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Aus einem Familienbuch

 

von 
 
Dorothea Koß, verh. Stepputat
(geb. 26.2.1920, gest. 25.2.1998)
 
   Frl. Dorothea Koß schrieb 1936 in Hamburg ein "Familienbuch", in welchem sie alles aufzeichnete, was sie über ihre Vorfahren mütterlicherseits erfahren konnte. Was Neukalen und Umgebung betrifft, soll hier auszugsweise wiedergegeben werden. Dieses "Familienbuch" stellte Frau Irmgard Weißenberg, geb. Kolar aus Dargun dem Heimatverein Neukalen zur Verfügung.
   Wir bedanken uns recht herzlich.
 
Dorothea Koß, verheiratete Stepputat
 
Dorothea Koß, verheiratete Stepputat
geb. 26.2.1920, gest. 25.2.1998
(Fotografie von 1936)

 

   Meine Vorfahren in Neukalen waren, soweit wir erinnern, vielfach Fischer. Andere hatten handwerkliche Berufe. Da der Fischerberuf bodenständig ist, glaube ich, daß diese Vorfahren schon lange im Bereiche Neukalens ansässig waren. Meine Handwerkervorfahren werden bei ruhigen Zeiten in Neukalen ein behagliches Kleinstädterleben geführt haben. Sie hatten fast alle außerhalb der Stadt Landbesitz, der ihnen den Namen Ackerbürger gegeben hat.
   Meine Vorfahren mütterlicherseits lebten in dem kleinen mecklenburgischen Städtchen Neukalen in der Nähe des Kummerower Sees. Meine beiden noch lebenden Großeltern sind von daher nach Hamburg eingewandert. Ihre Heimat ist ein Stück der mecklenburgischen Schweiz. Der Neukalen vorgelagerte Wald: Forst Franzensberg und Kalensches Holz, erhält durch die Schluchten und Einschnitte seine landschaftliche Schönheit. Nach meiner Mutter Beschreibung führt ein Weg von der Neukalener Chaussee an dem zur Peene blickenden Waldrande zur Friedrich Franzens Höhe, einem beliebten Sonntagnachmittagsziel der Neukalener. Auf diesem Wege sieht man fortgesetzt in Erosionstäler. Eine dieser bewaldeten Schluchten wird von der Forstverwaltung ständig so ausgehauen, daß man von dort einen wunderbaren Blick auf das Heimatstädtchen Neukalen hat. Es ist der Franzensblick von der Friedrich Franzens - Höhe, der genau so schön sein soll, wie der Blick von der "Hohen Sonne" auf die Wartburg.
   Die Einwohner Neukalens sind größtenteils Ackerbürger. Ihr Haupterwerb besteht in Ackerbau und Viehzucht. Auf dem fetten, lehmigen Boden der Feldmark wird hier Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Kartoffeln, Zuckerrüben und Steckrüben gebaut. Neuerdings wird auch wieder Flachs gebaut. Ob dieser auch in Neukalen schon wieder vom Weber verarbeitet wird, weiß ich nicht. In der Kindheit meiner Großeltern hatte Neukalen noch vier Weber. Auch erzählt meine Großmutter noch von dem Flachsbrechen im Gartsbruch. Seit fünfzig Jahren aber hatte alles aufgehört.
   Wie ich schon vorher sagte, sind meine Vorfahren von Muttersseite eng mit Neukalen verknüpft. Obwohl schon in dritter Generation eine Spur nach Schlesien führt, fühlen wir uns doch durch das Leben meiner Großeltern und Urgroßeltern und durch den engen Zusammenhalt mit den noch lebenden mecklenburgischen Verwandten heimatlich mit Neukalen verbunden:
   Mein Ururgroßvater Traugott Kolar ist 1804 geboren. Der Geburtsort ist uns bisher unbekannt, doch wissen wir, daß er wahrscheinlich aus Böhmen eingewandert ist. Nach seinem Trauschein ist der "ehr- und arbeitsame Traugott Kolar, evangelischer Dienstknecht in Bromenhain, ein Witwer 32 Jahre" mit meiner Ururahne "Jungfer Johanne Heinrich, nachgelassene eheliche einzige Tochter 26 Jahre alt" des Häuslers George Heinrich in Uhsmannsdorf, Oberlausitz am 17. Januar 1836 in der evangelischen Kirche zu Rothenburg getraut worden. Laut Taufschein ist ihnen am 11. August 1838 ein Sohn: Johann, August Kolar, mein Urgroßvater, geboren worden, welcher am 17. August 1838 in die heilige Taufe gehoben wurde. Außerdem sind zwei Töchter in dieser Ehe geboren worden. Mein Urgroßvater Johann, August, Traugott Kolar ist im Jahre 1865 nach Neukalen gekommen 1).
 
