte mein Vater ihn mehrmals erpreßt mit den Tabletten.

 

   Zu uns kamen auch viele Russen, die geschlechtskrank waren und Tabletten haben wollten. Wir forderten dafür Fleisch, was wir aber verschenkten, da wir gar nicht alles allein aufessen konnten. Manchmal kamen die Russen auch mit Sachen an und wollten dem Doktor etwas Gutes tun. Wir sagten zwar Dankeschön, aber das haben wir nicht gegessen - das konnte man gar nicht essen. Man wußte nicht , was damit geschehen war.

 

   Ich wollte nicht mit der Schaufel arbeiten gehen, das gebe ich ehrlich zu. Günter Groth sagte: "Wat moken wi bei nu?" Da gingen wir einfach frech zu den neuen Machthabern in's "Rathaus" bei Seemann. Da fragte Werner Westpfahl mich: "Wat wist Du hier?" "Tja, wie wull'n bäten schrieben und juch helpen." "Ji kümmt ganz gaud, dat könnt ji maken, hier könnt ji schrieben. Rademacher, Du krist dat Inwohnermeldeamt und denn Disch un Günter Groth kricht denn Disch un Otto Sänger wart Sekretär." Draußen an der Tür hatte er angeschrieben: "Stadtsekrekretär". Wir haben darüber gelacht. Dann wurden von den neuen Machthabern alle Anordnungen immer in bestimmten Kästen in der Stadt bekanntgegeben. Dabei fällt mir eine lustige Sache ein. Da sollten die Bürgermeister zum ersten Mal frei gewählt werden. Da hatten sie folgenden Text aufgesetzt, den ich hier noch wörtlich wiedergeben kann: "Alle Kühe werden eine Stunde früher gemolken, um eine Beteiligung an der Bürgermeisterwahl zu ermöglichen." In ganz Niekalen hemm's lacht, dat kannst die vörstellen!" Das haben wir so stehen lassen.

 

   Dann fanden die ersten demokratischen Versammlungen bei "Dahms" statt. Das waren die reinsten Fernsehshow's, die sich da abspielten. Werner Westpfahl stand auf der Bühne und einige fragten: "Worüm bist Du hier?" "Ja, ick bünn hier hacken blewen." Viele Flüchtlinge gingen ja hin, weil das Unterhaltungswert hatte.

 

   Nach einem halben Jahr brach in Neukalen die Typhusseuche aus. Typhus ist ja eine Schmutzkrankheit, wie man weiß. wovon sollten die Leute auch sauber sein? Wir hatten ja keine Seife, kein sauberes Wasser und so weiter. Die Russen meinten: "Iii, Typhus nix gut." Da wurde im Restaurant Haase, heute Standort der katholischen Kirche, eine Typhusstation errichtet. Alle Typhuskranken mußten da hin.

 

In diesem Haus wurden nach 1945 viele Typhuskranke untergebracht (Foto von 1979)

 

In diesem Haus wurden nach 1945 viele Typhuskranke untergebracht (Foto von 1979)

 

 

   Ich selber hatte schon Typhus gehabt, meine Schwester auch. Meine Cousine, die zu uns geflüchtet war, ist leider noch an Typhus gestorben. Meine Schwester und ich haben es überstanden. Und da hat mein Vater als Arzt mich gezwungen, den Leuten zu helfen. Keiner wollte es sonst machen. Maurer Gustav Penzlin aus der Bahnhofstraße und ich, wir beide haben auf einem zweirädrigen Krankenwagen, auf welchen man die mit einer Zeltplane versehene Bahre hinaufheben konnte, die armen Menschen - vorwiegend Flüchtlinge, denn Neukalen war voller Flüchtlinge - in die Typhusstation gebracht. Viele, die wir dort hingekarrt haben, sind nie wieder gekommen. So mancher ist uns in den Armen gestorben. Wenn wir sie hinlegten, waren sie schon gar nicht mehr am Leben. Keiner weiter war aus verständlichen Gründen bereit, diesen Dienst zu machen. Ich konnte es machen, weil ich schon Typhus hatte. Zweimal bekommt man es so schnell nicht wieder. Gustav Penzlin sagte noch zu mir: "Dor in de Kist krist Du mi nich rin." Ich sagte: "Täuw af." Und eines Tages mußte er auch in die Typhusstation. "Nu möst Du doch instiegen." "Hest mi doch kregen", sagte er. Das ging bis April, dann klang das Typhusfieber ab. Mein Vater wußte nicht, wo er die Medikamente herbekommen sollte. Paratyphus ist eine Krankheit der Därme und kann nur geheilt werden, indem die Leute wenig essen, damit der vereiterte Darm nicht arbeitet. Wovon sollten die Leute die Kräfte hernehmen, sie hatten ja vorher nichts zu essen bekommen.

