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Das Haus auf dem Gilkenwerder

 

Wolfgang Schimmel

 

 

Haus auf dem Gilkenwerder (2010)

 

 

   Fast am Ende des “Kuhdammes” befindet sich auf der nördlich gelegenen kleinen Anhöhe ein gepflegtes Grundstück mit Wohnhaus. So mancher Spaziergänger mag sich schon die Frage gestellt haben, wie ist dieses Anwesen wohl entstanden, wer hat hier die Einsamkeit gesucht und soweit außerhalb des Stadtgebietes gebaut?

 

Der Gilkenwerder auf der Karte von 1727

 

Der "Gilkenwerder" [II] auf der Karte von 1727,
oben ist Osten ("Kuhdamm" und Eisenbahnlinie nachträglich zur Verdeutlichung eingezeichnet)

 

 

   Auf einer Karte der Neukalener Feldmark von 1727 sieht man, daß die kleine Anhöhe - in alten Schriftstücken als "Gilkenwerder" bezeichnet - damals kaum erreichbar inmitten einer sumpfigen Wiesenniederung lag. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ist sie in den Besitz der Pfarre gekommen. Während Pastor Joachim Voigt 1622 noch berichtete, daß er aus der Wiese beim “Chiliken Werder” jährlich etwa 4 Fuder Heu einbringen könnte, zählte Pastor Christoph Arnoldi 1647 auch noch 3 Morgen Acker auf dem “Chelichen Warder” zum Pfarrbesitz. In der Zwischenzeit muß das Ackerland auf der Anhöhe wohl der Kirche übereignet worden sein. Schon 1704 konnte allerdings der Pastor Johann Mantzel keine konkrete Aussage dazu machen. Er berichtete:

“Aufm Cheligen Werder (vielleicht hat ihn ein Kleiner Cheel oder Michel der Priesterschaft vor vielen Jahren vermacht) sind, wie im angeführten protocollo stehet, ohngefähr 3 Morgen oder 12 Scheffel Landes. Dieses Jahr aber ists alles was Korn tragen kan, besäet mit 6 scheffel. Das übrige Land ist entweder ein strenger Leimberg oder eine niedrige Wiese. Dieser Werder ist umbher mit Morast und Wasser umbgeben, und hat einen einigen Zugang, der doch auch, wenn es viel geregnet hat, tief ist, daß man sich eines langen gemachten Steiges bedienen muß. Es ist ein Schlagbaum davor, welchen die Kirche machen lässet, das Schloß aber muß der Pastor davor schaffen, wie solches die Hochfürstl. He. Commissarii also in der general Visitation 1662 verordnet haben.”

   Näheres erfahren wir aus dem Jahre 1726. Der Pastor ließ damals rings um die Anhöhe einen Graben ziehen und einen Koppelzaun herrichten. Da wurden die Bürger unruhig. Es war üblich, daß im Herbst Schafe und Gänse frei über die abgeernteten Flächen ziehen konnten. Dem hatte sich der Pastor nun entgegengestellt. Im Herbst 1726 fragt deshalb die Bürgerschaft beim Rat an, wie der “Geliche Werder” an die Pfarre gekommen ist. Ein alter Mann weiß nichts weiter, als daß seine Mutter gesagt hat: Es wird dem Prediger sehr wohl behagen, daß dieser Werder an den Predigtstuhl verschenkt worden ist, weil er jährlich so schönes Heu und Korn davon werben kann. Da niemand andere Rechte nachweisen konnte, blieb das Stück Pfarrbesitz.

   1810 begann Pastor Suderow einen Teil des Ackers auf dem “Gilkenwerder” als Garten einzurichten. Pastor Breuel 1) erbaute hier ein kleines Gartenhäuschen, und in der Folgezeit kamen weitere Anbauten hinzu.

   Ein zweiter Pfarrgarten lag nördlich vom heutigen Denkmalsplatz. Zwei große Gärten, das war dem Pastor Voß, der 1883 das Amt angetreten hatte, dann doch zuviel. Er bot 1886 den weiter entfernten, unter der Nr. 131 im Stadtbuch eingetragenen und etwa 200 Quadratruten großen Predigergarten zum Verkauf an. Wie aus den "Bedingungen zum öffentlichen Verkauf des Pfarrgartens im Gilken - Werder ..." hervorgeht, gab es hier mehrere Gebäude: ein Wohnhaus, eine Scheune, einen Schweinestall und einen Keller.

   Am 7.4.1886 wurde der Pfarrgarten Nr. 131 in der Gastwirtschaft Kähler meistbietend versteigert. Der Händler August Lüders erstand ihn für 2945 Mark und wurde als Besitzer am 1.7.1886 in das Stadtbuch eingetragen. Bereits 1889 verkaufte er das Grundstück aber an den Gärtner Wilhelm Brümmer 2) aus Franzensberg.

   Wilhelm Brümmer richtete auf dem Gilkenwerder eine gut gehende Gärtnerei ein. Er lebte hier mit seiner Frau ruhig und abgeschieden von der Stadt in einer wunderschön blühenden Umgebung. Wilhelm Brümmer war als guter Gärtner bekannt. Er war auch Bürgerrepräsentant und Offizier der Schützenzunft. Die Ehe blieb leider kinderlos. Um 1900 entstand im Volksmund der Name "Paradies" für den Gilkenwerder, sicherlich in Anspielung an den früheren kirchlichen Besitz, aber auch weil damals viele sagten: "Die leben hier wie im Paradies".