1) Die Straße von Neukalen bis Pisede wurde in den Jahren 1852 - 1854 angelegt. Als Schachtmeister beim Bau werden genannt: Remer, Meyer, Großmann und Kruse. Die Bepflanzung war 1854 schon vorgenommen. Wenn er beim Bau dabeigewesen sein soll, müßte Johann August Traugott Kolar schon vor 1854 nach Neukalen gekommen sein.
 
   Um die Zeit wurden in Mecklenburg die ersten guten Landstraßen und Chausseen gebaut. Vorher war Mecklenburg wegen seiner schlechten Wegeverhältnisse bekannt. Die Stadt Neukalen hat sich gewiß fachkundige Leute von auswärts kommen lassen, wie man an meinem Urgroßvater sehen kann. Die Chaussee von Neukalen nach Malchin, deren Bodenarbeit er mit fertigstellen half, sollte sicher die Verbindung mit der Eisenbahnstrecke Hamburg - Stettin herstellen. Malchin war damals die nächste Eisenbahnstation für Neukalen. Wie mir meine Mutter erzählt, ist die Chaussee nach Art der Gebirgsstraßen gebaut und hat häufig beträchtliche Steigungen zu überwinden. Mein Urgroßvater war bei dem Bau Schottmeister und wurde nach Fertigstellung vom Baumeister als Chausseewärter eingesetzt. Sein Revier reichte von der Stadtgrenze bis zu der Franzensforst. Hier stand ein Chausseehaus, in dem der Chausseegeldeinnehmer von den Vorübergehenden Chausseegeld einnahm 2).
 
2) Das Chausseehaus stand in Pisede an der Einmündung der von Neukalen kommenden Chaussee in die bereits vorhandene Chaussee Neubrandenburg - Rostock. Es ist heute nicht mehr vorhanden.
 
   Der Schlagbaum wurde von ihm erst in die Höhe genommen, wenn der Wegezoll entrichtet war. Das Geld wurde dem Einnehmer in eine Art Klingelbeutel geworfen, den er an einem langen Stab zum Fenster hinaus hielt. Meine Mutter hat diese schöne alte Zeit als kleines Kind noch miterlebt. Die Chausseestrecke, die mein Urgroßvater täglich abzugehen hatte, betrug auf einer Strecke eineinhalb Stunden, für den Hin- und Rückweg also das Doppelte. Sehr bald bepflanzte mein Urgroßvater auch den Teil der Chaussee, der von der Stadt bis zum Walde (etwa ein Kilometer) reichte, mit jungen Kastanien. Diese sind heute große und starke Bäume. Die Chaussee soll sehr schön und weithin sichtbar sein. Ich bin dort nur einmal als kleines Kind gegangen. Mein Urgroßvater hatte bei Abschluß des Straßenbaues in Neukalen seinen Wohnsitz genommen. Nach ungefähr drei Jahren schloß mein Urgroßvater die Ehe mit meiner Urgroßmutter Emilie, Sophie, Jacobine Penzlin, einer Ackerbürgerstochter, die 1838 in Neukalen geboren ist. Ihr Vater ist der Ackerbürger Christoph Penzlin. Sie ist eine Tochter aus erster Ehe. Ihre Mutter, Sophie Penzlin, ist in der Erinnerung unserer Familie eine Bauerntochter gewesen. Ihre Kindheit reichte noch in die Zeit der Leibeigenschaft hinein. Dies näher zu erfahren, würde für uns besonders interessant sein, weil die Bauern in Neukalens Umgebung zu allerletzt frei wurden. Mein Urgroßvater Traugott hatte sich bald in Neukalen ein Haus erworben 3).
 