 

   Verwaltet wurde Neukalen mit Hilfe unseres verehrten Herrn Kruse, dem ehemaligen Stadtsekretär, der leider auch den furchtbaren Weg gehen mußte, den viele unserer Bürger gehen mußten, die dann nach Fünfeichen gebracht wurden und von denen viele nicht wiederkamen. Das war das unmenschliche an dieser Sache. Stadtsekretär Kruse hat noch dafür gesorgt, daß die Neukalener Lebensmittelmarken bekamen und daß Geld verteilt wurde. Da wurde festgesetzt: ungelernter Arbeiter 30 Pfennig, Geselle 60 Pfennig, Doktor und Meister 90 Pfennig. Mein Vater hat auch erstmals Lohn bekommen als Arzt, nämlich 90 Pfennig. Das klappte auch einigermaßen. Wer arbeitete, bekam dann auch Lebensmittelmarken.

 

   Schlimm waren die politischen Anschuldigungen. Mein Vater ist von vielen Menschen leider denunziert worden bei der GPU. Der GPU - Oberleutnant kam zu uns in die Wohnung und sagte: "Doktor, Du nicht kommen zu mir, denn Leute sagen, Du immer bei GPU. Warum Leute Dich immer anschmieren?" Das wußten wir nicht. Eines Tages suchten sie denjenigen, welcher meinen Vater immer anschmierte, der wurde auch gefunden, dessen Namen möchte ich aber hier nicht erwähnen.

 

   Die Russen waren ja auf der einen Seite wie kleine Kinder. Sie waren verspielt. Ich kann mich noch erinnern, mein Vater wurde zum Kommandanten gerufen, und der hatte einen Zylinder gefunden. Den hatte er auf, und wir lachten ja darüber. Da hat mein Vater ihm gezeigt, wie man ihn auf- und zuklappte. "O, choroscho," da haben sie den ganzen Tag mit gespielt wie die kleinen Kinder. Eines muß ich noch erwähnen, die Russen sind, soweit ich es sehen konnte, zu Kindern selbst gut gewesen und haben ihnen nichts getan.

 

   Mein Vater war ja als Arzt bei den Russen zugelassen. Wenn die Russen auf Jagd gingen, kamen sie vorgefahren mit einem geklauten Auto: "Doktor mitfahren!" Meine Mutter hatte immer Angst. Man wußte ja nie bei den Russen, wenn jemand mitging, ob er auch wiederkommt. Sie waren ja unberechenbar. Nach zwei Tagen kam mein Vater wieder in der Uniform eines russischen Oberst. Und der Russe hatte meines Vaters Klamotten an. Wir fragten, was ist denn nun los: "Doktor choroscho, wir gewesen auf Jagd." Da sind die bis nach Schwerin auf Schweinejagd gewesen. "Warum habt Ihr den Doktor mitgenommen?" "Ja, wenn Kamerad schießen jemand kaputt - Doktor dabei." Mein Vater hatte sechs Flaschen Schnaps dafür geschenkt bekommen.

 

   Mein Vater bekam am 1. Weihnachtstag Flecktyphus. Weit und breit war kein Arzt. Wer versorgte jetzt die vielen Typhuskranken, auch die Bürger und Flüchtlinge hier? Gottgewollt muß es sein, es tauchte ein Herr Dr. Krönke hier auf. Er hatte eine Assistentin, Frl. Rottmann, deren Schwester in Neukalen wohnte. Er war Internist in Berlin, Facharzt für Inneres. Der kam zu mir in das Wohnzimmer: "Gestatten, ich bin Dr. Krönke. Ich habe gehört, der Kollege hier im Ort ist krank. Ich suche hier meine Sachen bei Frl. Rottmann. Ich bleibe solange hier, bis der Kollege gesund ist. Das war wirklich Gottes Fügung. Die Bürger und Flüchtlinge hatten einen Arzt, der sie versorgen konnte, und auch mein Vater hatte einen Arzt, einen Kollegen, der ihn auch versorgen konnte.