 

Auf einer Karte von 1939 ist der Gilkenwerder als Paradies bezeichnet

 

Auf einer Karte von 1939 ist der "Gilkenwerder" als "Paradies" bezeichnet

 

 

Neukalener Wochenblatt vom 3.4.1889

 

"Neukalener Wochenblatt" vom 3.4.1889

 

 

Ummarsch zum Schützenfest 1907 mit Schützenkönig Wilhelm Brümmer

 

Ummarsch zum Schützenfest 1907
mit Schützenkönig Wilhelm Brümmer

 

 

Annonce im Neukalener Tageblatt vom 8.8.1914

 

Annonce im "Neukalener Tageblatt" vom 8.8.1914

 

 

Annonce im Neukalener Tageblatt vom 25.8.1914

 

Annonce im "Neukalener Tageblatt" vom 25.8.1914

 

 

 

   Das Gehöft wurde weiter ausgebaut. Im September 1920 erhielt das Wohnhaus elektrischen Anschluß. Als Wilhelm Brümmer 1931 starb, übernahm der Gärtner Rudolf Opitz das Anwesen. Er verzog später aus Neukalen. Karl Niehusen 3)  versuchte, die Gärtnerei weiterzuführen. Er verdiente sein Geld auch als Kirchenvogt, Friedhofswärter und Zigarrendreher. Als er 1957 starb, kaufte Otto Koch 4) das Grundstück für 6250,- Mark. Vorher hatte er  als Knecht beim Bauer Schnurstein in Lelkendorf ("Schnursteinquelle") gearbeitet und da seine Frau Margarete Koch, geb. Scheil kennengelernt, die vom Bauer Schnurstein adoptiert war. Otto Koch betrieb ein wenig Landwirtschaft, fuhr Milch für das Milchgeschäft Maeting und auch Pakete aus. 1987 verstarb Otto Koch. Sein Sohn Ulrich versuchte weiter zu wirtschaften, brachte aber nichts zuwege. Der Alkohol wurde sein bester Freund. Im August 1990 fand man ihn auf einer Parkbank am ehemaligen Schulsportplatz im Alter von 40 Jahren tot auf. Frau Margarete Koch ging es zu dieser Zeit gesundheitlich nicht mehr gut. Sie war ständig im Krankenhaus oder im Heim. Am 21.4.1991 starb sie im Alter von fast 77 Jahren.

 

Haus auf dem Gilkenwerder um 1960

 

Haus auf dem "Gilkenwerder" um 1960

 

 

Das Gehöft auf dem Gilkenwerder 1979

 

Das Gehöft auf dem "Gilkenwerder" 1979

 

 

Gilkenwerder 1979

 

"Gilkenwerder" 1979

 

 

Otto Koch mit seinem Sohn

 

Otto Koch mit seinem Sohn

 

 

Otto Koch

 

Otto Koch

 

 

Ulrich Koch (1981)

 

Ulrich Koch (1981)

 

 

   Thomas Zingelmann hatte 1990 das Grundstück von ihr gekauft. Das Haus und die Umgebung waren in einem total verwohnten und verwahrlosten Zustand. Nach zwei Jahren aufwendiger Aufräumungs- und Umbauarbeiten konnten Berit und Thomas Zingelmann dann 1992 endlich in ihr neues Heim auf dem "Gilkenwerder" einziehen. Auch heute noch ist das Grundstück mit dem schönen passenden Namen "Paradies" im Grundbuch eingetragen.

 

 

1) Friedrich Christoph Breuel war von 1851 bis 1864 Pastor in Neukalen

 

2) Wilhelm Christian Johann Brümmer, geb. 31.5.1860 in Schorrentin, gest. 12.4.1931 in Neukalen. Er heiratete am 31.5.1889: Anna Elisabeth Wilhelmine Sofia Dorothea Brinker aus Kämmerich (geb. 18.7.1865 in Hinter Wendof, gest. 2.7.1940 in Wismar, begraben am 6.7.1940 in Neukalen).

 

3) Karl Niehusen: geb. 19.4.1897, gest. 5.3.1957

 

4) Otto Koch: geb. 1.9.1912, gest. 21.9.1987; seine Frau war Margarete Koch, geb. Scheil, geb. 9.5.1914, gest. 21.4.1991; sein Sohn: Ulrich Koch, geb. 24.5.1950, gest. 12.8.1990

 

 

Zustand Gilkenwerder 1990 (1)

 

Zustand "Gilkenwerder" 1990

 

 

Zustand Gilkenwerder 1990 (2)

 

Zustand "Gilkenwerder" 1990

 

 

Zustand Gilkenwerder 1990 (3)

 

Zustand "Gilkenwerder" 1990

 

 

Gilkenwerder 1991

 

"Gilkenwerder" 1991

 

 

Gilkenwerder 2010

 

"Gilkenwerder" 2010