3) Es handelt sich um das Haus Nr. 345 (heute: Bahnhofstraße Nr. 5). Die ersten Häuser auf dieser Seite der Bahnhofstraße wurden ab etwa 1850 erbaut.
In diesem Haus in der Bahnhofstraße (heute Nr. 5) wohnte Johann August Traugott Kolar
 
In diesem Haus in der Bahnhofstraße (heute Nr. 5)
wohnte Johann August Traugott Kolar
(geb. 11.8.1838, gest. 20.11.1883)

 

 

   Der sehr große Garten ging bis auf das Gartsbruch. An dem unteren Ende hatte mein Urgroßvater eine schöne Baumschule angelegt, Ebereschen zur Hauptsache. Außerdem betrieb er die Imkerei. Die Bienenkörbe flocht er selber. Im Winter wurden beim Urgroßvater auch Löffel und Mulden geschnitzt, eine Kunst, die er nur in seiner früheren Heimat gelernt haben konnte, und die ihm sein Vater wahrscheinlich beigebracht hatte. Der Nutzgarten am Hause hatte besonders schöne Obstsorten: Pfirsiche, große, gelbrote Pflaumen. Als mein Großvater vor ein paar Jahren in Rahlstedt sein Haus kaufte, schwebte ihm bei der Aufteilung des Gartens die Anlage seines Vaters vor. Auch ein Weinstock, den er voriges Jahr gesetzt hat, ist nach seines Vaters Erfahrungen behandelt worden. Dies nimmt umsomehr Wunder, als mein Urgroßvater schon sehr früh starb. Also muß er bei seinen beiden Söhnen schon sehr früh das Verständnis für diese Dinge geweckt haben.
   Von den beiden in dieser Ehe geborenen Kindern ist mein Großvater Franz, Friedrich, Theodor Kolar am 23. Februar 1871 in Neukalen geboren. Er erzählt von meinem Großvater, der ihm mit zwölf Jahren genommen wurde, mit großer Liebe, wenn die Kinder auch schon früh zu des Urgroßvaters Unterstützung mitarbeiten mußten. Die Chaussee erforderte viel Aufsicht und Pflege. In regelmäßigen Abständen wurde der Fahrweg durch Legen von Kopfsteinen neu bezeichnet, eine Arbeit, die viel die Kinder ausrichteten, wenn der Vater keine Zeit hatte. Durch das Verlegen des Fahrwegs sollte ein ungleichmäßiges Abnutzen der Chaussee vermieden werden. Die beiden Jungen betrachteten es als ihr Nebenamt, die Kinder, die im Chausseegraben nach duftenden Walderdbeeren suchten, zu verjagen. Mein Großvater hat bei der Gelegenheit auch oft seine spätere Frau, meine Großmutter beim Schopf gehabt. Die Bürgerschule, die die Brüder in Neukalen besuchten, war sehr gut. Mein Großvater kam in den letzten beiden Jahren in die Rektorklasse, in die nur die besten Schüler aufstiegen. Wie gründlich der Unterricht gewesen sein muß, läßt sich daran erkennen, daß mein Großvater meiner Mutter noch bis zu deren Eintritt ins Seminar auf allen Wissensgebieten helfen konnte. Leider war mein Großvater schon in den letzten beiden Schuljahren eine Waise. Mein Urgroßvater Traugott war am 20.11.1883 an einem Krebsleiden gestorben. Sein schönes Besitztum ging unmittelbar in die Hände eines entfernter stehenden Verwandten über. Mein Ururgroßvater Christoph Penzlin hatte in zweiter Ehe sechs Söhne und eine Tochter. Dem zweiten Sohn, Fritz Penzlin, wurde durch Gerichtsspruch zwei Drittel des Wertes übergeben mit der Verpflichtung, meine Urgroßmutter Kolar bis zu deren Tode zu erhalten, und ihre beiden Söhne bis zu deren Berufsergreifung. Da meine Urgroßmutter schon am 27.8.1884 zu Neukalen verstarb, waren die Penzlins ihrer Hauptverpflichtung schon schnell ledig. Der Bruder meines Großvaters, Ernst Kolar, kam sofort in die Schlachterlehre. Auch mein Großvater kam mit Ende der Schulzeit zu einem Schuhmacher in die Lehre. Diese Lehre war noch ganz nach der alten Art mit wenig Essen, viel Prügel und noch viel mehr Arbeit. Nach vierjähriger Lehrzeit trat auch mein Großvater die Wanderschaft an, die ihn bis an die Porta Westfalica führte. Von da wandte er sich zu Fuß nach Hamburg zurück. Nach manchen Schicksalen gründete er 1893 eine eigene Schuhmacherei. Am 28.7.1894 schloß er mit meiner Großmutter Conradine, Wilhelmine, Ida, Auguste Remer die Ehe. Sie ist am 10. April 1873 zu Neukalen geboren. Vater und Großvater meiner Großmutter waren Fischer. Alles, was wir von diesen wissen, habe ich direkt von meiner Großmutter, in deren Erinnerung alles sehr lebendig ist. Mein Ururgroßvater Christian Remer ist in Verchen am Kummerower See geboren. Er hatte vier Kinder: zwei Söhne und zwei Töchter von seiner Ehefrau: Friderike, Caroline Remer, geb. Behrens. Der älteste Sohn hieß Christian, der zweite Friedrich. Friedrich, Christian, Karl ist mein Urgroßvater, dann kam Tante Lisette, die nach Hamburg zog und als letzte Tante Caroline, die unverheiratet gestorben ist. Mein Ururgroßvater hatte eine Fischerei auf dem Kummerower See. Außerdem fuhr er auch, wenn sich die Gelegenheit bot, Waren auf seinem Kahn von Demmin nach Anklam. Auf solcher Fahrt kam der Ururgroßvater ums Leben. Meine Großmutter erzählt, er und sein Knecht, den er sich hielt, hatten sich in der Kajüte Essen gekocht. Das Feuer ist dann zu früh zugedeckt worden und beide sind erstickt. Wann dies gewesen ist, wissen wir nicht. Seine Witwe, meine Ururahne, hat dann wieder einen Fischer geheiratet mit Namen Kruse. Der Zusammenhang der Familie durch diese Heirat muß wiederum sehr gut gewesen sein. Fischer Kruse brachte aus erster Ehe zwei Söhne mit, die später in Stavenhagen ansässig waren und ein Malereigeschäft hatten. Hier verlebten die beiden Brüder meiner Großmutter frohe Lehrjahre. Auch fuhr meine Großmutter als fünfjähriges Kind mit nach dort zur Hochzeit. Im Kahn ging es auf dem Kummerower See und auf der Peene nach Malchin. Von da aus mit der Eisenbahn nach Stavenhagen. Bezeichnend für das Gedächtnis meiner Großmutter ist ein Spruch, den sie von jener Hochzeit her behalten hat:
 