 

   Die Russen hatten nun auch gehört, Doktor krank, nicht gut. Sie kamen in voller Montur bis an's Bett und ließen sich nicht abweisen: "Doktor sehn, Doktor sehn". Und dann schleppten sie alles ran, was sie geklaut hatten: Zucker, Fleisch und Brot. Da konnten wir ja nichts dafür. Der Doktor sollte wieder gesund werden. Da muß ich sagen, daß sie durch die Sachen, die sie uns gebracht haben, meinem Vater geholfen haben, gesund zu werden. Wenn ich das nicht erwähnen würde, gäbe es ein schiefes Bild.

 

   Der Russe hat zwei Seelen: Die eine ist das unheimlich Gefühlvolle, das merkt man ja auch in ihren Liedern, das Tragische, Melancholische, Schwere. Auf der anderen Seite dieses Aggressive, das Brutale. Dieses beides wohnte den Russen inne, das haben wir auch zu spüren bekommen. Als der Kommandant mal sagte, Neukalen muß tanzen, da war bei "Dahms" der erste Tanz. Da wurden ein paar alte Leute geholt, die mit der Treckfidel ziehen konnten und denn wurde getanzt. Ihr werdet lachen, da wurde getanzt, und die Russen haben mitgetanzt. Mein Vater durfte nach einem halben Jahr keine Russen mehr behandeln, das war dann verboten wegen der Verbrüderungsgefahr. Die Russen mußten wieder zu ihrem Doktor hin, und da sagten die Russen zu meinem Vater: "O, nix mehr kommen dürfen. Dicke Doktor choroscho." Mein Vater sagte: "Ihr müßt zu Eurem Doktor gehen." "Russki Doktor nix gut." Mein Vater hatte sie auch manchmal krankgeschrieben, wenn sie mal keine Wache schieben wollten. Manchmal haben sie uns auch zu etwas Benzin verholfen.

 

   Zum Schluß möchte ich nur sagen, für alle, die es nicht erlebt haben und nicht hier sein mußten: Mit dem Einmarsch der Roten Armee bei uns geschahen furchtbare Stunden, allein die Vergewaltigungen, die Plünderungen, die Schläge, die sinnlosen Verhaftungen ohne Richter, ohne Rechtsanwalt und dann, der Russe nahm uns alles. Er nahm auf den Gütern die Kühe weg, ich bin selbst noch Kuhtreiber gewesen und mußte für die Russen Kühe mit dem Maschinengewehr nach Malchin treiben, begleitet von Russen.

 

   Die Milch ließ man in die Peene laufen, aber die Mütter bekamen nicht mal Milch. Und ich möchte so etwas in meinem Leben nicht wieder erleben. Das kann ich in Worten nicht wiedergeben, wie schrecklich Neukalen ausgesehen hat. Dreck lag auf der Straße. Es war für alle Neukalener und Flüchtlinge eine verdammt schwere Zeit. Ich glaube sagen zu dürfen, wenn der Herrgott nicht seine Hand über uns gehalten hätte, die wir durchgekommen sind, hätten wir dieses nicht überlebt. Anders kann ich es mir nicht erklären. Wir sind dem Herrgott dankbar, daß wir es geschafft haben und heute um so mehr dankbar. Das hätte ich nie geglaubt, daß ich noch mal erleben würde, daß die Rote Armee abzieht.

 

Hans Rademacher als Typhuspatient im Neukalener Krankenhaus, 1936

 

Hans Rademacher als Typhuspatient im Neukalener Krankenhaus, 1936

 

Schwester Katrin und Gemeindeschwester Agnes

 

Schwester Katrin und Gemeindeschwester Agnes

 

Schreiben des Bürgermeisters Westphal vom 28. Juli 1945

 

Schreiben des Bürgermeisters Westphal vom 28. Juli 1945