   "De slichten Tiden sünd vörbi,
   Unkel Albrecht kriggt de Friegerie.
   Nu bruken wi kein Brot mihr eten,
   Nu koent wi ümmer Kauken freten.
   Alle Dag kummt dreimal her
   Un givvt hei mi tauletzt nix mihr,
   denn luer ick up de Kindelbier."
 
   Mein Urgroßvater Friedrich, Christian, Karl Remer, genannt Fritz Remer, wurde meinen Ururgroßeltern als zweiter Sohn am 26.12.1824 zu Verchen geboren. Verchen ist direkt am nordwestlichen Ende des Kummerower Sees gelegen. Näheres über Verchen weiß ich nicht. Ich hoffe aber im Sommer dorthin wandern zu können. Auch meine Großmutter ist niemals dagewesen. In ihrer Kindheit galt das noch als eine riesige Entfernung. Als meine Großmutter in Neukalen geboren wurde, fühlten sich meine Urgroßeltern schon ganz als Neukalener 4).
 
4) Friedrich Christian Karl Remer wurde 1846 vom Militär entlassen und 1853 als Bürger in Neukalen aufgenommen.
 
   Nach meiner ungefähren Berechnung mußten sie damals schon zwanzig Jahre dort ansässig sein. Mein Ururgroßvater hatte mit seinem älteren Bruder Christian zusammen eine Fischerei auf dem Kummerower See gepachtet. Sie betrieben die Fischerei mit zwei Kähnen, wovon der eine mit und der andere ohne Fischbehälter war. In dem mit Wasser gefüllten Behälter wurden die nicht verkauften Fische aufbewahrt. Kam der Urgroßvater mit einem Fang im Hafen an, wurden die Fische auf einen Handkarren geladen und zu seinem Haus gefahren. Hier wurden sie auch verkauft. Der Fischfang wurde auf vielfache Weise betrieben. Im Sommer wurde jeden Morgen mit dem Kahn auf der Peene und an den See gerudert. Hier wurden Netze gelegt. Große Fänge wurden mit der Wade gemacht. Für Fische, die seichte, muddige Gewässer bevorzugen, wurden Reusen gelegt. Die Schleie und Rotaugen, welche an flachen muddigen Stellen des Sees und an dem seichten Ufer der Peene sich aufhielten, wurden auf diese Art gefangen. In der alten verkrauteten Peene fing der Urgroßvater Karauschen, Barsche und Plötze. Fische, die sehr unvorsichtig sind, wurden geangelt. Groß war die Freude, wenn einmal ein Wels ins Garn ging, was allerdings selten vorkam. Dieser Fisch hatte immer ein ziemliches Gewicht. Im Winter wurden im Hause die Netze ausgebessert, oder auch selbst aus Bindgarn gestrickt. Mein Urgroßvater hat meine Urgroßmutter Hanna, Sophie, Marie Remer, geb. Rietow umgefähr im Jahre 1860 geheiratet. Sie wohnten bis zum Tode des Urgroßvaters in der Klosterstraße. Sie hatten fünf Kinder: Hanna, Meta, Christian, Fritz und Conradine. Meine Großmutter war die Jüngste und fast fünfzehn Jahre jünger als ihre Brüder. Sie war sieben Jahre alt, als ihr Vater starb. Sie erinnert noch deutlich, wenn er vom Fischen nach Hause kam. Wenn sich in seinen Netzen, die am See zum Trocknen aufgehängt waren, Vögel verfangen hatten, brachte er sie ihr mit, so unter anderem auch einige Male einen Fliegenschnäpper. Der Urgroßvater war groß, hatte blaue Augen, einen Backenbart und war sehr lustig. Er war auch in der Schützengilde, und da er gut schoß, wurde er zweimal Schützenkönig 5).
 
5) Friedrich Christian Karl Remer war 1863 und 1866 Schützenkönig in Neukalen.
 
   Das sind gewiß die größten Tage im Leben der Urgroßeltern gewesen, denn der sogenannte Königsschuß war und ist heute noch ein wahres Volksfest in Neukalen. Meine Mutter hat als Kind dieses Fest oft mitgemacht. Im letzten Lebensjahr konnte der Urgroßvater nicht mehr mit ausmarschieren. Er zog sich aber seine Schützenuniform an und setzte sich auf die Bank vor dem Hause. Als dann der Schützenumzug durch die Klosterstraße kam, hielt der Gildemeister den Zug auf und ließ die Schützenbrüder dem Urgroßvater Ehrenbezeugung machen. Der Urgroßvater starb am 4.10.1880. Mein Ururgroßvater Kruse, der noch lebte, hat dann die Fischerei weitergeführt. Später ist sie in fremde Hände übergegangen. Meine Großmutter sagte von sich aus, daß die Fischerei den Remers im Blute lag, und daß sie glaube, daß der Beruf schon sehr lange bei ihnen üblich war. Meine Urgroßmutter war nun Witwe. Ihre beiden Söhne Fritz und Christian waren bereits in Neubrandenburg, wo sie sich zu dieser Zeit ein Geschäft gründeten. Sie mußte nun für sich und meine Großmutter, die damals noch Kind war, alleine sorgen. Die ländlichen Arbeiten, die sie übernahm: Kartoffelaufnehmen, Rübenhacken, Torfaufsetzen und im Winter Strümpfe stricken, waren nicht leicht. Sie hat sie aber bis in ihr hohes Alter rüstig verrichtet. Außerdem hat sie noch zehn Jahre nach Urgroßvaters Tod ihre Mutter, meine Ururgroßmutter gepflegt. Ururgroßmutter Anna Marie Rietow, geb. Schmeisser war aus Schorrentin, das ungefähr eine Wegstunde von Neukalen entfernt liegt. Hier war ihr Vater Lehrer und Küster 6).
6) Gustav Friederich Schmeisser wird als Küster in Schorrentin ab 1799 genannt. Er wurde in Gnoien geboren und starb am 3.1.1826 mit 68 Jahren in Schorrentin.
 
   Sie ist siebenundneunzig Jahre alt geworden, und da sie 1890 gestorben ist, muß sie schon 1793 geboren sein. Die Ururgroßmutter war in den letzten zehn Jahren aus Altersschwäche bettlägerig. Meine Großmutter hat sie also gar nicht anders gekannt. Sie ist aber geistig sehr frisch gewesen, und meine Großmutter weiß noch heute vieles, was sie erzählte. Sie muß eine ausgezeichnete Erzählerin gewesen sein. Aus der Franzosenzeit berichtet sie einmal, wie sie mit ihrer Schwester in der Küche stand und der Franzose zu ihnen hereinkam. Sie hatten in der Zeit nämlich häufig Einquartierung. Der Franzose sagte: "De Tuufen sün uk so dröach!" (Dei Tüften [Kartoffeln] sünd ok so dröch). Meine Ururgroßmutter antwortete: "Verdreihte Jud, makst, dat du mi ut dei Koek kümmst!" Der Ausspruch: "De Tuufen sün uk so dröach!" wird heute noch bei uns gebraucht, wenn etwas nicht schmecken will. Ein anderes Mal erzählte meine Ururgroßmutter, daß Pastor Jacobsen 7) in Schorrentin so zu Herzen gehend predigen konnte. Oftmals fing seine ganze Gemeinde zu weinen an. Wenn er das nun sah, wollte er sie trösten. Er pflegte dann nach den Worten meiner Ururgroßmutter zu seiner Predigt die Worte hinzuzufügen: "Weint nicht, meine geliebte Gemeinde! Wer weiß, ob auch alles wahr sei. Man lügt wohl von Jabel bis Criwitz, von Criwitz bis Waren und so die ganze Welt hindurch. - Des Morgens da singen die Vöglein in meinem großen Walnußbaum: "Guten Morgen! Guten Morgen, mein lieber Herr Jacobsen!"
 
7) Einen Pastor Jacobsen hat es in Schorrentin nicht gegeben. In dieser Zeit waren in Schorrentin Pastor Raddatz (1768 - 1811) und Pastor Böhmer (1811 - 1859) tätig.
 
   Meine Ururahne war nicht nur sehr gewandt im Sprechen, sondern sie hat auch viel hochdeutsch geredet. Einmal war sie ja Lehrerstochter. Aber auch ihr Mann, mein Ururgroßvater Rietow, der Schuhmacher war, war nach dem Zeugnis der Urgroßmutter "ein Hochdütschen", der aus Schlesien gekommen sein soll. Als die Ururgroßeltern heirateten, hatten sie ein Haus in der Amtsstraße. Sie waren wohlhabend und sehr gebefreudig. Die zahlreichen Patenkinder, die sie aus diesem Grunde hatten, kamen alle am Heiligabend und fragten: "Hebbn dei Kinner Jes's mi wat bröggt?" Jeder bekam dann sein Geschenk. Dazu wurden vor Weihnachten ganze Waschkörbe voll Pfeffernüsse gebacken.
   Die Kunst zu erzählen hat meine Urgroßmutter wohl von ihrer Mutter geerbt. Wenn sie zu meinen Großeltern nach Hamburg kam, oder wenn meine Mutter und deren Schwester bei ihr in Neukalen waren, konnte sie auf jedes Bitten hin gleich erzählen. Mein Großvater pflegte dann zu sagen: "Mudding, vertell uns Spökengeschichten!" Eine dieser Geschichten, die für uns besonders interessant ist, weil mein Urgroßvater darin vorkommt, gibt meine Großmutter in folgender Form wider: "Min Vadder wir up de Aalbaud (Einzelnes Gehöft am Kummerower See) bi sin Tante Bihrens (Behrens) un wull na Nikalen tau Ball. Dor seggt sin Unkel: "Fritz, kumm uk tau rechten Tid na Hus, du weitst, dat jährt sik, dat Linnebur verdrunken is." Min Vadder lacht em wat ut. As min Vadder denn Nachts na Hus kümmt, in jede Rocktasch ein Buddel Bischoz, de sin Tante Bihrens hebben süll, kummt hei an de fragliche Städ, un was steiht dor? Linnebur mit sin korten Jäcken un sin runnen Haut un sin Gesicht so ganz ollmig as son olle Wied. Min Vadder dit seihn un Rietut nemen. Von Tid tau Tid kek hei sik üm, un Linnebur ümmer twei Schritt hinner an. Min Vadder denkt bi sik: "Wenn de Tochbrügg nich dahl is, denn geihst dörch de Peen!" Taun Glück wir de Brügg dahl. As min Vadder bi den Kauhstall ankümmt, sik noch eins ümkiekt, blifft Linnebur up de anner Sid von de Peen bistahn. Min Vadder nich dörch de Dör, sonnern dörch den Kauhstall dörchgearbeit un in de Schlapstuv von sin Unkel un Tanten rin. Likenblaß! Sin Unkel fröcht: "Fritz, wat is di?" "Linnebur is hinner mi west!" Un taun Sluß kaem denn ümmer: Ick bün nich grugelig. Ick heww uk kein Feind. Wat dat wesen is? Ick weit nich." Urgroßmutter pflegte dann noch hinzuzusetzen: "Ne, un dat harr hei uk nich!"
Außer Spukgeschichten pflegte die Urgroßmutter auch Märchen zu erzählen. Das weiß ich schon sehr lange durch meine Mutter. Ihr schönstes Märchen war "Bur Kiwitt", die mecklenburgische Fassung von "Der große und der kleine Klaus".
   Meine Mutter hat die Urgroßmutter als Kind in jedem Jahr besucht und erzählt aus dieser Zeit 8):
 
8) Der nun folgende Abschnitt wurde von Maria Koß, geb. Kolar - der Mutter von Dorothea Koß - aufgeschrieben:
 
   Allemal in den großen Ferien ging es mit der Eisenbahn zur Großmutter. Nach der Bahnstation Malchin schickte sie mir auf ihre Kosten einen Wagen; weil unser Gepäck, zwei große Schließkörbe, im Omnibus nicht unterkommen wollten. Schon wenn der Fuhrwerksbesitzer Burmeister uns in der heimatlichen Mundart nach dem Woher und Wohin fragte, begann die Herrlichkeit. Dann erinnere ich mich nicht anders, als daß uns der Wagen bei herrlichstem Wetter über das Malchiner Pflaster rollte. Von den Malchiner Wiesen kam bald aus Richtung des in der Ferne liegenden Sees ein frischer Wind. Lagen dann die seeartigen Torflöcher und das Einnehmerhäuschen hinter uns, so nahm uns das Kalensche Holz auf. Hier gingen die Pferde weniger flott, denn die Waldchaussee fing nun an, auf- und abzuführen. Auch fiel der Wald zeitweise neben uns in die Tiefe ab, was uns Kindern immer besonders schön vorkam. Nach dreiviertelstündiger Fahrt, die uns zu schnell verging, erreichten wir das Waldende und sahen jedesmal mit unbeschreiblicher Freude Neukalen, unser Ferienziel, unter uns liegen. Mit Stolz fuhren wir Kinder dann das letzte Stück Chaussee, auf der die stattlichen Kastanien standen, die der Großvater Traugott gepflanzt hatte. Vorm Hause in der Rektorstraße stand schon die Großmutter. Sie hielt die Hand über die Augen, wenn wir um die Ecke bogen, um gleich darauf erfreut zu unserem Wagen zu eilen. Wie oft sind wir überglücklich in ihre Arme gesprungen, um dann bei ihr das schönste Ferienerlebnis zu beginnen!
   Die Großmutter bewohnte derzeit eine kleine Mietswohnung, aus Kammer und Küche bestehend. Wie wir hier alle und noch mit den beiden Schließkörben unterkommen konnten, begreife ich heute noch nicht. Dabei haben wir Kinder, wenn wir nicht fortwaren, uns nie beengt, sondern immer großartig behaglich und von peinlichster Sauberkeit umgeben gefühlt. Das Mobiliar, sicher noch Überreste von der Urgroßmutter Rietow'schen Aussteuer, die meine Mutter als einfach, aber aus gutem Eichenholz hergestellt bezeichnet, habe ich heute noch in allen Einzelheiten in Erinnerung. An den Wänden hingen kleine goldgerahmte Erinnerungsbilder von den frühverstorbenen Geschwistern meiner Mutter: Hanna und Meta, die mein Onkel Fritz in Neubrandenburg in der Malerlehre gemalt hatte. Über dem Bett der Großmutter war ein schöner alter Stahlstich "Christus mit der Dornenkrone". Ein gefährliches Stück Einrichtung war für uns Kinder die alte Wanduhr, deren Perpendikel und Gewichte frei herabhingen und die der einzige Anlaß wurden uns die Großmutter anders als gütig, also erzürnt zu zeigen. Da die Mutter dies immer berechnete, tat sie alles, um uns um diese Klippe herumzuschiffen. Wie zahlreich waren nun die Erlebnisse mit der Großmutter. Da sie bis in ihr letztes Lebensjahr mühelos ging, begleitete sie uns viel auf unseren Ausflügen. Der an der Peene gelegene Nutzgarten des Onkel Ernst, das Gartsbruch, wo das Schützenfest stattfand, das "Paradies", wo man beim Gärtner Brümmer Blumen binden ließ, Schorrentin, wo der Honig bestellt und später abgeholt wurde oder die Judentannen mit dem unheimlichen Judenfriedhof und mit dem doch so herrlichen Blick über die weiten Wiesenniederungen vor dem See waren unser Ziel. Unzertrennlich von der Großmutter sind auch die größeren Waldgänge, die wir ein- oder zweimal die Woche machten und die nach nützlichem Zweck erfolgten. Dann wurde schon mit Morgengrauen aufgestanden und bevor noch die Ackerbürger aus dem Schlaf kamen, zum Malchiner Tor hinausgewandert. Versteht sich, daß allemal gutes Wetter sein mußte! So sang denn auf den Feldern die Lerche "in der Früh", in allen Gräsern blitzte und blinkte der Tau, ein unbeschreiblicher Duft stieg aus Gräben und Wiesen und auf dem See zerfloß der dunstige Nebel vor unseren Augen. Unser Marsch war schnell in dieser Frühe. Die duftenden Wald- und Himbeeren, die wir pflücken sollten, mußten in unseren Körben sein, bevor die Sonne Wald und Flur in glühenden Dunst hüllte. Angekommen, bemächtigte sich uns Kindern ein heiliger Fleiß. Ich glaube heute, wir empfanden damals plötzlich instinktmäßig, wie arbeitssam die Großmutter, wie es auch die Eltern das Jahr über waren. Nicht allein zeigten wir immer wieder stolz unsere gefüllten Becher vor, wir fühlten auch, daß wir zu etwas nutze waren. Der Wald kam bei dem Treiben nicht zu kurz. Das Wild sahen wir in Rudeln durch die Waldschlucht ziehen. Der Kuckuck schlug bald fern bald nah. Auch zeigte uns die Großmutter, wie man ihn locken kann. Wir hörten den "Vogel Bülow", der uns den Wald so geheimnisvoll machte und unbeschreiblich war unser Entsetzen, als der Hirsch zum ersten und einzigen Male in unserer Nähe röhrte. Die Großmutter war immer und immer wieder mit allen Dingen verbunden. Auch heute fällt ihr Andenken mit dem Begriff Wald für mich zusammen. Selbst nach Hamburg schickte sie uns unverdorbene Waldgrüße. Ostern brachte die Post im Korb Anemonen und Leberblümchen (blaag Öschen) zum Pfingstfest Möösch (Waldmeister) und Maiblumen. Alle die kleinen Dinge in ihrer kleinen Stube waren ein Ausdruck ihres Wesens und darum auch die Behaglichkeit in derselben. Die kleinen Andenken an ihre früh verstorbenen Kinder drückten gleichzeitig auch ihre Liebe zu uns aus. Der leidende Christuskopf, den wir nicht täglich ertragen möchten, war der Grad ihrer Frömmigkeit. Die Uhr war das Gleichnis ihrer Ordnungsliebe, die sie sicher in den Ferien um unser Willen sonst hintenan stellte. Endlich Blumen, die sie als Goldlack, Levkojen und Monatsrosen in schönen Exemplaren vor dem Fenster zog, waren das Sinnbild ihrer Güte und Geduld; denn niemand verlangt mehr als diese Beständigkeit und Aufmerksamkeit. Die Großmutter starb siebenundsiebzigjährig. Einige Wochen vor ihrem Tode holte sie sich ihre erste und letzte Krankheit als sie bei ungünstigem Wetter im Walde Maiblumen pflückte, die sie uns schicken wollte.
 
Ernst Kolar
 
Ernst Kolar
(geb. 15.4.1868 in Neukalen, gest. 3.1.1944 in Neukalen)

 

 

 Ackerbürger und Schlachter Ernst Kolar mit seiner Frau Wilhelmine, geb. Gundlach in Neukalen

 

Ackerbürger und Schlachter Ernst Kolar mit seiner Frau Wilhelmine, geb. Gundlach in Neukalen

 

 

 Hanna Sophia Marie Remer, geb. Rietow

 

Hanna Sophia Marie Remer, geb. Rietow

 

 

Wilhelmine und Ernst Kolar (um 1940)

 

Wilhelmine und Ernst Kolar (um 1940)

 

 

Anna Kolar, geb. Geß mit ihrer Tochter Irmgard (Sept. 1928 in Neukalen)

 

Anna Kolar, geb. Geß mit ihrer Tochter Irmgard
(Sept. 1928 in Neukalen)

 

 

Grönwoldt und Irmgard Kolar (1930 in Neukalen)

 

Grönwoldt und Irmgard Kolar (1930 in Neukalen)

 

 

Ernst Ludwig Heinrich Kolar mit Ehefrau Anna Luise Georgine Karoline, geb. Geß und Tochter Irmgard (1.12.1930 in Neukalen)

 

Ernst Ludwig Heinrich Kolar
mit Ehefrau Anna Luise Georgine Karoline, geb. Geß
und Tochter Irmgard (1.12.1930 in Neukalen)